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BLOG vom 13.04.2011


Ein Kapitel Ästhetik: Warum die Windräder so hässlich sind
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Was man liebt, empfindet man als schön, ob es nun formvollendet ist oder nicht. Auf der Suche nach Schönheit verlangt unser Geist auch nach einer Fülle von Eindrücken, was von Unregelmässigem erfüllt wird. In der Natur offenbart sich die Regelmässigkeit nur ausnahmsweise, etwa im kristallinen Bereich oder bei niederen Lebewesen. Naturformen weichen von der Regelmässigkeit zumindest leicht ab. Die Ranken unserer Waldreben (Clematis vitalba) in unserem Garten laufen wirr durcheinander; daran kann man sich kaum sattsehen. Die Blätter und Blüten vieler Pflanzen sind frei gezackt, verschieden gross, immer leicht abweichend in der Form. Das Individuelle als Charakterzug alles Lebendigen trägt zu einem Lustempfinden bei, ebenso auch das Zufällige und Einmalige. Anders ist es im mathematischen Teilgebiet der Geometrie. Hier wird die unendliche Fülle möglicher Formen auf die Regelmässigkeit zurückgeführt, auf Klarheit, strikte Einheitlichkeit, auf dass alles messbar und berechenbar sei.
 
Die Technik und auch die Architektur stützen sich auf solche in Zahlen fassbare geometrische Formen. Die Tragfähigkeit des Materials lässt sich dann exakt berechnen, und der Produktionsvorgang ist vereinfacht. Wer sich bei der formalen Gestaltung nicht an geometrische Strukturen hält, bedarf zudem einer grösseren Portion von Fantasie, muss zu einem höher entwickelten Gestaltungsvermögen finden.
 
Heiligt der Zweck die Ästhetik?
Im Prinzip werden ein technisch funktionierendes Bauwerk oder ein ebensolcher Gebrauchsgegenstand als schön empfunden: eine Brücke, deren harmonischer Bogen die Druckkräfte zu den Seiten leitet, die hyperbolische Form eines Kühlturms, die genau so sein muss, um den aufsteigenden Dampf zu beschleunigten. Bei Gebrauchsgegenständen ergibt sich oft eine Art von Schönheit rein aus der Zweckmässigkeit für den Gebrauch: Ein bequemer Stuhl, eine Fruchtschale, ein Trinkglas werden als schön empfunden, wenn sie ihren Zweck perfekt erfüllen; ein spezielles Design (eine Formgebung aus ästhetischen, gestalterischen Gründen) kann leicht die Funktion beeinträchtigen.
 
Zum Naturschönen kommt oft das Kunstschöne, das vom Menschen Gestaltete. Da ist einerseits also das Schöne, das ohne menschliches Zutun von Natur aus einfach da ist, und anderseits das, was der Mensch geschaffen hat, etwas Künstliches und auch das, was wir Kunst nennen. Der Schönheitstrieb macht die schützende Kleidung zu einem schöpferischen Modegegenstand, den man während befristeter Zeit als anziehend zu empfinden vermag, wenn alles gut geht. Insbesondere Frauen betonen ihre natürlichen Reize mit allerlei kosmetischen Gestaltungsmassnahmen, um zum Kunstwerk zu werden. Beim Tanz (Ballett) geht es um die Schönheit der rhythmischen Bewegungen. Und wir fühlen uns aufgerufen, auch die Natur um unser Haus herum unseren Schönheitsidealen anzupassen, ändern den Naturwildwuchs in einen geometrisierten Garten um. Resultiert daraus ein Gewinn an Schönheit?
 
Wie schön ist ein Windkraftwerk?
Fragen nach dem, was wir als schön oder hässlich empfinden, haben mich nach dem kürzlichen Besuch des Dörfchens St-Brais in den jurassischen Freibergen bewegt (Blog vom 08.04.2011: Windkraftwerke: Landschaftstötende, lärmige Alibiübungen). 2 riesige Windkraftwerke sind oberhalb des geschlossen wirkenden, feingliedrigen Dorfs installiert worden. Sie beherrschen das Bild, weil sie die Proportionen sprengen und in luftiger Höhe einen neuen Schwerpunkt setzen; sie sind jetzt die Landschaft.
 
Man kann die Windmaschinen mit ihren Riesenpropellern durchaus als schön empfinden – es gibt schliesslich subjektive und objektive „Wahrheiten“. Ich habe an einem trüben, regnerisch-nebligen Tag im September 2009 solch ein Windrad auf dem Mont Soleil in der Nähe der ausgedehnten Solarpanels schemenhaft durch die milchige Atmosphäre gesehen – es tauchte auf, verschwand gelegentlich wieder, kam zurück. Ich habe dieses zerfliessende Erlebnis des Wahrnehmens und Fühlens als stimmungsvoll empfunden (Blog vom 08.09.2009: Nebel, Nieselregen auf dem Mont Soleil beim Solarkraftwerk). Einen ganz anderen Eindruck gewann ich bei klarer Sicht am 03.04.2011 in St-Brais und auf dem Mont Crosin, wo der grösste Windpark der Schweiz eingerichtet ist – also hart am Wind.
 
Im Prinzip wird die Kreisform, die durch die Propellerbewegungen markiert ist, als ästhetisch, stilvoll empfunden, eine abstrahierte Kunstanimation in Grisaille-Technik (Beschränkung auf unbunte Farben). Die formale Schönheit des Kreises ergibt sich daraus, dass alle Punkte der Kreislinie gleich weit vom Mittelpunkt entfernt sind, wodurch eine Einheit in der Mannigfaltigkeit entsteht. Die rotierende Bewegung lässt bei monströsen Windrädern die grossen Kräfte erahnen, die hier im Spiele sind, was durch entsprechende Geräusche untermauert wird. Das gilt für den ersten Eindruck, ist eine Momentaufnahme. Doch dann, nach kurzer Betrachtungszeit, dämpft die abstumpfende Monotonie im optischen und akustischen die Begeisterung; man weiss, dass neben kaum wahrnehmbaren Geschwindigkeitsänderungen der Propeller-Dreiheit alles gleich bleiben wird. Es ist immer dieselbe Drehbewegung, dieselbe Drehbewegung, Drehbewegung, Drehbewegung. Das immer Ähnliche, das immer Gleiche.
 
Diese zermürbende, Aufmerksamkeit erheischende Eintönigkeit wird durch das Sprengen der vorgegebenen Proportionen akzentuiert. Die neuen Windkraftanlagen auf dem Mont Crosin sind bis 140 m hoch, vergleichbar mit dem 142 m hohen Strassburger Münster. Und die Länge eines einzelnen Rotorblatts beläuft sich auf 45 m – sagen wir einmal etwa das Anderthalbfache eines landläufigen Kirchturms (30 m). Im Durchmesser (2 × 45 m = 90 m) entsprechen sie der Höhe des Turms der Kathedrale von Segovia in Spanien. Das scheussliche Getreidesilo, das die Getreidemühle Swissmill, eine Coop-Tochter, im Zürcher Quartier Wipkingen bauen will (die Architektur erinnert an einen WTC-Turm), wird 118 m hoch werden und die Zürcher Skyline verunstaltend dominieren.
 
Die Windmühlen-Wachstumseuphorie ist noch unvollendet: Zurzeit baut die die Enercon GmbH in Aurich D bei Magdeburg den ersten Prototyp der weltweit leistungsstärksten und höchsten Windenergieanlage ‒ die „E-112“. Die Anlage wird total 170 m hoch werden, und der Rotordurchmesser soll 112,8 Meter betragen. Windkraftwerke machen also den Höhenrausch von Wolkenkratzern mit: immer höher hinaus, auffälliger, imposanter, abschreckender. Die Türme werden dabei nicht in die Breite wachsen, denn sie halten den Wind ab. Die Propeller verlieren beim Vorbeiflug je mehr an Schwung, desto breiter der Turm ist. Das Malawiya-Minerett in Samaraa (Irak), das an der Turmbasis einen Durchmesser von 30 Metern hat, sich spiralförmig auf fast 60 m hinauf schraubt und oben noch immer einen Durchmessern von knapp 5 m hat, wäre als Windmühlenturm überhaupt nicht geeignet.
 
Eindruck der Labilität
Baut man ein Bauwerk mit hohen Mauern, sollte für den Betrachter erkenntlich sein, wie sie gestützt sind. Die Dämme von kanalisierten Flüssen verstärkt man mit nebenan gestellten Buhnen; ähnliche Verstärkungen sieht man oft auch bei alten Häusern, wo Grundmauerteile leicht nach aussen abgeschrägt, also verdickt sind. Bei Windrädern auf den hohen, schlanken, sich nach oben verjüngenden Stahlrohrtürmen, auf denen der rundum drehbare Turmkopf („Gondel“) mit den 3 aerodynamischen Rotorblättern aus Faserverbundwerkstoffen ruht, fehlt dieses Erlebnis. Sie sind auf viele Tonnen schweren, riesigen Betonsockeln im Boden zweifellos fest verankert. Die Sockelplatte sieht man nicht, und so machen denn die Gestänge einen labilen Eindruck. Um die Schönheit, die aus der Zweckmässigkeit herauswachsen kann, ist es geschehen. Das Übermass an Kraft, das sich im Propellerbereich erahnen lässt und uns niederdrückt – man kommt sich wie in einem grossen sakralen Raum klein, unbedeutend und schwächlich vor –, steht auf vermeintlich wackeligen Füssen. Und jeden Eindruck von Schwäche empfinden wir als hässlich.
 
Zusätzlich kommt hinzu, dass die Windräder, deren optischer Schwerpunkt ganz oben liegt, in einem Missverhältnis zu den Elementen der umgebenden Landschaft stehen. Im Falle des Windparks auf dem Mont Crosin überragen sie die Wettertannen auf den Wytweiden deutlich. Bei diesen Fichten stimmen die Proportionen, und ihr Schwerpunkt ist unten (besonders weit ausladende Äste); hier wird das Proportionsgefühl, das richtige Verhältnis der Teile zum Ganzen, nicht verletzt. Das Gewaltige, Erhabene muss gut abgestützt sein.
 
Chaotisch anmutende Anordnung
Zweifellos haben einzelne Windkraftwerke noch etwas vom Reiz der Symmetrie über die Runden bringen können, ohne die Eindruck der Vollkommenheit zu erreichen, wie das beim Tadsch Mahal bei Agra in Indien in besonderer Ausprägung der Fall ist. Doch wird dieser gleich wieder zunichte gemacht, weil sie gruppenweise in lockerer Anordnung auftreten. Auf dem Mont Crosin stehen sie in unterschiedlichen Massierungen und Abständen, abgestimmt auf die nutzbare Wind-Ergiebigkeit eines bestimmten Standorts. Natürlich muss das in diesem strukturierten Gelände so sein.
 
Die Wiederholung verstärkt einen Eindruck; sie kann energetisierend wirken. Aber wenn sie zwangsläufig chaotisch in Erscheinung tritt, provoziert sie Unruhe. Wenn das Einförmige wiederholt wird, ergibt sich daraus auch nicht die erwünschte Mannigfaltigkeit, sondern eine Unordnung, eine Disharmonie. Man wird ein Gedicht nicht als kunstvoll empfinden, nur weil sich die Reime reimen, sondern auch das Versmass sollte stimmen (jedenfalls nach herkömmlicher Auffassung).
 
Bei Windparks im ebenen Gelände wie in Europas Norden (besonders in der Nordsee und der Ostsee) oder auf Ilocos, wo die grössten Windmühlen Installationen der Philippinen zu finden sind, wie mir mein Bruder Rolf P. Hess mitteilte, können die Propellertragstangen nach einigermassen ästhetischen Grundsätzen angeordnet werden, weil das Gelände eben ist.
 
Beim Anblick verstreuter Windmaschinen erlebt man, wie sich gefühllose Kräfte gegen den Widerstand des ästhetischen Empfindens durchsetzen. Das ist bei einem KKW-Kühlturm nicht anders. Er wird zur Landmark, wirft seinen Schaffen, tritt glücklicherweise aber in ungleich geringerer Anzahl als Windkraftwerke mit ihrer doch sehr bescheidenen, beinahe vernachlässigbaren Elektrizitätsproduktion auf.
 
In den Bergen
Bei unseren hügeligen, gebirgigen Verhältnissen stellt man Windmühlen mit Vorteil (für die Energieausbeute) auf Hügel oder Berge. Selbstverständlich können es die Berge mit Windkraftwerken, und mögen diese noch so sehr in die Höhe wachsen, aufnehmen, was die Dimensionen anbelangt. Berge sind breit gelagert, halten sich deshalb im sicheren Gleichgewicht; sie erodieren, fallen aber nicht um. Und selbst wenn sie sich an einzelnen Stellen schnurgerade auftürmen, empfinden wir, dass sie sicher abgestützt sind. Sie sind trutzig – im Trotz richten wir uns auf.
 
Berglandschaften bedürfen keines zusätzlichen Schmucks, schon gar nicht in der Gestalt von Windanlagen, Stromübertragungsleitungen usw. Sie sind Zufluchtsorte für Menschen, die von der Alltagshektik mit den immer gleich rotierenden Belästigungen genug haben. Sie sind eigentlich Orte der Ruhe, der Beschaulichkeit. Sportanlagen haben sich ihrer dennoch bereits bemächtigt. Das dürfte genügen.
 
Verwendete Quelle
Meyer, Theodor A.: „Ästhetik“, Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart 1925.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über Windkraftwerke
 
Hinweis auf Blogs über die Kernenergiekatastrophe in Japan
 
Hinweis auf Textatelier.com-Reportagen über den Kanton Jura und Umgebung
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