Textatelier
BLOG vom: 16.04.2011

Mein Froschkönig im Garten hatte etwas Kosmetik nötig

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Unter der Birke auf einer verschmutzten, kreisrunden Marmorplatte sass der Frosch seit 20 Jahren im Garten und quakte kein einziges Mal. Er war aus Eisen geformt, doch sein grüner Anzug war schuppig geworden. Die Farbe blätterte ab. Nein, er war kein Froschkönig, wie er von den Gebrüdern Grimm erdichtet worden war. Trotzdem starrte er zufrieden mit aufgerissenem Mund hoch und fand viel Beifall von den Kindern, die ihn bemerkten. Er gefiel besonders dem kleinen Mädchen einer benachbarten Familie. Ich erzählte ihr die Geschichte vom Froschkönig und wie er sich in einen Prinzen verwandelte.
*
Gestern tat mir der verwitterte Frosch leid. „Du machst mir Sorgen“, sagte ich. „Warum hast du mich derart vernachlässigt?“ klagte er. „Du brauchst zuerst ein gutes Laugenbad“, versprach ich ihm.
 
In einer Schüssel auf dem Gartentisch mischte ich die Lauge und setzte ihn ins Bad. „Jetzt kommst du ins Spital und wirst operiert“, befand ich. Ich schrubbte ihn mit der härtesten Bürste. Hartnäckig blieb er von Farbklecksen übersprenkelt. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm mit der Stahlbürste auf den Leib zu rücken. Einige Stellen auf seinem Rücken waren vom Rost durchlöchert.
 
Alles in allem war es eine langwierige Operation. Mit einem Pinsel strich ich flüssigen Rostschutz über seinen Leib. Eine lange Wartefrist war mir ausbedungen, ehe ich die Operation fortsetzen konnte. Der Froschkönig übernachtete in der Hausflur. Anderntags stopfte ich die Rostlöcher. Wie sieht ein waschechter Frosch aus?
 
Ich schaute im Internet nach. Es wäre ein Stilbruch gewesen, ihn mit blauem Lack zu bemalen. So schwang ich mich aufs Velo und kaufte eine kleine Dose mit grüner Lackfarbe.
 
Nach dem Anstrich verbrachte der Froschkönig seine 2. Nacht in der Hausflur. Seine Glotzaugen hatte ich vergoldet. Und damit er wieder sehen konnte, gab ich ihm Pupillen mit einem Schwarzstift. Welche Rachenfarbe stand ihm an? Ich wählte dazu rot. Der Morgen kam und mit ihm die Sonne. Auf der Kartonunterlage liess ich den König auf dem Rasen austrocknen.
 
Als ich mich dem Froschkönig widmete, genauer gesagt die Zeit verplemperte, kam ich zum Schluss, dass er weit über 100 Jahre alt sein muss und vermutlich als Wasserspeier in einem Miniaturteich gedient hatte. Das war wohl die glücklichste Zeit in seinem Leben gewesen – als Mückenschnapper.
 
Schade, dass ich ihn nicht dem kleinen Mädchen zeigen konnte, denn sie war inzwischen gross geworden und mit einem ganz anderen Prinzen verheiratet. Aber ich bin sicher, dass er neben mir andere Bewunderer finden wird – so festlich hergerichtet auf der aufpolierten Marmorplatte.
 
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