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BLOG vom 13.02.2005


Journalisten-Freiwild im Irak und die CNN

Autor: Walter Hess

 

Als Freiwild bezeichnet man zur Jagd freigegebenes Wild. In der Regel sind das Tiere, für die unser westlich-christlicher Kulturraum ohnehin wenig Herz hat – Tiere wie die Schlangen dienen als Verkörperung des Bösen, und ihnen muss man den Kopf zertreten. Falls unsere Nutzerinnen und Nutzer eine geballte Ladung von Grausamkeiten lesen möchten, können sie zur Bibel greifen und sich beispielsweise bei 1, Mose 3,14 und 15 Folgendes zu Gemüte führen – gewissermassen als erbauendes Wort zum heutigen Sonntag:

 

„Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstossen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Feld. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem und ihrem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“

Und so weiter. Sippenhaft inbegriffen.

 

Die feindliche Einstellung bestimmten Tieren gegenüber findet hier also ihre biblische Rechtfertigung mit all den Folgen wie Ausrottungsmassnahmen, Bejagung usf. Und selbstverständlich kann man die Jagd auch auf unangenehme Journalisten ausdehnen, etwa auf jene Kriegsreporter im Irak, die nicht zu den „eingebetteten“ (gemäss US-Embedding-Programm als neuester Zensurversion) gehörten und welche die Kühnheit hatten, in aller Unabhängigkeit zu berichten. Denn die HERREN der Welt, die das Böse hassen, sind gekommen, die Erde zu richten, die Völker erzittern zu lassen und Unangepassten den Kopf zu zertreten. Die Folgen beschrieben Philipp Göthel und Felix Müller in „Die Welt“ vom 9. April 2003, einen Tag nach dem Angriff der US-Truppen aufs Hotel „Palestine“ in der Stadtmitte von Bagdad, das zu einer Art Schaltzentrale der unabhängigen Journalisten geworden war: In jenen Wochen seien im Irak-Krieg „mehr Journalisten gestorben als im letzten Golfkrieg“ – über 10 waren es damals bereits gewesen. Das tönte sehr prosaisch. In jenem Hotel hatten sich die meisten Kriegsberichterstatter einquartiert. Die US-Soldaten wussten nichts davon (laut einem Untersuchungsbericht der "Reporter ohne Grenzen"); wahrscheinlich waren die entsprechenden Informationen bewusst nicht an sie weitergegeben worden. Jedenfalls wird im erwähnten Bericht das US-Kommando für den Tod zweier Journalisten im „Palestine“ verantwortlich gemacht.

 

Al-Dschasira-Reporter warfen damals der US-Armee vor, ihren Sender wegen seiner „unabhängigen Berichterstattung“ beschossen zu haben. Unmittelbar vor der Hotelbeschiessung durch US-Truppen hatte das US-Militär die Gebäude jenes nicht eingebetteten, nach journalistischen Kriterien arbeitenden arabischen Senders Al Dschasira (Al Jazeera) an den Ufern des Tigris unter Feuer genommen. Der Sender büsste dafür, dass er neue Massstäbe hinsichtlich einer ehrlichen Berichterstattung setzte. Der jordanische Korrespondent Tarik Ajoub, der erst 3 Tage zuvor in Bagdad eingetroffen war, hatte auf dem Dach des Hauses gestanden, als eine Rakete einschlug und sein Leben auslöschte.

 

Die beiden „Welt“-Reporter berichteten damals das Folgende: „Nach dem Angriff herrscht im Hotel ‚Palestine’ Chaos. Flammen und dichte Rauchschwaden steigen aus dem 15. Stock des Gebäudes. Wo die Panzergranaten eingeschlagen sind, klafft ein Loch, Metallstreben sind zu sehen. Der arabische Fernsehsender Al Dschasira zeigt Sanitäter, die blutüberströmte Personen aus der von Glassplittern übersäten Hotellobby tragen. ‚Grausige Szenen’ hätten sich dort abgespielt, berichtet ARD-Korrespondent Stephan Kloss. Fliehende und weinende Journalisten, herumliegende Trümmer, mehrere Schwerverletzte. 2 Kameraleute starben später im Krankenhaus.“ 

Die Organisation Reporter ohne Grenzen warf während jenen Kriegstagen George W. Bushs schiess- und folterwütigen Truppen vor, die Sicherheit der Rechercheure bewusst zu gefährden. „Journalisten gerieten unter Beschuss, wurden verhaftet, misshandelt und geschlagen“, so schilderte Generalsekretär Robert Menard die Lage. Seine Organisation sorgte sich um jene Reporter, die nicht in die Truppen der Briten und der USA „eingebettet“ und damit unter Kontrolle waren. Zudem forderte Menard den damaligen US-Oberkommandierenden Tommy Franks auf, den Tod des britischen ITN-Journalisten Terry Lloyd aufzuklären, der am 22. März 2003 bei Basra vermutlich unter „friendly fire“ geraten, also von den eigenen Truppen erschossen worden war, die wild herumfeuerten.

Der Kampf um die publizistische Wahrheit, welche die tief religiösen US-Machthaber gar nicht schätzen, ja offensichtlich verabscheuen, forderte viele Opfer; wer sich nicht in die berühmte „Koalition der Willigen“ einreihte, musste mit dem Tod rechnen. Und die US-Medien ihrerseits lieferten sich einen Krieg um die Ehre, das patriotischste Programm zu verbreiten, inklusive und besonders der westliche Leitsender CNN, der als so etwas wie eine Pressestelle der USA fungiert und westlichen Medien (Fernsehen und der hinterherlaufenden Presse) als Vorbild dient – und leider nicht als abschreckendes.

 

Soweit ein grober Überblick, den ich Ihnen, liebe Nutzer, geben wollte, um den am Samstag, 12. Februar 2005, bekannt gewordenen Rücktritt des CNN-Nachrichtenchefs Eason Jordan im richtigen Umfeld sehen zu können: Laut Teilnehmern am Weltwirtschaftsforum 2005 im schweizerischen Davos soll Jordan am 27. Januar gesagt haben, im Irak hätten US-Soldaten wissentlich Journalisten getötet (zitiert nach dem „Tages-Anzeiger“ TA vom 12. Februar 2005). Jordan bestritt dies, soll immerhin aber eingeräumt haben, seine Aussage sei "missverständlich" gewesen. Der TA: „Seine Äusserungen ‚über die alarmierende Zahl der im Irak getöteten Journalisten’ seien ‚nicht so eindeutig gewesen, wie sie hätten sein sollen’. Wer ihn näher kenne, wisse, dass er niemals US-Truppen auch nur verdächtigen würde, Journalisten wissentlich zu töten. Abschriften der Äusserungen Jordans am WEF würden nicht veröffentlicht, verlautete dazu vonseiten der Organisatoren. Begründet wurde dies damit, dass sich Jordan an einer nicht-öffentlichen WEF-Veranstaltung geäussert habe.“ 

Mein persönliches Fazit daraus: An der höchsten Stelle der CNN-Nachrichten-Redaktion war und ist sehr wohl bekannt, dass unabhängige Journalisten abgeschossen wurden (ein Parallelfall zu den US-Folterungen), doch öffentlich ausgesprochen werden darf das nicht. Und wer die Wahrheit sagt oder auch nur missverständlich andeutet, hat seine Konsequenzen zu ziehen. Ein Sender, der die Wahrheit sagt, würde in den USA Schaden nehmen… Infolgedessen ist die Wahrheit dort kriminalisiert.

Während des Irak-Kriegs sind einige Fälle von unabhängigen Denkern bekannt geworden. So etwas wird in den USA nicht toleriert, und wenn die Unangepassten, Uneingebetteten irgendwelche öffentlichen oder pseudoöffentlichen Ämter bekleiden, werden sie hemmungslos fertig gemacht und abserviert. Unter diesen Auspizien kann man die Durchhaltekraft eines Filmemachers Michael Moore und seinesgleichen nicht genügend würdigen.

 

Sie sind zusammen mit den abgeschossenen Journalisten die wahren Helden und nicht die Angepassten, Eingebetteten, Willigen und Verlogenen.

 

 

 

 

 

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