Textatelier
BLOG vom: 02.07.2011

Soziale Zustände in London: Aus der Hüfte geschossen

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
„Shooting from the hip” – dieser Wildwestausdruck stammt aus den USA und bezeichnet unüberlegtes, voreiliges Handeln. Das Messer oder der Revolver werden beim geringsten Anlass gezückt.
 
Der blutrünstige Film „Bonnie and Clyde“, natürlich aus den USA, wurde 1967 gedreht und gilt als Vorläufer unzähliger anderer Filme, in denen rohe Gewalt vorherrscht.
 
Tagtäglich erfahren wir aus den Zeitungen, meistens auf Kurznotizen beschränkt, wie jugendliche Banden einander in London und anderen englischen Grossstädten bekämpfen und ermorden. Sie beherrschen ihre Distrikte. Wehe, wenn einer auf der falschen Strassenseite erwischt wird.
 
Meine Blogs vom 18.11.2005 („Happy slapping“ und „Bitch slapping“ breiten sich ausund vom 06.03.2006 („In Cold Blood“: Kaltblütige Mörder und die Autoren) decken unsere zunehmend verrohte und enthemmte Gesellschaft auf. Ich verwies dabei auch auf Vorfälle, wie Leute mutwillig vom Perron aufs Geleise eines herannahenden Zuges gestossen wurden.
 
Mehr und mehr Geistesgestörte verlieren sich in den Grossstädten. Sie wechseln ihre Adressen. Niemand kennt sie, niemand erkennt sie, bis sie, in eine Rage (Wut) überschnappend, Leute anfallen, Frauen vergewaltigen. In kleineren, etwa dörflichen Gemeinschaften können sie sich nicht so leicht verkriechen.
 
Was lässt sich dagegen tun? Viele schlecht ausgebildete und teils korrupte Polizisten patrouillieren – nach kurzer Schnellbleiche – zu zweit (wenn überhaupt) durch die Strassen und erwischen gelegentlich die Falschen. Ein unschuldig eingekesselter Zeitungsverkäufer wurde auf dem Heimweg brutal von einem Polizisten niedergeschlagen und starb innerhalb weniger Minuten.
*
Die Ursachen dieses Zerfalls der Werte sind bekannt. Endlos debattieren Politiker, wie die Kriminalität gedrosselt werden könnte. Sie berufen Experten und publizieren „white papers“ (Gesetzesvorlagen).
 
Einzig ERZIEHUNG, gross geschrieben, wäre der Weg aus dem Schlamassel und müsste altruistisch von Kindsbeinen an aufwärts gefördert werden: ein allumfassendes Schulwesen, das nicht bloss einer Elite vorbehalten bleibt und weitgehend von kommerziellen Interessen eingeengt ist. Der Begriff „post code lottery“ hat sich in Grossbritannien eingebürgert, das zwischen Wohlstand und Armut scheidet.
 
Die armen Stadtbezirke sind nach wie vor benachteiligt, noch ausgeprägter jetzt, wo die Wirtschaftskrise die vernachlässigte Bevölkerung am härtesten trifft. Mehr und mehr Leute sind auf Lebensmittelpakete von der Wohlfahrt angewiesen. „Warum verzichten diese Leute nicht auf ihren neuesten Fernsehapparat, Waschmaschine, Tiefkühltruhe?“ fragte neulich ein Politiker hartherzig. Damit hat er aus der Hüfte geschossen – direkt in seinen Fuss.
 
Zum Abschluss füge ich kommentarlos die gegenwärtig geltenden minimalen Stundenlöhne – Hungerlöhne – ein:
 
Current NMW rates
There are different levels of NMW, depending on your age and whether you are an apprentice. The current rates are:
£5.93 – the main rate for workers aged 21 and over (CHF 7.88).
£4.92 – the 18–20 rate (CHF 6.55).
£3.64 – the 16–17 rate for workers above school leaving age but under 18 (CHF 5.52).
£2.50 – the apprentice rate, for apprentices under 19 or 19 or over and in the first year of their apprenticeship (CHF 3.34).
 
Was sagen die Spitzenverdiener der Banken und Wirtschaft dazu?
 
Die Kassiererin im Supermarkt kann dazu nur sagen: „Davon lässt sich nicht leben!“
 
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