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BLOG vom 04.07.2011


Die Weisheiten aus der Weite der Witi unbedingt ausweiten
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Immer wieder muss ich nur staunen: Auf allen möglichen Dächern von Altreu (Gemeinde Selzach SO) bewohnen Störche ihre Nester, alle Jahre wieder. Sie präsentieren sich hoch oben, schauen auf die dortige Aarekrümmung, schon fast eine Haarnadelkurve, und übers westliche Solothurner Mittelland. Sie wollen beweisen, dass sie selbst in dieser kinderarmen Zeit für uns da sind und ihre Wiederansiedlung gelingt, wenn man ihnen bloss anständige Bedingungen schafft oder wenigstens ihren Lebensraum nicht zerstört.
 
Die Witi
Die Witi, eine weite Ebene zwischen Grenchen SO und Solothurn, die grossenteils landwirtschaftlich beackert wird, hat mehr ökologische Qualitäten als man ihr auf den ersten Blick zutrauen würde. Sie wurde deshalb zu einer kantonalen Schutzzone erklärt. In der offiziellen Terminologie geht die Zielsetzung dahin, „das offene Ackerlandschaft zu erhalten und unter Wahrung der Existenz der Landwirte eine naturnahe Bewirtschaftung zu fördern; diesen Lebensraum für Tiere und Pflanzen, insbesondere als Vogelbrutstätte und Hasenkammer von nationaler Bedeutung zu erhalten und aufzuwerten; einen Teil der Grenchner Witi als Wasser- und Zugvogelreservat von nationaler Bedeutung zu erhalten; eine naturverträgliche Naherholung zu gewährleisten.“ Ihre schönsten Seiten hat diese Witi im Uferbereich der Aare bewahrt, dicht mit Schilf bewachsene und verbuschte sowie mit wasserliebenden Bäumen bestandene Streifen, die gelegentlich den Eindruck eines Auenwalds erwecken.
 
Im Informationszentrum Altreu lief bei meinem Besuch vom 29.06.2011 ein Film über die Witi, die ihre besten Seiten als Brutgebiet und Winterquartier der Watvögel (Lemikolen) entfaltet. 33 Watvogelarten haben sich entschlossen, auf der Durchreise aus Nordeuropa nach Süden jeweils den Rastplatz der Grenchner Witi zu nutzen und aufzutanken. Als Beispiele seien nur der Alpenstrandläufer, die Bekassine und die Uferschnepfe erwähnt. Ihren Treibstoff finden sie insbesondere in den weichen Böden, Feuchtgebieten und Büschen. Selbstverständlich nutzen auch einheimische Brutvögel das Gebiet gern.
 
Noch bis in die 1970er-Jahre hatte man die Witi als „Hasenkammer der Schweiz“ bezeichnet. In den folgenden Jahren ging der Feldhasenbestand dramatisch zurück. Die Jäger konnten aufgrund dieses Umstands dazu überredet werden, auf den unsinnigen Abschuss dieser ohnehin genug bedrängten Tierart zu verzichten, und Hundehalter wurden angehalten, Hunde an die Leine zu nehmen. Die Bauern ihrerseits liessen sich überzeugen, einigermassen naturnah zu wirtschaften. Wiesen wurden mit Hecken verbunden, und solche ökologischen Ausgleichsflächen sind einigermassen frei von Agrogiften, worüber sich insbesondere auch die Feldlerchen freuen.
 
Uferverbauungen
Viele Naturelemente wie Bächlein wurden seinerzeit Opfer der beiden Juragewässerkorrektionen, die nur den Überschwemmungsschutz und die Verbesserung der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung im Auge hatten. Im Rahmen der 2. Juragewässerkorrektion (1962‒1973) wurden die Aareufer mit Felsblöcken („Blocksteinwurf“) verbaut, so dass nun dynamische und flusstypische Erosions- und Auflandungsvorgänge unterbunden waren – und damit auch die Brutmöglichkeiten für den Eisvogel und die Uferschwalbe, die das Weite suchten. Auch der Wellenschlag der Schiffe greift die Ufer an.
 
Das Gebiet Eichacker
Von der Altreuer Schiffanlegestelle unternahm ich einen Spaziergang, aufwärts der Aare entlang, ins Naturschutzgebiet Eichacker-Wannengraben (Wegweiser: „Pfad West“), wo (wie auch beim Archer Inseli) auf die Uferbefestigung verzichtet wurde. Auf einer Informationstafel (Titel: „Blocksteinwurf kontra Dynamik“)habe ich gelesen, oft sei mehr verbaut worden als aus Sicherheitsgründen nötig gewesen wäre „und so wurden unnötig Naturflächen zerstört“. Anstelle von Blocksteinwürfen werden Flachufer empfohlen, wobei die Neigung unter 1:5 liegen muss, so dass die Energie der Wellen wirksam gebrochen wird. Damit kann die Ufererosion gemildert werden, und zudem entstehen natürliche Lebensräume. So ein Flachufer wurde 2006/07 bei den Selzacherinseln erstellt. Eine empfehlenswerte Uferschutzmassnahme sind auch Faschinen, also Strauchbündel aus noch lebenden Ästen, die dann Wurzeln schlagen. An Stellen, die stark von Schiffswellen betroffen sind, sind sie allerdings nicht wirksam genug.
 
Der Weg, der wegen des dichten Bewuchses nur selten die Sicht auf die Aare frei gibt, verläuft auch an Wassergräben vorbei, für Jungtiere aller Art wichtige Rückzugsgebiete, da Raubfische hier meist keinen Zutritt haben. Viele dieser Gräben wurden bei Entwässerungsmassnahmen angelegt und wurden zu Trostpflastern nach der Zerstörung der Feuchtgebiete. Doch leiden sie, wie der Wannengraben, an Überdüngung. Weizen-, Gerste- und Maisäcker flankieren den Weg in respektvoller Distanz zum Ufer.
 
Im Storchendorf Altreu
Konflikte zwischen Natur und menschlichem Bewirtschaftungsdrang und -zwang sind an der Tagesordnung, und es bedarf einer grossen Aufklärungsarbeit, um diese in erträglichen Grenzen zu halten. Die Storchenstation Altreu bei der auf einen Neubau von 1925 zurückgehenden „Wirtschaft zum grünen Affen“, auf deren Dach es den Störchen besonders gut gefällt, tut das in Bezug auf den Weissstorch, wirbt für ein bessere Verständnis für Naturvorgänge und mehr Rücksicht den Tieren und Pflanzen gegenüber. Auch auf dem Dach des stattlichen Hochstudhauses Liechti fühlen sich die Störche behaglich. (Hochstüde nennt man die kräftigen Gebäudepfosten in der Gebäudemitte, die vom Boden bis zum Dachfirst reichen und das zeltartige Dach tragen.)
 
In einem Merkblatt der Organisation „Storch Schweiz“ (www.storch-schweiz.ch) wird daran erinnert, dass der Storch in der Schweiz im Jahre 1950 als Brutvogel verschwunden war. In Neunkirch SH, wo die letzte Brut hochkam, verunglückte ein Brutvogel an einer Stromleitung tödlich. Max Bloesch startete in Altreu Ansiedlungsversuche, und 1960 brütete dort endlich das erste frei fliegende Paar. Die Bemühungen des 1997 verstorbenen Storchenvaters haben sich ausbezahlt: Laut der Schrift „Der Weissstorch in der Schweiz“ (von Storch Schweiz) ist die Zahl der Brutpaare in der Schweiz heute grösser als zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Hier brüten jetzt rund 270 Storchenpaare, wovon 36 in Altreu.
 
Der Weissstorch lebt gefährlich
Menschen und ihre Werke setzen den Störchen nach wie vor zu: Die grossen Vögel kollidieren mit Stromleitungen, und in Zukunft, sollte die Windenergie ausgebaut werden, zweifellos noch häufiger mit den Propellern der Windmühlen, die nicht nur für Grossvögel, sondern selbst für Fledermäuse (und für unzählige Insekten) zu Guillotinen werden. Sogar die Vogelwarte Sempach hat festgestellt: Von der Kollisionsgefahr sind Zugvögel und grosse Vögel, namentlich segelfliegende Arten wie Greifvögel und Störche, besonders betroffen.“ In Deutschland bekämpften Vogelschützer Windkraftwerke aus besten Gründen; wie es weitergeht, wird sich weisen. In der Schweiz wird unter der AKW-Ausstiegsverblendung auch der Vogelschutz weitgehend aufgegeben, sobald es um Energiealternativen geht.
 
Weitere tödliche Gefahrenherde für Störche sind Kollisionen mit Autos und Eisenbahnen, der Mangel an geeigneten Rastplätzen, die Jagd (wenn Schutzbestimmungen übertreten werden), Vergiftungen bei der Nahrungssuche auf Schutt- und Müllhalden, Pestizideinsätze in der Landwirtschaft, Nahrungsmangel im Winterquartier und in Dürreperioden.
 
Im Informationskiosk in Altreu habe ich mit der fachkundigen Hilda Sutter, die als Hausmutter gilt, einige Worte wechseln können. Wahrscheinlich wegen der anhaltenden Trockenheit im Frühjahr 2011 sei eine Jungstorchbrut gestorben, sagte sie. Und es bereitete ihr Mühe, zu erzählen, wie die Mutter ihren toten Nachwuchs nochmals mit den Flügeln zudeckte, bevor sie diesen aus dem Nest warf, wie das die Störche halt tun und tun müssen, wenn das Unglück während der Nestlingszeit geschieht. Im Jahr 2010 wurden Störche in Altreu Opfer eines Hagelschlags.
 
Gefährlich für Störche sind vor allem die Reisen über die Meerenge Gibraltar ins Winterquartier in Afrika (Schweizer Störche suchen die westliche Sahelzone auf), zu denen jeweils im August gestartet wird. Einige überwintern auch in Südspanien. Dabei benützen die Weissstörche die thermischen Aufwinde über den Landmassen während der wärmsten Tagesstunden. Dann segeln sie im Gleitflug zur nächsten Aufwindzone, wobei den 3,5 bis 4 kg schweren Flugkünstlern ihr innerer Kompass den Weg weist. Doch kommen (laut „Storch Schweiz“) nur „wenig mehr als 12 % der wegziehenden Jungstörche (...) nach 3 bis 4 Jahren – ausnahmsweise nach 2 Jahren, gelegentlich auch erst nach 5 oder 6 – nach Mitteleuropa zurück.“
 
Wege zur Selbständigkeit
Alle Massnahmen hinsichtlich des Weissstorchschutzes laufen heute daraus hinaus, eine sich selbst erhaltende Population herbeizuführen, die alle Merkmale einer wildlebenden Population aufweist. Umgekehrt ist das Vorhandensein von Störchen ein erfreulicher Indikator für eine vielfältige Landschaft, geeignete Lebensräume inkl. Nistplätze. Neue Zucht- und Auswilderungsprogramme sind nicht vorgesehen.
*
Im Altreuer Hochstudhaus findet zurzeit eine Ausstellung über den Fischotter statt ... für den im Prinzip dasselbe gilt, was über den Storch gesagt wurde; darüber werde ich in einem nächsten Blog berichten. Wird der Fischotter der freundlichen Einladung zu einer Rückkehr Folge leisten? Natürlichere Gewässersysteme und nicht noch mehr aufgestaute Bäche und Flüsse und Kleinkraftwerke wären für ihn verlockend.
 
Der Storch möge nicht nur Kinder, sondern auch Einsichten bringen.
 
Hinweis auf weitere Blogs über Störche und über die Witi
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