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BLOG vom 15.08.2011


Der Hohe Kasten: Aussichtstribüne von Format im Alpstein
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Die Tablare in Kästen, die eine bestimmte Höhe überschreiten, sind schwierig zu erreichen; man braucht dazu einen Schemel oder einen Stuhl. Den Hohen Kasten, der sich bis auf 1795 Höhenmeter hinauf erhebt, kann man zum Beispiel vom Dorf Brülisau am Fuss des Alpstein-Massivs (Gemeindegebiet Rüte) aus innert 2 Std. 35 Min. zu Fuss erreichen, wie auf dem Wanderwegweiser im Dorf nachzulesen ist. Nach anderen Angaben (Wikipedia) braucht man 4 ½ Std. (Route Eggli, Forstseeli und Kamor), um wandernd den Kastendeckel zu besteigen.
 
Schneller geht es mit der Seilbahn, die das Dach des Hohen Kastens an der Kantonsgrenze Appenzell Innerrhoden und St. Gallen von der neuen, im April 2011 eröffneten Talstation innerhalb von nur 8 Minuten bewältigt. Ich war vor etwa 65 Jahren einmal auf einer Schulreise auf jenem Kasten; die Erinnerung ist verblasst. Damals gab es noch keine Luftseilbahn (1964 eingerichtet) und kein Drehrestaurant (eröffnet im Mai 2008).
 
Panoramablick
Diesmal, am 06.08.2011, war ich von der „Rondom“-(Rundum-)Aussicht überwältigt: Direkt unter dem Kastendach ist das St. Galler Rheintal, und dahinter sieht man über Vorarlberg hinaus bis zu den Gipfeln des Tirols. Das Fürstentum Liechtenstein, das Ländle, beginnt gleich vis-à-vis. Wendet man den Blick in nordöstlicher und dann nördlicher Richtung, sind Bayern bis zu den höchsten Bergen im Allgäu auszumachen, und hinter dem Bodensee grüsst Baden-Württemberg. An Schweizer Bergen aus den Kantonen Appenzell, St. Gallen, Graubünden und Glarus präsentiert sich vieles, was Rang und Namen hat. Ganz nah breitet sich der übrige Alpstein aus (der Hohe Kasten ist ein Teil davon). Der 2502 m hohe Säntis ist das dominante Ereignis der Versammlung von Bergen, die den kleinen Sämtisersee (0,13 km2) mit seinem unterirdischen Ablauf umrahmen. Am frühen Nachmittag jenes sonnigen, klaren Tags schlichen einige Nebelwolken, die aus tieferen Lagen emporschwebten, um den klobigen Berggipfel mit seinen steil abfallenden Kastenwänden. Vor dem Hintergrund hoben sich die schwarzen Alpendohlen mit ihrem gelben Schnabel ab, die gelegentlich gern auf Felsgräten wandern, genau gleich wie es auch leidenschaftliche Alpinisten tun.
 
Und als ob mit alledem das Schaubedürfnis noch nicht gesättigt sei, liegt vor dem schön gerundeten, alpine Formen übernehmenden und mit Schindeln eingepackten Bergstation- und Restaurantgebäude – ein architektonisches Meisterstück im Bio-Design übrigens – ein 5000 m2 umfassender Alpengarten, in dem man seine botanischen Kenntnisse beleben und erweitern kann. Er zwingt gewissermassen zu einer Gipfelrundwanderung und zeigt 300 verschiedene Pflanzen, die mit ihren Namen versehen sind, in jener Umgebung, in der sie sich wohlfühlen. Auch ein produktebezogener Appenzeller Kräutergarten gehört dazu, lieben die Appenzeller doch das Würzige und die Aromen, die auf ihren Wiesen, insbesondere den mageren, entströmen. Selbst die Kuhfladen duften dort nicht unangenehm.
 
Meine Schwägerin Alice, chinesischen Geblüts, mein Bruder Rolf, der auf Cebu lebt, und meine Frau Eva begleiteten mich auf der Kastentour, wobei wir gegenseitig unser Wissen austauschten. Von Rolf konnte ich lernen, dass der Kanton St. Gallen, der Appenzell Ausser- und Innerrhoden vollständig um- bez. einschliesst, sich angeblich selber als grüne Wiese betrachtet, in deren Mitte ein Kuhfladen liegt: der Kanton Appenzell. Die Appenzeller aber sehen das ganz anders: Sie betrachten sich als Goldstück im Zentrum eines Kuhfladens (Kanton St. Gallen).
 
Gerstensuppe unter dem Drehrestaurant
Es kommt immer auf den Standpunkt an. Der Standpunkt Hoher Kasten ist, gute Sicht vorausgesetzt, empfehlenswert. Der Kasten ist freistehend; handelte es sich um einen Einbauschrank, wäre die Aussicht nicht nach allen Seiten dermassen offen. Für den Fall, dass es draussen zu stark windet – bei unserem Besuch sorgte der Föhn für kleine Turbulenzen – gibt es das erwähnte Drehrestaurant, das man von der Seilbahn-Bergstation durch einen künstlichen, mit Spitzbeton stabilisierten, aufsteigenden Tunnel erreichen kann. Gleich nach dem Tunnelausgang fanden unsere Begleiterinnen einen Fensterplatz mit Blick zum Rheintal. Wir besorgten uns eine kräftigende Gerstensuppe, Hörnli, Ghackets und Apfelmus (letzteres wurde bei der Kasse in einem Töpfchen aus durchsichtigem Plastik abgegeben) oder aber Bratwürste, Salat und dergleichen Zubehör. Höhenluft fördert den Appetit, und es schmeckte. Ein ganz gutes, preiswertes Essen.
 
Wir verharrten immer an der gleichen Stelle – nichts von Drehung in diesem Panoramarestaurant. Alsdann wurde uns bewusst, dass wir noch ein Stockwerk höher hätten klettern müssen – denn erst dort oben befindet sich das Drehrestaurant. Immerhin schauten wir uns dann in diesem angenehm gestalteten, mit 150 Personen bis auf den letzten Stuhl besetzten Raum um, in dem die vollflächigen Scheiben wichtiger als das Interieur sind, erlebten einige Momente des langsamen Drehens, gewissermassen Drehmomente, an denen der Himmelsmechaniker Isaac Newton seine helle Freude gehabt hätte.
 
Den schönsten, reinsten Rundblick aber hat man im Freien, wo es kein Fensterglas gibt. Wir absolvierten den Felsrundgang, besuchten die Blaugrashalde und stiegen zum Fuss des in Stahlbauweise erstellten Sendeturms der Telekommunikationsfirma Swisscom hinauf. Dieser mit sendetechnischem Zubehör reich bestückte Turm, 1999 erbaut, ist 72 Meter hoch.
 
Brülisau im innersten Innerrhoden
Die Zeit zur Rückfahrt nach Brülisau AI war gekommen. Die Seilbahnkabine schwebte an einer Felswand vorbei nach unten ins Grüne, steuerte das Dörfchen an. Ein mitfahrende Bahnangestellter verabschiedete uns Fahrgäste in einer urchigen Live-Ansprache in der schönen Appenzeller Mundart, in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen. Direkt- und nicht etwa Telekommunikation.
 
In Brülisau ist das Brauchtum noch lebendig; abgesehen von den ausufernden Parkplätzen ist es hier, wie es immer war. Auf der Webseite von Brülisau sind die uralten Rezepte für Rohmzonne und Fenz abrufbar, Gerichte für Schwerarbeiter und Älpler und Bauern, die in bunt bemalten Bauerhöfen verstreut in der steilen, hügeligen Landschaft dem Boden abringen, was er hergibt.
 
Brülisau ist ein angenehmes Dörfchen mit einer vielleicht aus heutiger Anschauung etwas zu gross geratenen Pfarrkirche, der 1879/80 erbauten neuromanischen Sebastianskirche. Um sie herum stehen das Pfarrhaus, das Schulhaus (1894/96), 2 Gasthäuser und wenige Dutzend weitere Bauten, sogar eine Bäckerei. Und der Friedhof lehrt, wo wir am Ende stranden werden.
 
Der Tourismus ist so gross, dass mehrere Brülisauer Eingeborene mit dem Einweisen der Autos auf die Gratisparkplätze beschäftigt waren. Immer sind die Appenzeller für ein kurzes Gespräch und ein Spässchen zu haben, und sie geben gern Auskunft über ihre liebenswürdige Heimat mit dem dichten Netz von Wanderwegen. Das „Sönd wöllkomm!“ (Seien Sie willkommen!), das im Appenzellischen als Werbeslogan gebraucht wird, spürt man überall. Den Touristen mit den starken Franken im Hosensack werden hier nur Delikatessen, selbst solche baulicher Art, aufgetischt.
 
Tips
Fahrpreise 2011: Kastenbahn retour: 36 CHF, Kinder 6‒16 Jahre und Halbtax-Inhaber: 18 CHF. Kinder bis 5 Jahre gratis.
 
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