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BLOG vom 26.08.2011


Mehr Gebüsch als Gestrüpp dank Alexandre Le Jardinier
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Vor Wochen fand ich einen Zettel im Briefkasten: „Alexandre Le Jardinier” bot seine Gartenkünste an. Wir sprachen miteinander auf Französisch übers Telefon, und ich erfuhr, dass er zwischen Paris und London hin und her pendelt. Er bezeichnete sich als „paysagiste“, als Gestalter von Gartenlandschaften. Er besuchte uns an einem sonnigen Tag „ganz unverbindlich“, wie er betonte.
 
Nein, ich hatte keine Absicht, seine Dienste zu beanspruchen. Ich dachte, dass dies ein teurer Spass werden könnte. Seit über 10 Jahren pflege ich den Garten eigenhändig. Pflege? Nein, ganz und gar nicht! Ich überlasse den Garten weitgehend der Natur, die viel Wildwuchs treibt. Alexandre nickte anerkennend, doch äusserte sich nicht, als er den recht grossen Garten, flankiert von hoch aufgeschossenem Gebüsch, durchschritt. In dem von Kräutern, Tomaten, Gurken und Zucchini besiedelten Teil summten vergnügt Bienen und Hummeln um die Wette. An Nektar fehlte es ihnen nicht. Auch die Singvögel pickten im Gesträuch viele Insekten. Die Amseln waren mehr auf Schnecken und Würmer erpicht.
 
Wir durchquerten das Wohnzimmer und setzten uns in den hinteren Patio, der keineswegs verwildert ist. Lily tischte uns persischen Tee auf. Alexandre plauderte mit viel gallischem Charme und Humor. Alexandre bekannte sich auch als Sammler. Vif wie er war, hatte er die Bilder an den Wänden bemerkt. „Haben Sie Bilder zum Verkauf?“ fragte er nebenbei. „Gewiss“, sagte ich und verwies ihn auf meine Sammlung im Netz unter www.art-deco-nouveau.com. Kurzentschlossen wählte er einige Bilder aus – und ich nannte ihm einen „prix d’ami“ (Freundschaftspreis), was er schätzte und das Geld in bar hinblätterte, als ich die Bilder verpackte. War dies eine Finte, um meinen Auftrag zur Gartenpflege zu ergattern? Er drängte sich keineswegs auf.
 
Die Bilder waren schon im Auto, als er sich etwas im Garten umschaute. Seine Hände, stellte ich fest, waren gepflegt – waren also keine Gärtnerhände. „Mit Verlaub“, bemerkte er, „der Garten braucht etwas Luft und sollte vom ‚broussailles’ (Gestrüpp) befreit werden, das die Sicht vom Haus aus in den Garten verdeckt.“ Lily nickte beipflichtend, als Alexandre betonte, dass eine solche Arbeit wenig Zeit und Geld koste. Ich war nach wie vor auf der Hut. Immerhin vereinbarten wir einen Termin Anfang September, damit er uns ein ‚unverbindliches Angebot’ mache.
*
Insgeheim musste ich Alexandre und auch Lily recht geben: Es hatte zu viel Gestrüpp, und viele Büsche müssten stark gestutzt werden, aber erst nachdem sie ausgeblüht sein werden. Statt meine Leseecke aufzusuchen, rüstete ich mich schon am nächsten Montag mit Gartenschere, Säge und anderem Zubehör, worunter auch der Schubkarren. Diesmal ging es nicht nur um kosmetische Eingriffe.
 
Ich schwitzte, als ich mich mit der grossen und kleinen „Wilkinson“-Gartenschere ans Werk machte. Innerhalb von 3 Stunden konnten wir erstmals wieder vom Haus aus die Grünfläche sehen. Ich paffte eine Zigarette und war selbst von der Aussicht angenehm überrascht. Lily ermunterte mich mit einer Tasse Tee. So lud ich mehrmals meinen Schubkarren mit den abgezwackten Ästen und Zweigen und stapelte sie hinterm Schuppen ausserhalb der Sichtweite. „G’nug Heu dunde“ (genug Heu von der Tenne), murmelte ich erschöpft und beschloss, für heute Feierabend zu machen.
 
Ab Dienstag bis und mit Donnerstag arbeitete ich verbissen ganztags im Garten und räumte u. a. auch die rechte Seite vor dem Hauseingang, die von einem hartnäckig wucherndem Gesträuch, mit lang gestreckten Wurzeln kreuz und quer durchzogen war. Dank ihren roten Beeren im Herbst liess ich dieses mir unbekannte stachelige Gewächs nach Lust und Laune zum Dickicht ausdehnen. Es hatte alle anderen Pflanzen verdrängt. Ich zog und zerrte an den langen ineinander verknoteten Wurzeln, bückte mich mit der kleinen Gartenschere und durchknipste sie an „strategischen Stellen“.
 
Mehrere Rotkehlchen leisteten mir dabei Gesellschaft. Meine Arbeit war ein gefundenes Fressen für sie. „Werdet nur nicht zu dick!“, ermahnte ich sie.
 
Ich entleerte wohl sechsmal den Schubkarren. „Wie lange braucht es, bis alles Geäst mitsamt den Wurzelknäueln verrottet ist?“ fragte ich mich. Guy Fawkes wird mich von diesem Ballast befreien! Laut Legende wollte Guy Fawkes mit seinen Gesellen anno 1605 das Parlament mit 36 Fässern voll Schiesspulver in die Luft sprengen. Zum Glück wurde das Komplott nicht ausgeführt. Aber seither darf jedes Jahr am 6. November ein „bonfire“ (ein Feuer) im Garten angezündet werden. Das erlöst viele Gärtner vom gestapelten Gartenabfall – und wird auch mich davon befreien.
 
Diese Seite vor dem Hauseingang ist jetzt bestellt, um mit neuem und weniger aggressiv wucherndem Ziergewächs bepflanzt zu werden. Damit hatte ich Alexandre einen guten Teil seiner Arbeit abgenommen. Ob ich mit der linken Seite fertig werde, ehe Alexandre erscheint, ist fraglich. Hoffentlich braucht er nicht mehr als 1 oder 2 Tage, um den Rest zu bewältigen. Mal abwarten und nochmals Tee trinken.
 
Immerhin hatte ich meine heutige Blog-Pause wohl verdient … ehe ich wiederum pflichtbewusst den Garten warte.
 
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