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BLOG vom 20.09.2011


Liebestolle Schlammschnecken hinterlassen Gallertschnüre
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Sie sind auf keiner Landkarte verzeichnet und eigentlich nicht der Rede wert: meine 2 kleinen Weiher bei der Nordwestecke vor dem Haus. Da ich ganzjährig einen minimen Wasserzufluss aufrecht erhalte, finden Vögel im Winter dort Tranksame, und auch in den wärmeren Jahreszeiten werden die Wasserstellen von Mücken als beliebte Brutstätten gern benützt. Zu unserem Schlafzimmerfenster haben sie einen nur kurzen Weg, und sie können sich ohne Ermüdungserscheinungen voll aufs Zustechen konzentrieren. Meine Knöchelbereiche sind für sie beliebte Flächen für den munteren nächtlichen Tauschhandel Blut gegen Mückengift. Eine Quaddel markiert die juckende Einstichstelle, damit man weiss, wo man mit dem lustvollen Kratzen anzusetzen hat. Dieser Ablauf ist tadellos organisiert.
 
Die Tümpel sind von mehr Leben erfüllt, als man ihnen angesichts ihrer geringen Grösse von wenigen Quadratmetern zutrauen würde. Was sich im Wasser drin abspielt und an pflanzlichem Wachstum stattfindet, ist unbeschreiblich vielfältig. Auch dicke, tragende Schlammteppiche bilden sich heran, weil die Weiher wegen des hereinfallenden Laubs eigentlich immer etwas überdüngt sind. Sie dienen als eine Art Flosse.
 
Periodisch rücke ich mit einem Kessel und verschiedenartig konstruierten Rechen (inkl. einem Laubrechen) an, um die Weiher am Verlanden zu hindern. Ich ziehe dann, wenn immer möglich mit den Wurzeln, meterhohe Schilfrohre, ganze Wäldchen aus Tannenwedeln (Hippuris vulgaris) und andere Schachtelhalmgewächse heraus. Ich untersuche das pflanzliche Material, bevor ich es auf den Komposthaufen lege, um festzustellen, ob sich darin der eine oder andere Molch verfangen hat, den ich gegebenenfalls ins Wasser zurückgebe. Für einen Schilfgürtel fehlt der Platz, und Schilfdächer sind aus der Mode gekommen. Viele Pflanzen, etwa Binsen, lassen ihre Wurzeln im Wasser, begeben sich aber aus Platzgründen neben den Weiher und lassen sich dort nieder, wo sie aus allen Ritzen und Splittwegen herauswachsen. Ich weiss jetzt, wie das Leben aus dem Meer das Land erobern konnte.
 
Auch die Teppiche von Seerosenblättern, die um Luft- und Wasserkontakt buhlen und die sonst die Weiher mehrlagig zudecken würden, muss ich reduzieren und versuchen, möglichst viel von den langen Röhrchen, luftführenden Leitungsbahnen zu den Wurzeln, auszureissen. Das ist wegen ihrer zugfesten Verankerung eher schwierig. Die Wasserlinsen, eher rare Erscheinungen, „Entengrütze“ genannt, lasse ich wenn immer möglich zurück.
 
Schon mehrmals sind mir bei Rodungsaktionen gallertartige, durchsichtige, wurmähnliche Gebilde an der Unterseite der Seerosenblätter aufgefallen, deren Herkunft und Funktion ich mir lange nicht erklären konnte. Ich habe dann mithilfe der Biologie-Literatur herausgefunden, dass diese zur Fortpflanzung der Schlammschnecken (Gattung Lymnaea) dienen, die sich gern im oberflächennahen Bereich meiner Weihern aufhalten, mithin direkt unter der Wasseroberfläche zu hängen scheinen, um den Sauerstoffhaushalt regulieren zu können. Eine Schleimschicht schützt sie einerseits vor kurzzeitigem Austrocknen und anderseits vor dem übermässigen Eindringen von Süsswasser in ihren Körper, weil dieses eine für ihre Bedürfnisse eine zu hohe Mineralienkonzentration hat. Wenn der Sauerstoffgehalt im Wasser unter etwa 80 Prozent (berechnet vom Wert der Sättigung aus) sinkt, wechseln sie kontinuierlich zur Luftatmung hinüber.
 
Über die Fortpflanzung der Wasserschnecken gibt es ganze wissenschaftliche Abhandlungen. Wie ich in der Broschüre „Die Schlammschnecken unserer Gewässer“ von Siegfried H. Jaeckel (1953) gelesen habe, besitzen die Schlammschnecken zwittrige Geschlechtsorgane, das heisst, jedes Tier hat männliche und weibliche Keimdrüsen, die in einer Zwitterdrüse vereinigt sind, worin die Samenfäden (Spermien) und Eier gebildet werden. Wörtlich und präzisierend heisst es bei Jaeckel: „Es wäre jedoch falsch, anzunehmen, dass bei zwittrigen Tieren Selbstbefruchtung häufig oder gar regelmässig stattfindet; bei den Wasserlungenschnecken ist die Begattung meist einseitig, d. h. ein Tier hat die Funktion als Männchen, der Partner als Weibchen.“ Das ist, wie mir scheinen will, schon eine anspruchsvolle Organisationsfrage, die allenfalls noch an Kompliziertheit zulegen kann, dem Gruppensex ähnlich: „Nicht selten kommt es bei der Begattung zur Bildung von Paarungsketten, die aus 3 Exemplaren bestehen, von denen das unterste Tier nur als Weibchen und das mittlere gegenüber dem unteren als Männchen und gegenüber dem oberen als Weibchen dient.“ Die Erfolgsschriftstellerin Charlotte Roche, die sich so penetrant auf Feuchtgebiete eingelassen hat, könnte ihrem Lieblingsthema ganz neue Seiten abgewinnen, würde sie sich auch für Wasserschnecken interessieren. Bei diesen badet im schleimigen Umfeld neuer, bestseller-verdächtiger Stoff in Fülle.
 
Das Resultat des lustvollen Tuns der Schlammschnecken sind die erwähnten gallertartigen Schnüre, die unter den Seerosenblättern befestigt werden und in denen 10 bis 300 Eier verpackt sind, woraus wieder neue Schlammschnecken hervorquellen. Die Schnecken sind dementsprechend häufig anzutreffen. Sie verpflegen sich mit faulenden Pflanzenstoffen und sind als Lebensmittel für Wasservögel, Frösche, Molche und Fische nützlich.
 
Die Spitzschlammschecken kommen in Zeiten grösster Not wie jeweils nach Kriegen auch als zusätzliches Nahrungsmittel in Frage. Man wird sich das angesichts der momentan sehr unsicheren Zeiten gut zu merken haben. Bis jetzt sind mir noch nie solche Schnecken serviert worden, so dass ich leider mit keinen Erfahrungen oder gar selbst erprobten Rezepten aufwarten kann. Gegebenenfalls werden wir uns im Textatelier.com darum kümmern (und vielleicht kennt einer unserer Leser eine Zubereitungsart); wir werden gegebenenfalls darauf zurückkommen. Ich könnte mir vorstellen, dass im leicht gesalzenen Wasser gekochte Schlammschnecken sich zu einer Kräuterbutter gut machen würden. Ich empfehle Meersalz.
 
Wie man sieht, sind Gartenweiher unerschöpfliche Quellen der Inspirationen. Sie halten den Naturfreund immer auf Trab. Abhängigkeitsverhältnisse sind ebenso wie Verdrängungswettbewerbe zu beobachten – es menschelt halt auch im Schlamm. In einem meiner Weiher haben sich einige mit Wachs bezogene Seerosenblätter, die als Schwimmblätter gelten, aufgerafft, sich über die Wasseroberfläche hinaus anzuheben, um nicht von den Laichschnüren der Schlammschnecken behelligt zu werden. Sie nehmen dann einen Sonnenbrand in Kauf.
 
Das schönste Kompliment für den ökologischen Zustand meines grösseren Weihers machte mir vor etwa 3 Jahren eine wohl 70 cm lange Ringelnatter, die darin auf einem Schlammbett ihre Körpertemperatur regulierte. Leider habe ich sie nie mehr gesehen, und so nehme ich halt mit einigen stattlichen Blindschleichen vorlieb, die lockere Komposthaufen beleben, welche gelegentlich ein Schilf- und Schlammdach erhalten. Ich beeinflusse die Kreisläufe im Garten, immer auf Fortbildung in Biologie und darauf bedacht, das Schlamassel durch eine anthropogen verpfuschte Natur nicht übermächtig werden zu lassen.
 
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