Textatelier
BLOG vom: 19.02.2005

Schwerverkehr im Convenience-Food-Tempel

Autor: Walter Hess

Noch nie hatte ich einen solch grossen Einkaufswagen gesehen, selbst in Baumärkten nicht: oben ein grosser Gitterkorb und unten auf starken Rädern ein rund 1,5 m langes, belastbares Brett. Er war schwierig zu navigieren, wenn man ihn vor sich her schob. Es war einfacher, ihn zu ziehen, wie ich bald einmal herausfand, dann passte sich das eigenwillige Gefährt seinem eingeschlagenen Weg besser an.

Die beidseitig an langen Regalfassaden vorbeiführende Wanderroute, genauso breit, dass das Kreuzen zweier Einkaufslastwagen möglich ist, führte unter anderem an Teflon- und Chromstahlpfannenbergen, Küchengeräten und Küchenkreppsäulen vorbei, eine Erinnerung an den mächtigen Säulengang, den man im Karnaktempel nach dem 2. Pylon betritt. Als ob Amenophis auch hier Auftraggeber gewesen wäre, war alles in imposanter Grösse da.

Teigwaren waren zu umfangreichen Gebinden verbunden, begleitet vom Warnhinweis „Kein Einzelverkauf“. Reis wartete sackweise auf den Abtransport. Die Butter war in Kiloklötzen da, von Mödeli konnte da nicht gesprochen werden. Kräuterbutter gab es in Stangen. Auf einem roten Plastikkübel stand „Fondue“. In einem Kühlraum konnte man Gemüse harassenweise kaufen. Gewaltige Fleischstücke waren fast durchwegs in stabile Plastikfolien eingeschweisst. In Kühltruhen, die zu langen Kanälen zusammengeschoben waren, gab es fertig in Stücke zerteilte Torten, Crèmeschnitten und anderes zuckersüsses Gebäck, kunstvoll dekoriert, ein gefundenes Fressen, zu Spottpreisen. Und in der Nähe gab es Schweinebratenstücke von der Schulter zum Kilopreis von 9.90 CHF, in dicke Plastikfolien verschweisst, ferner Koteletts am Laufmeter und tiefgekühlte Poulets zum Stückpreis von 3.35 CHF, eine Halbpreisaktion, und frische Truthahnbrüste aus Ungarn zu 10.90 CHF pro Kilo, sodann panierte Schweinsschnitzel zu 14.90, Schweinshaxen zum Kilopreis von 3.90 CHF: Vorahnungen auf die bevorstehende Ankunft von Aldi und Lidl bei uns in der teuren Schweiz. Weine und Spirituosen lockten ebenfalls aus Grossgebinden, Mehrwertsteuer überall exklusive. Und am Schluss kam man an einem klimatisierten Glasraum mit Zigarrenkisten vorbei, wie es sich zum Abschluss edler Genüsse gehört.

Sogar vom ökologischen Standpunkt aus ist es zweckmässig, wenn nicht alles in kleine Einheiten verpackt wird, wenn die Kunden schon grössere Mengen benötigen wie die Wirte, für die das beschriebene Top-Geschäft gedacht ist. Die Betreiber von Gaststätten müssen mit der Zeit und dem Geld haushälterisch umgehen – beim Einkaufen und beim Kochen. Sie müssen günstige Produkte finden, um ihr Personal anständig bezahlen zu können und für Kunden dennoch attraktive Preise ausweisen können. Die Grossanbieter wissen das, tun ihr Möglichstes – und das mit Geschick. Viel besser kann man es nicht machen. Doch als wir den Laden verliessen, hatte unser Riesenwagen noch sehr viel freie Kapazität. Wir führen schliesslich keinen Gastrobetrieb.

Daheim nahm meine Frau zu einigen Kartoffeln Zuflucht, die sie im Biobauernhof von Heidy und Urs Voegeli in CH-5101 Auenstein gekauft und dann geschwellt hatte (die Voegelis kann ich nicht verlinken, weil sie kein Internet und meistens auf dem Feld zu tun haben). Eva schnitt die Geschwellten (Pellkartoffeln) mit der Haut in Scheiben, gab etwas eingekochte Butter und eine zerkleinerte Zwiebel in die Gusspfanne und briet die Kartoffeln mit, bis sie eine goldene Farbe angenommen hatten, streute ein gutes Salz darüber. Sie schnitt einige Kohlblätter in Streifen und mischte sie mit einer einfachen hausgemachten Vinaigrette. Das schmeckte köstlich.

„Wie gut, dass wir nicht auswärts essen müssen“, entfuhr es Eva bei Tische. „Ja, so ist es“, nickte ich aus voller Überzeugung, und wir prosteten uns mit einem sauren Most aus alten Hochstammobstsorten zu, den wir im Spätherbst 2004 bei Heiner Keller in Oberzeihen im Fricktal gekauft hatten.

„Viele Wirte kaufen Frischprodukte ebenfalls auf den lokalen Märkten ein“, gab ich bei aufkommendem Sättigungsgefühl nuancierend zu bedenken. Man hört und liest das ja immer wieder. Also darf man nicht alle in den gleichen Kübel werfen.

Die Gaststätten und der Ernährungszustand im eigenen Wohnbereich überhaupt sind ein Abbild des gerade herrschenden Zeitgeists. Die Ernährung im weitesten Sinne ist ein Indiz für den Zustand der zivilisatorischen Kultur. Und so ist es: Von einzelnen Restbeständen an Ausnahmen abgesehen, darf das Essen heutzutage in der Küche und bei Tische keine Zeit verschlingen, und es soll möglichst wenig kosten. Hinter dieser Auffassung steht die Geringschätzung der Ernährung, die vor allem deshalb in Verruf geraten ist, weil sie das Schlankheitsideal stören kann. Essen ist deshalb ein verwerfliches Tun, überspitzt gesagt, das keinen Aufwand irgendwelcher Art mehr rechtfertigt.

Man könnte daraus den folgenden Schluss ziehen: Je schlechter das Essen schmeckt, desto besser. Denn dann ist die Gefahr, dass man zuviel isst, dementsprechend kleiner – verschwindend klein. Ich habe das bestimmte Gefühl, dass die Menschen in Zukunft sehr, sehr schlank sein werden, wenn es so weitergeht.

Und dann wird unsere Zivilisation wieder um einen Fortschritt weiter sein.

Ich wünsche Ihnen in diesem Sinn und Geist einen schlechten Appetit.

 

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