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BLOG vom 14.11.2011


Richtiges Pensionsalter: Der bewundernswerte Syd Prior
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Syd habe vor einer Woche das reife Alter von 97 Jahren erreicht. Dies entnahm ich dem lokalen „Guardian” (Quartierzeitung), und sich entschlossen, den lang herausgeschobenen Ruhestand anzutreten. Keinen einzigen Tag seit seinem 14. Altersjahr ist Syd arbeitslos gewesen. Wer ihm begegnet, merkt, dass er einen ehemaligen Soldaten vor sich hat. In der Armee diente er ab 1939 in Nordafrika und Italien bis zum Ende des 2. Weltkriegs. Anschliessend war er Verkäufer für eine Maschinenfabrik.
 
Längst schon, im reifen Pensionsalter, wirkte er als „Faktotum“ in der B&Q-Filiale in Wimbledon und half Kunden, auch mir, sich in dem langen Schuppen zurechtzufinden. Dieses Kettengeschäft versorgt Arbeiter mit Farben, Holz für Innenraumverkleidungen, Tapeten, Küchen- und Badezimmereinrichtungen u. a. m. Viele Privatpersonen versorgen sich dort über die „Bank Holidays“ (öffentliche Feiertage) mit Materialien für den Wohnbedarf. In London und anderswo in England streichen die Männer während der verlängerten Wochenende Wände und Mauern, tapezieren oder ersetzen morsche Gartenhage. Syd kannte jeden Winkel und jedes der Produkte in diesem Geschäft und beriet die Kunden. Er war in seinem Element. Immer wieder wurde er übers Mikrofon ausgerufen, denn die Kunden wollten von ihm, ihm allein, bedient und beraten werden.
 
Ich begegnete ihm erstmals vor vielen Jahren im Spätherbst auf dem Vorplatz, wo er das Angebot von allerlei Pflanzen und Sträuchern wartete. Dort hielt er sich am liebsten auf. Von etwas untersetzter, doch stämmiger Gestalt war er ganztags im B&Q beschäftigt. Syd marschierte täglich mehrere Kilometer im Laden auf und ab, um Kunden zu helfen.
 
An jenem späten Herbstmorgen war er eben dabei, die Preise der Gewächse zu reduzieren – genau der rechte Augenblick für mich. Ich wollte einige dieser Gewächse für wenig Geld kaufen, ehe sie für den Winter entsorgt wurden. Syd wies auf Baumschösslinge, Sträucher und Töpfe mit überwinterungsfähigem Gewächs. „Sie werden den Winter überleben, aber sie müssen sofort im Garten verpflanzt werden“, gab er mir auf meine Fragen Bescheid. „Geben Sie etwas Humus hinzu und wässern Sie Pflanzen gut ein!“ Er markierte erst noch die Preisschildchen mit einem Sonderrabatt für mich …Und wirklich, als der Frühling kam, hatten alle Pflanzen saftige Knospen entwickelt.
 
Syd sieht viel jünger als andere seines Jahrgangs aus. Befragt, weshalb er seinen Ruhestand so lange verzögert hatte, antwortete Syd klipp und klar: „Ich will unter den Leuten sein. Das hält mich jung.“ Das Foto im „Guardian“ zeigt ihn verschmitzt schmunzelnd. Dazu hat er guten Grund. Viel zu viele ältere Leute verkümmern und serbeln dahin, ihres Lebensinhalts beraubt. „Ich werde weiterhin am Ruder bleiben“, versprach er, „und mein Scherflein an wohltätige Zwecke beitragen.“
 
Dazu kann ich bloss sagen: „Syd rastet nicht – und rostet nicht.“ „Continue to enjoy yourself“, winke ich ihm zu.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über einen Garten-Helfer
26.08.2011: Mehr Gebüsch als Gestrüpp dank Alexandre Le Jardinier
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