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BLOG vom 21.11.2011


Blog-Reaktionen (114): Von der Jagd auf Geldbeutel und Rehe
Präsentation der Leserpost: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Man kann Jagd auf Menschen, Tiere und allerhand begehrte Objekte machen. Die übliche, verbreitetste Form von Jagd bezieht sich meistens auf unser Portemonnaie. Diese spezielle Ausprägung von Verfolgen und Fangen betreibt ein gewaltiger Haufen von Jägern vor dem Herrn. Sie ist durchaus legitimiert, denn nach der modernen Auffassung ist jene Person oder Firma erfolgreich, die den grössten Gewinn erzielt.
 
Über derartige Formen von Beurteilungen staune ich manchmal schon, denn ein Unternehmen, ob klein, mittel oder gross, das riesige Gewinne erzielt, beweist doch damit, dass es seinen Kunden zu viel abgeknöpft hat. Wenn man einen Auftrag zu vergeben hat, müsste man folglich eine Firma wählen, die nur einen bescheidenen Gewinn ausweist.
 
Natürlich ist die Sache nicht so einfach. Vielleicht bietet ja die höchst rentable Firma die besten Qualitäten, und vielleicht sind die ausgewiesenen Gewinne manipuliert oder schlicht undurchschaubar und dadurch nicht zu beurteilen. Neben der Wort- gibt es im modernen Lebenszirkus auch eine Zahlenakrobatik, wobei das Volk meistens die Funktion des Auffangnetzes zu übernehmen hat.
 
Die momentanen Währungsschwankungen haben Auswirkungen auf die Preise – zumindest rein theoretisch. Wird die Währung schwächer, steigen die Preise, wird sie stärker, sollten sie theoretisch fallen. Im etwas gewagten Blog vom 11.11.2011 („Schweizer sehnen sich darnach, für Importe mehr zu zahlen“) habe ich mich mit den Bemühungen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) befasst, den Franken gegenüber dem Euro zu schwächen, der Exportwirtschaft zuliebe (wobei es darauf ankommt, ob in CHF oder EUR abgerechnet wird). Doch etwa 72 Prozent der Importe der Schweiz stammen aus dem Euro-Raum. Wir Schweizer kaufen mit Vorliebe im Euro-Raum ein, besonders seitdem der EUR auf Talfahrt ist, die nun allerdings durch die SNB-Intervention gebremst wurde, indem sie die Schrott-Währung €, welche die desolaten Zustände in vielen Euro-Ländern spiegelt, zusammenkauft. Mit dem gleichen, von Masochismus angetriebenen Enthusiasmus wurde seinerzeit ein grosser Teil des CH-Goldbestands verkauft, als der Kurs gerade besonders tief war.
 
In den Diskussionen und Druckversuchen auf die unabhängige SNB wurde in der Regel ausgeklammert, dass die Schweizer Handelsbilanz auf der Importseite stark auf Europa fokussiert ist; mit der Restwelt hat dieselbe Bilanz einen vergleichsweise grossen Handelsbilanzüberschuss.
 
Im erwähnten Blog habe ich geschrieben, dass sich die reichen Schweizer offensichtlich freuen, für Einfuhren aus dem Euro-Raum mehr bezahlen zu dürfen, wie die sehnliche Wunsch nach CHF-Schwächung beweist, der hierzulande an der Tagesordnung ist. Die Importverbilligungen erreichen die Konsumenten allerdings nur zögerlich, abgesehen von einigen Branchen (wie dem Autoimport, Elektronikgeräten usw.) – viele Währungsgewinne lösen sich im Übrigen in Luft auf.
 
Importierte Lebensmittel, Medikamente und dergleichen Grundnahrungsmittel für den täglichen Bedarf sind bei uns schon fast um Grössenordnungen teurer als im benachbarten Deutschland. Und in diesem Zusammenhang schrieb ich, dass es schon heilsam sei, dass deutsche Discounter etwas Druck auf die Preise unserer einheimischen Grossverteiler machen, die lange Monopolisten waren, nachdem sie mit dem Kleingewerbe brutal aufgeräumt hatten. Das Jagdrevier war anschliessend ziemlich einfach zu bewirtschaften.
 
Martin Eitel (E-Mail: M.Eitel@gmx.net) teilte mir aus Berlin seine Ansicht aus deutscher Warte mit:
 
Es liegt mir fern, die Preise von Migros und Coop in der Schweiz zu verteidigen. Für die hohen Preise gibt es sicher verschiedene Gründe. Natürlich ist denkbar und aufgrund der Untersuchungen sogar naheliegend, dass die Akteure ihre Preisvorteile durch den niedrigen EUR-Kurs nicht angemessen an die Kunden weitergeben, sondern die Situation ausnutzen und überhöhte Preise verlangen, insbesondere in grenzfernen Gebieten der Schweiz, wo die Käufer nicht ins Ausland ausweichen können. Möglicherweise ist dabei die Marktstruktur eine wichtige Ursache, nämlich ein Oligopol mit nur wenigen Teilnehmern.
 
Möglicherweise sind aber auch die Lohn- und sonstigen Arbeitsbedingungen bei Migros und Coop besser als in Unternehmen derselben Branche in Deutschland. Soweit auf niedrigere Preise von Lidl und Aldi verwiesen wird, muss allerdings berücksichtigt werden, dass natürlich auch der Umgang mit dem Personal (Lohn- und sonstige Arbeitsbedingungen) in die Preise Eingang findet. Zumindest in der Vergangenheit war Lidl für seinen Umgang mit dem Personal berüchtigt (http://presse.verdi.de/aktuelle-themen/archiv-themen/lidl), und auch bei Aldi gibt es offenbar in letzter Zeit vermehrt Beschwerden.
 
Schliesslich ist zu bedenken, dass die Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse, die die ergänzende Zahlung von staatlichen Transferleistungen erfordern, in Deutschland massiv zugenommen hat (http://www.sueddeutsche.de/karriere/prekaere-arbeitsverhaeltnisse-geliehen-und-befristet-1.688602)
und es daher inzwischen wie in der früheren DDR ein billiges Grundsortiment an Lebensmitteln gibt.
 
Martin Eitel
 
Soweit die Zuschrift, die zeigt, dass dies- und jenseits der Landesgrenze andere Zustände herrschen. Aldi und Lidl können sich in der Schweiz keine Dumpinglöhne leisten, sondern mussten die Anstellungsbedingungen auf das im Detailhandel übliche Niveau anheben. Und verschiedenen Recherchen (Tages-Anzeiger, Bilanz etc.) haben ergeben, dass sie auf vergleichbarem Niveau sind. Die Schlacht findet nun also beim Umgang mit den Produzenten und bei der Qualität statt.
 
Die Jagd nach den besten Angeboten läuft weiter – und Konkurrenz sei immer gut, heisst eine alte Redensart in der Schweiz, die auch dann aus der Mottenkiste gezerrt wird, wenn man sie, die Konkurrenz, in die ewigen Jagdgründe wünscht.
 
Die Treibjagd im Aargau
Um die Jagd im wahren Sinne des Worts geht es bei der Aargauer Volksabstimmung vom 27.11.2011 über die Initiative „Jagen ohne tierquälerisches Treiben“. In den Blogs vom 31.08.2011 („Überholte Hetzjagd: Wie die Jäger ihre Tierliebe ausleben ...“) und vom 01.11.2010 („Treibjagdgegner im Aargau und die medialen Totschweiger“) habe ich mich darüber ausführlich verbreitet. Mir missfallen Treibjagden nur schon deshalb sehr, weil das Wild ohnehin nicht mehr zur Ruhe kommt (Beispiel: unvernünftige Mountainbike-Fahrer kurven neuerdings auch bei Nacht und Nebel in den Wäldern umher). Ist es nach einem Leben im ständigen Stress fair, sie auch kurz vor ihrem Tod durch Erschiessen noch durch Hundemeuten in Angst, in Panik zu versetzen? Wenn man den Hetz- oder Treibjagden „Bewegungsjagd“ sagt, wie das der Aargauer Regierungsrat in der Abstimmungsbroschüre tut, wird die Sache auch nicht besser.
 
Frau M. Winistörfer berichtete uns über ihre Erlebnisse im Zusammenhang mit einer Treibjagd im Aargau wie folgt:
 
Anfang der Neunzigerjahre geriet ich ungewollt in eine Treibjagd. Man stelle sich vor, um die Samichlauszeit, wo Eltern mit den Kindern oft in den Wald gehen. Keine Warntafel wies auf das Gemetzel hin. Es war ein Schock, den zu verarbeiten ich Wochen brauchte. Das Erlebnis wirkt noch heute nachhaltig.
 
Geschossene Rehe brachen neben mir auf dem Weg zusammen, ich war auf einem breiten Waldweg, wohlgemerkt. Junge Tiere, ältere Tiere, es wurde geschossen, was vor die Flinte kam. Rücksichtslos, auch ich war in Gefahr, besonders auch deshalb, weil der Wald von leichten Nebelschwaden durchzogen war. Einige Jäger habe ich auf das grausige Tun angesprochen. Was die ganze Sache zusätzlich verschlimmert: Die Herren Jäger waren angetrunken, haben sich mit Alkohol auf die Jagd vorbereitet. Das konnte ich riechen und an der Aussprache eindeutig hören. Todbringende Rücksichtslosigkeit gegen den Wald und dessen Bewohner. Dies als Wochenendgaudi von Menschen, denen die Fähigkeit für Empfindungen abhanden gekommen ist. Ich gehe seither zu dieser Jahreszeit nie mehr auf Waldspaziergänge - nie wieder!
 
Beunruhigt habe ich festgestellt, dass in den letzten Wochen dort, wo ich mehrmals pro Woche jogge, mehrere neue Hochsitze aufgebaut wurden. Es stehen jetzt insgesamt gegen 10 Hochsitze da. Allein das Wissen, dass dort in allernächster Zeit ein Gemetzel stattfinden wird, ist unerträglich. Es wundert mich sehr, dass dies so kurz vor der Abstimmung gemacht wurde. Ist sich die Jägerschaft tatsächlich so sicher, dass sie die Abstimmung gewinnt?
 
Soweit die eindrückliche Zuschrift. Leider hat die Initiative kaum Chancen. Im Gegensatz zu den Jägern haben die tierfreundlichen Initianten kaum Geld für Werbekampagnen zur Verfügung, womit auch eine Wiederholung der bereits am 27.11.2005 abgelehnten Initiative zu erklären ist. Durch die Wiederholung sollen mehr Menschen angesprochen und aufgerüttelt werden.
 
Praktisch alle Medien haben sich auf die Seite der Jäger gestellt. Darunter sind ja ihre guten Kunden. Rehe geben keine Inserate auf.
 
Die Jagd auf Werbeeinnahmen darf doch nicht gestört werden.
 
Hinweis auf die bisher erschienenen „Reaktionen auf Blogs“
12.08.2011: Reaktionen auf Blogs (111): Suchaktionen nach dem Verstehen
07.11.2011: Reaktionen auf Blogs (113): Mitgegangen und mitgehangen
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