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BLOG vom 26.12.2011


Eine Tramfahrt durchs offene Neuland von Zürich-West
Autorin: Rita Lorenzetti, 8048 Zürich
 
Vor 10 Monaten (Blog vom 16.02.2011) habe ich darüber berichtet, wie sich mir die Aargauer- und die Pfingstweidstrasse in Zürich neu erschlossen haben. Noch waren die Bauarbeiten in vollem Gange. Wir konnten den Einbau der Gleise für die Tramlinie 4 verfolgen. Diese ist nun verändert und verlängert und führt zum Bahnhof Altstetten hin. Das heisst für mich, dass ich mit diesem 4-er, wie wir die Linie immer nannten, in nur 7 Minuten von Altstetten zum Escher Wyss Platz fahren kann.
 
Auf Samstag 10.12.2011 luden die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) zu einer Rundfahrt ein. Die Eröffnung wurde gefeiert. Mit allerlei Attraktionen, lauten und leisen. Erstmals durfte ich im Tramdepot Hard die Geleisehalle betreten, die an diesem Tag zur Konzerthalle umfunktioniert worden war. An diesem Tramdepot führte seinerzeit mein Schulweg vorbei.
 
Der Tages-Anzeiger präsentierte auf einer ganzen Zeitungsseite alle Attraktionen, die zu diesem Festtag gehörten. Eine Fülle an Angeboten, die ich hier gar nicht aufzählen kann. Der Festplatz erstreckte sich vom Tramdepot Escher Wyss Platz bis zum Schiffbau hin.
 
Lange verweilten wir dann in jenem Ausstellungsraum an der Hardstrasse, der das Stadtmodell „Bereich Zürich-West“ zeigte. Mit einem Ausmass von ungefähr 5 x 5 Metern ergab sich da eine übersichtliche Anschauung vom Neuland Zürich West mit seinen Strassenschluchten, Bahnführungen und den authentischen Hausformen in jenem Umfeld, in dem ich als Kind und später mit der eigenen Familie gelebt habe.
 
Da, wo die Erde früher hauptsächlich atmete, wo Kühe weideten und in den vielen Familiengärten Gemüse und Blumen wuchsen, dominiert jetzt die Gestaltung, der Strassenbau, die Tramführung und allen voran die Architektur. Asphalt und Beton decken die Erde zu. Es soll aber noch ein Park entstehen. Und in einen Abschnitt der Pfingstweidstrasse wurden bereits Bäume gepflanzt.
 
Da mein Vater in diesem Areal ebenfalls gärtnerte, berührt es mich besonders, dass hier keine Nahrung mehr wachsen darf und wir mehr und mehr Gemüse und Früchte aus dem Ausland importieren müssen.
 
Solche Gedanken begleiteten meine Ersttagsrundfahrt. Aber ich freute mich auch an der Frische dieses neu auferstandenen Quartiers. Wieder ergab sich für mich eine neue Sicht. Eine weite Sicht sogar. Weil ich mich im Tram auf der Strasse befand.
 
Wenige Tage später benützte ich dann die Linie 4 ab Zürich-Altstetten Nord im normalen Kurs und fuhr zum Escher Wyss Platz. Eine angenehme Fahrt, die das Tram bieten kann. Anders als im Bus beispielsweise Richtung Dunkelhölzli. Da wird man geschüttelt. An diesem Morgen erlebte ich, wie rege die Linie schon benützt wird. Sie muss sehnlichst erwartet worden sein. Das war keine Rundfahrt mehr. Menschen stiegen ein und aus, können nun ihre Ziele zügig erreichen. Im Tram befanden sich auch einige wenige Passagiere, die zur persönlichen Rundfahrt eingestiegen waren und ebenfalls ausschauten und das Neue kommentierten. Ein Paar, hinter mir sitzend, beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte jenes Nagelhauses beim Mobimo Tower, das nicht abgebrochen werden konnte. Die eine Hälfte des 118 Jahre alten Mehrfamilienhauses, das in privatem Besitz ist, soll nach dem Willen der Eigentümer stehen bleiben. Hier wird noch gewohnt. Die andere Hälfte, vormals im Besitz der Stadt, wurde abgebrochen.
 
Nun bleibt die private Hälfte des Mehrfamilienhauses, zu dessen Gesamtkomplex früher auch ein Kolonialwarenladen gehörte, als wertvolle Antiquität bestehen. Der Besitzer oder die Besitzerin verhielt sich widerständig, war nicht zum Abbruch zu bewegen. In wohltuendem Abstand zu den neuen Hochhausbauten kommt seine Schönheit noch mehr zur Geltung als das früher der Fall war. Es ist ein Haus mit Giebeldach, mit Mansarden-Gauben, mit Fenstern, die im Winter mit Vorfenstern versehen sind. Für mich hat es mehrere Gesichter. Es spricht mich an, verspricht Gemütlichkeit und alte, längst verschwundene Lebensqualität. Umgeben war das Haus von Gebüschen, Blumen und „Pflanzblätzen“. Wie überall vor 100 Jahren wurde auch in nächster Nähe des Wohnortes ganz selbstverständlich ein Teil der Ernährung angebaut. Etwas Weniges von dieser Kultur ist hier auch erhalten geblieben.
 
Und auch die 3. Fahrt wurde für mich dann zum Erlebnis. Tage später stieg ich um 6 Uhr abends in Altstetten Nord ins Tram. Die Sonne war längst untergegangen. Die Nacht früh eingebrochen, wie es zum Dezember gehört. Ich empfand sie schwarz. Aber bald überraschten mich Lichter vom grünen Prime Tower und den Hochhäusern in seiner Nachbarschaft. So wie die Räume gebraucht und erleuchtet wurden, gaben sie Muster ab. Sehr lebendig, nicht geometrisch vorgeschrieben. Ein grosser Adventskalender für Erwachsene. Linksseitig fuhren wir in der breiten Pfingstweidstrasse nahe an einem Bürohaus entlang und sahen in die Räume hinein. Am Lichtspiel, das mich bewegte, waren auch die Verkehrsampeln mit den wechselnden Farben rot und grün beteiligt. Ein Spektakel sondergleichen. Dieses katapultierte mich in Bruchteilen von Sekunden aus der Vergangenheit dieses Ortes in die Neuzeit hinein. Ich bin gut angekommen.
 
Als ich kurz darauf am Escher Wyss Platz ausstieg und sich mir nach wenigen Schritten auch noch die neue, nach dem Plan Lumière gestaltete Beleuchtung an der Hardbrücke präsentierte, stand ich einfach nur noch still und staunte.
 
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