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BLOG vom 05.01.2012


Umsturz in Ägypten: Wo alle Schüsse hinten hinaus gingen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Eine der US-amerikanischen Aktionen bei der Destabilisierung der arabischen Welt war der überhastete Sturz des ägyptischen Machthabers Hosni Mubarak auf dem Hintergrund eines intensiv geförderten Volksaufstands, der wie in den benachbarten Ländern zu einem Bürgerkrieg ausartete. Mubarak, von den westlichen Politikern zuvor gelobt, gefeiert, umschwärmt, verhätschelt, fiel bei den US-Kriegern unter Barack Obama wahrscheinlich deshalb in den letzten Jahren in Ungnade, weil er die intensivierte US-Machtpolitik im Süden des Mittelmeers immer weniger mittrug und auch bei der Vorbereitung eines Angriffs auf den Iran und dessen Verbündete nicht mitmachen wollte. Er zielte darauf ab, den Iran in eine friedliche Lösung einzubinden – auch im Interesse von Israel. So etwas wollen die Kriegsherren zuletzt hören. Und zudem wollte Mubarak keine US-Militärstützpunkte in seinem Land, die in erster Linie dem angestrebten Nuklearschirm gegen einen iranischen atomaren Angriff gedient hätten.
 
Weil nach dem Sturz von Mubarak alles schief gelaufen ist, wird nun Washington 84 moderne F15-Kampfjets an die befreundeten Öl-Despoten in Saudi-Arabien liefern. Ausserdem sollen 70 Maschinen der saudischen Luftwaffe modernisiert werden. Das Geschäft hat laut Weissem Haus einen Wert von 30 Milliarden Dollar. Etwas wirtschaftliche und strategische Entwicklungshilfe ist den Amerikanern willkommen. So können die USA ihre Machtpolitik auf lukrative Art stärken. Einige US-Abgeordnete stimmten dem Bombengeschäft mit Saudi-Arabien erst zu, nachdem ihnen versichert worden war, dass die militärische Überlegenheit der Atommacht Israel dadurch nicht beeinträchtigt werde.
 
Die ferngesteuerte Revolution
Jedes Land müsse seinen eigenen Weg zur Demokratie finden, rief Obama dem Machthaber Mubarak einmal zu, der sich zum Frieden mit Israel verpflichtet hatte und im Nahost-Friedensprozess vermittelte. Man liess ihn als the devil we know", den bekannten Teufel (laut New York Times), noch eine Zeitlang gewähren, bis er im Januar 2011 sein Präsidentenamt abgeben musste. Er floh am 12.02.2011 per Helikopter, allerdings nicht über die Landesgrenzen, sondern er zog sich in seine Villa in Scharm El-Scheich zurück, erlitt einen Herzinfarkt, und jetzt wird ihm in Kairo der Prozess gemacht.
 
Der Westen heizte die ägyptische Revolte mit Gerede von mehr Demokratie an. Die Aufwiegelungen fielen auf fruchtbaren Boden und zeitigten furchtbare Folgen. In den westlichen Systemmedien wurde Mubarak praktisch von einem Tag auf den anderen vom Guten zum Bösen. US-Kriegsschiffe kreuzten anfangs Februar 2011 im Suezkanal auf, und die Aufständischen sahen sich von guten Händen getragen. Nach Irak-Muster begann dieser Weg auch hier mit der Plünderung von Antikensammlungen. Die Reichen waren zur Flucht gezwungen, darunter der sympathische Milliardär Samih Sawiris, der Andermatt neu erfindet, eine Ferienresort baut und mit dem Einbruch des Tourismus in Ägypten, der seine Milchkuh war, schwere Sorgen hat. Die ägyptischen Hotels, von denen einige Sawiris gehören, entleerten sich und blieben leer. Die Armen wurden noch ärmer. Das Militär übernahm das Zepter, vorläufig, bis das Schlimmste überstanden war, wie die Führer ankündigten – und blieb. Das Auseinanderklaffen von Worten und Taten ist heute an der Tagesordnung; niemand schafft es, sich darüber gebührend aufzuhalten. Die Amerikaner hatten diese Machtübernahme durch die Armee anfänglich unterstützt, weil sie keine andere Lösung sahen.
 
Und nun reiben sie sich die Augen. Das Chaos im Machtvakuum vergrösserte sich: Demonstrationen, Verletzte, Tote, wirtschaftlicher Zusammenbruch. Inzwischen ist die Lage im Land viel schlimmer als zu den Zeiten Mubaraks. Dieser Herrscher wurde mit jährlich 1,3 Milliarden USD „Militärhilfe" aus den verarmten USA aufgepäppelt und gestützt, wobei ein grosser Teil in die Taschen seines Familien-Clans floss. Gleich viel Geld geht seit Mubaraks Absetzung an die Militärmachthaber, um sie günstig zu stimmen. Hat da jemand etwas von Bestechung gesagt?
 
Was läuft denn dort im Untergrund?
Jetzt ist es diese fremdfinanzierte ägyptische Armee bzw. ausgerechnet der Militärrat („Rat der Berater“), der von den Einmischungen des Westens offenbar die Nase voll hat. Die gleichen Demonstranten, die schon gegen Mubarak angetreten waren, erwachten im Spätherbst zu einem neuen Frühling. Besonders Mitte Dezember 2011 kam es wieder zu schweren Unruhen zwischen Demonstranten und dem Militär, das den Aufruhr in Grenzen halten wollte. Der FAZ-Titel am 18.12.2011 dazu: „Kairo in Flammen“: „Gebäude und Autos brannten, der Tahrir-Platz und die von ihm abgehenden Strassen waren wieder zu Kriegszonen geworden.“ Unter den Gebäuden, die in Flammen aufgingen, war die Bibliothek des 1798 von Napoleon gegründeten „Ägyptischen Wissenschaftlichen Instituts“ ‒ unersetzliche Manuskripte gingen für immer verloren.
 
Die Militärbehörden, die gerade am Ruder sind und ihre wirtschaftlichen Vorteile über die Runden bringen möchten, durchsuchten in den letzten 2011-Tagen in Kairo die Büros von mindestens 18 Menschenrechtsorganisationen und internationalen Institutionen. Einer der Vorwürfe: illegale Finanzierung aus dem Ausland. Berlin und Washington protestierten, Bürgerrechts-Gruppen zeigten sich entsetzt, jaulten wie ein Hund, dem man auf den Schwanz getreten ist.
 
Wie ägyptische Medien am Donnerstag, 29.12.2011, berichteten, hatten Staatsanwälte in Begleitung von Polizisten nach Hinweisen gesucht, ob die ins Visier geratenen Organisationen ohne Lizenz arbeiteten und ohne Erlaubnis der ägyptischen Behörden aus dem Ausland Geld erhalten hätten. Solch eine Razzia gab es nicht einmal unter Mubarak. Das gnadenlose Militärrecht gilt. Doch dann drohten die USA mit der Überprüfung des 1,3-Mia.-Zustupfs, worauf aus Kairo unverzüglich zugesichert wurde, Durchsuchungen künftig zu unterlassen und die beschlagnahmten Dokumente zurückzubringen. Spätestens seit dem US-Angriffskrieg auf das unschuldige Vietnam, wo ein Terrorregime gestützt wurde, ist klar, dass der Grundsatz der Selbstbestimmung für Völker nur dann gilt, wenn feststeht, dass sie sich für eine den USA genehme Ideologie und Politik entscheiden.
 
NDI und IRI
Die US-Aussenamtssprecherin Victoria Nuland gab immerhin zu, dass unter den von der Razzia betroffenen Organisationen auch deren 2 sind, die mit US-Mitteln unterstützt werden. Gelder zur Unterstützung religiöser Gruppierungen kommen zudem aus arabischen Ländern, insbesondere ausgerechnet aus Saudi-Arabien. Das ägyptische Justizministerium hatte bereits vorher angedeutet, dass viele Gruppen seit dem Sturz von Präsident Mubarak illegal finanziert würden.
 
Zu den durchsuchten, US-finanzierten Organisationen gehört das National Democratic Institute for International Affairs (NDI), die politische Stiftung der US-Demokraten. Im Vorstand des NDI mit Hauptsitz in Washington sitzt unter anderem die frühere US-Aussenministerin Madeleine Albright, die über Leichen geht, was nichts Gutes erahnen lässt. Das NDI fördert „demokratische Entwicklungsprogramme“ in zahlreichen Ländern in aller Welt, mischt sich also in die inneren Angelegenheiten der Staaten ein und geniesst die Unterstützung und den Schutz der US-Regierung.
 
Bei der 2. wichtigen durchsuchten US-Organisation handle es sich um das International Republican Institute (IRI), das ebenfalls in Washington ansässig ist und den US-Republikanern nahesteht. Es wird als „Think-Tank“ (Denkfabrik) bezeichnet, ein Begriff, der auf umstürzlerische Aktivitäten hinweist – wird eigentlich nur noch in Denktanks darüber nachgedacht, was man verändern könnte? Ein Tank, die der gegebenen Verhältnisse als perfekt erkennen würde, könnte gleich zusammenpacken – er muss zu Veränderungen aufrufen, damit er dann über die neu entstandenen Unzulänglichkeiten nachdenken und sich wiederum positionieren kann.
 
Viele politische Aktivitäten werden heute von Nichtregierungsorganisationen sozusagen hintenherum erledigt, gelegentlich auch von Entwicklungshilfe- und anderen Hilfsorganisationen. Das politische Netzwerk wurde engmaschiger und undurchschaubarer. Und man kann es wohl keinem Staat, der eine gewisse Unabhängigkeit bewahren möchte, verwehren, wenn er sich dafür interessiert, welche Kräfte in seinem Untergrund agitieren. Wohlverstandene Demokratisierungsbemühungen sollten nicht das Resultat des Einwirkens fremder Kräfte sein, die im Auftrag machthungriger Staaten handeln und deren Ziele verwirklichen helfen, ansonsten sie an den legitimen Interessen eines Volks vorbeigehen.
 
Die Vorgänge in Ägypten zeigen in dramatischer Art auf, dass Demokratien bei den heutigen politisch und wirtschaftlich bestehenden Rahmenbedingungen nicht aus dem Boden gestampft werden können. Und selbst ein jahrelanges Wachstum und Einüben ist bei den internationalen Vernetzungen und Einflüssen, die auf eine maximale Ausbeutung abzielen, nicht mehr möglich.
 
Nordafrika ist das aktuelle Opfer der westlichen Destabilisierungs- und Machtpolitik, die unter dem Vorwand „Demokratisierung“ daher kam. Und wie immer, wenn die USA und ihre an der kurzen Leine gehaltenen Vasallen ihre Muskeln spielen liessen, bleiben Trümmerhaufen zurück, Resultat eines kollektiven Versagens. Es ist, als ob die Feuerwehr wegen eines einzigen brennenden Hauses das ganze Dorf zu einem Schutthaufen verwandeln würde – mit internationaler Hilfe.
 
Anhang
 
Bei den Müllmenschen von Kairo – eine Erinnerung
Am 15.12.1989 kam ich von einer Nilfahrt und vom Besuch der wichtigsten Kulturdenkmäler in Niltal mit Abstechern in die Arabische Wüste nach Kairo zurück, und wollte mich nach dem wirklichen Leben umschauen. Ich wusste, dass es in jener Metropolregion, die damals etwa 15 (heute 16) Millionen Einwohner zählte, keine städtischen Kehrichtabfuhr gab, was augenfällige Auswirkungen hatte. Und so wollte ich das Mülldorf Ezbet Al Nakhl sehen. Davon riet mir jedermann ab, selbst ein einheimischer Reiseleiter, ein gebildeter Ägyptologe mit Ortskenntnissen. Das sei viel zu gefährlich, sagte er.
 
Wir hatten gerade die Zitadelle mit dem Überblick über das von sandhaltigen Winden schmutziggelb geschliffene und von Abgasen nachgedunkelte Kairo hinter uns gebracht. Also besuchte ich in Begleitung meiner Frau, die mich nicht dem ungewissen Schicksal überlassen wollte, das Mülldorf.
 
An Taxis bestand kein Mangel, wohl aber an einem Fahrer, der uns ins Mülldorf zu den „Zabalin“, wie die Altstoffsammler genannt werden, zu bringen bereit war. Es gab ausgiebige, nervöse Konferenzen unter den Chauffeuren, die ich nicht verstand; wahrscheinlich waren auch nubische Dialektwörter dabei. Mein zuvor absolvierter Arabischkurs mit A. Rolf Lutz im AT-Haus in Aarau brachte wenig, weil Rolf Lutz neben dem Hocharabisch auch Dialekte einbezog und Verben von der Wurzel her umbildete, so dass sie zu neuen Bedeutungen kamen. Und er schreckte auch vor Konjugationen (Verbumbildungen) nicht zurück, die seit Jahrhunderten ausser Gebrauch waren. Ich kam an den Abendkursen nach arbeitsreichen Tagesarbeiten, welche die ganze Konzentration erforderten, nicht mehr mit.
 
Als das Gestikulieren und Disputieren der Taxifahrer zu Ende gekommen war, wies uns ein Taxiunternehmer den wohlbeleibten Fahrer eines uralten Opels zu, welch letzterer exakt ins Mülldorf passte. Der etwas verängstigte, zerstreut wirkende Chauffeur konnte das Auto zu unserer Verwunderung starten, fuhr los und verirrte sich zuerst im Al-Muquattam-Gebirge, wo die alten Ägypter seinerzeit Steine für Pyramiden abgetragen hatten.
 
Offensichtlich war es noch keinem seiner Kunden in den Sinn gekommen, ihn ins Mülldorf zu dirigieren; er wusste nicht, wo das war. Bei einem Militärcamp erkundigte er sich nach dem Revier der berühmten Zabalin (meist koptische Christen), das auf keinem Kairoer Stadtplan eingezeichnet ist; die Fläche ist einfach grün ausgefüllt. Für die Einheimischen und auch für die Touristen existiert es schlichtweg nicht. Mit dem fahrenden Schrotthaufen bewegten wir uns ein Stück zurück und zweigten dann anders als bei der Anfahrt ab. Mit der einzigen im Auto noch vorhandenen, abnehmbaren Kurbel öffnete ich ein Fenster. Ich stellte fest, dass wir uns in der Nähe der Nekropolen der Mamelucken-Sultane befanden, wo es keine Wasser- und Abwasseranschlüsse gibt. Dieser ehemalige Friedhof wird wegen der Wohnungsnot in Kairo von einigen Hunderttausend Menschen bewohnt; er ist ebenfalls eine Sehenswürdigkeit.
 
Die Ruhestätten der Toten sind für die Ägypter im Allgemeinen unantastbar; in diesem Fall aber wurden sie zu Stätten des Lebens. Die Verhältnisse waren hier eher besser als in anderen Stadtvierteln wie dem „Darb al-Ahmar“ im Herzen des altislamischen Stadtkerns, wo 170 000 Menschen pro Quadratkilometer leben.
 
Gefunden! Unser Gefährt bog ins Mülldorf ein, in dem damals angeblich 40 000 Menschen vom Abfall lebten. Hier tauchten auch Kriminelle unter, weil sich die Polizei angeblich nicht hinein getraute, hatten wir erfahren. Die Luft war dick und süsslich, etwas faulig: ein würziger Geruch nach Verwestem, Kot, vermoderndem Abfall und Rauch. Die Naturstrassen, die gelegentlich aus einem schwarz-grauem Morast bestanden, waren belebt: Menschen, von dürren Eseln gezogene Karren, Schweine, die herumliegende Küchenabfälle schmatzend verwerteten, als ob es sich um Delikatessen handeln würde, und gelegentlich ein lotteriger Lieferwagen. Wir kurvten um staubige, zerfallende Häuser aus Nilschlamm-Backsteinen, zwischen denen sich Abfälle türmten, die sich bis in die Häuser hinein fortsetzten. Hundenasen schnupperten nach Geniessbarem.
 
Überall war ein emsiges Treiben und Arbeiten festzustellen, wie wir es sonst nirgends in Ägypten gesehen hatten: In einem stehenden, rostigen Fass stocherte ein Knabe nach einer Trouvaille. Daneben wurden Blechdosen flach gehämmert, Kunststoffsandalen zerlegt, Papier und Glasscherben aus dem Abfall, der hier ein Wertstoff war, heraussortiert. Der kleine Rest, höchstens 5 %, wurde verbrannt.
 
An einer Wegböschung mit tiefem Morast kam uns ein hoffnungslos überladener Einspänner entgegen. Der müde, magere Esel mochte nicht mehr; seine Kräfte waren erschöpft. Der Abfallsammler schlug auf das Tier ein, und ich wollte das Auto verlassen, um am Karren zu stossen, um den Esel zu entlasten. Unser Chauffeur, der nur ägyptisch-arabisch sprach, gab mir mit Gesten inständig zu verstehen, dies keinesfalls zu tun. Ich fügte mich, des Schlammes wegen. Wie blöd, unbeholfen, egoistisch und unfair benimmt man sich doch in ungewohnten Lebenslagen! Wie bestimmend ist der Wunsch, die Schuhe nicht zu verschmutzen!
 
Der Fuhrmann prügelte das Tier die schmierige Steigung hinauf; wir konnten nicht überholen, mochten das nicht mehr ansehen. Eva und ich stiegen aus, stiessen hinten am bockbeinigen Wagen, und mit den letzten Kräften schafften der arme Esel und wir endlich Zentimeter um Zentimeter, bis die höchste Punkt des Wegs erreicht und überwunden war. Wir kehrten zufrieden ins Auto zurück.
 
Die Gassen wurden enger, und der Taxifahrer erkundigte sich bei einem etwa 40-jährigen, schlanken Ägypter mit einem langen Gewand in verblichenem Braun (Galabija) und Turban, einem liebenswürdigen Menschen mit wirkungsvoll sparsamen Bewegungen, nach einem empfehlenswerten Weg. Die hilfsbereite Gestalt stieg zu uns ins Auto, lotste uns mit diskreten Handbewegungen durch diese Ansammlung von einfachen Bauten, Blechverschlägen, Fässern, Müllhalden, Menschen und Tieren zu einem Markt, der an einen Komposthaufen erinnerte, mit vorwiegend lahmem Gemüse. Ich wollte dem freundlichen Begleiter 20 ägyptische Pfunde geben. Er lehnte ab. Soviel Bescheidenheit und Dienstfertigkeit waren uns in Ägypten noch nie begegnet. Ich drängte ihm das Geld förmlich auf.
 
Zur grossen Erleichterung des Fahrers verliessen wir das Taxi, um diese Zwischenstation der Zivilisationsexkremente zu Fuss in Musse zu erkunden. Wir kamen an ausgesprochen freundlichen Menschen vorbei, die keineswegs zerlumpt wirkten. Eine Leistung in einem Gebiet, wo Mütter aufpassen müssen, dass die Kleinkinder nachts nicht von Ratten angefressen werden. Nirgends waren wir in den vorangegangenen Wochen so nett akzeptiert worden wie ausgerechnet hier, nirgends war so wenig gebettelt worden.
 
Bei einer Baracke am Wegesrand lud uns eine Gruppe von älteren Männern in Feierabendstimmung spontan zu einer Tasse Kaffee ein. Ich wollte freudig annehmen. Doch meiner tapferen Frau war es in diesem Modergeruch und Staub nicht ums Kaffeetrinken; mit schauspielerischem Talent signalisierte sie vorbeugend Magenbeschwerden, die im Übrigen wohl jeden Ägypten-Reisenden eine Zeitlang treu begleiten. Wir gingen dankend weiter, winkend, grüssend, Kinder umarmend.
 
Wir benahmen uns unwillkürlich wie Präsidentschaftskandidaten beim Stimmenfang auf der Wahlkampftournee. Den Fotoapparat setzte ich jeweils nach Einholung einer Bewilligung ein. Dann gab ich Bakschisch (Trinkgeld), ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Und alle waren zufrieden.
 
In diesem Mülldorf gab es Läden und den Strassenverkauf. Wir deckten uns mit überreifen, duftenden Bananen ein, die vielleicht von einem Hotel abgeschoben worden waren, in dem Unreifes vorgezogen wird.
 
In solch ein Hotel in der Nähe der Pyramiden fuhren wir nach dieser denkwürdigen Exkursion zurück. Auf den staubigen Strassen unterwegs erlebten wir die entgegenkommenden Müllmänner und -kinder mit ihren Eseln und Karren, wie sie täglich 16 000 Tonnen Überreste aus den Wohnungen abholen, wie liebe, vertraute Bekannte. Sie haben von wohlhabenden Hausbesitzern das Recht zur Müllabfuhr erworben – und mussten dafür bezahlen. Jeder hat in der Metropolitanregion seinen Rayon. Und während des Einsammelns mit Bastkörben und des Aufladens muss ein Kind den Wagen bewachen, damit nichts gestohlen wird. Kehricht ist wertvoll.
 
Bei den Müllmenschen in Zürich
Am nächsten Tag flogen wir in die Schweiz zurück und lasen in der „Weltwoche“ (vom 14.12.1989), wie wir Reichen mit Abfall umgehen, bzw. wie wir solchen herstellen. Textprobe: „Zweimal jährlich wird in der Stadtzürcher Kehrichtverbrennungsanstalt Hagenholz je eine Fuhre originalverpackter Lippenstifte, Nagellackfläschchen und Puderdöschen des Hauses Christian Dior verfeuert“ . . . weil gerade ein anderer Rosa-Ton Mode geworden ist. Der Bericht erwähnte weitere Blüten der Zivilisationsgesellschaft: Verbrannt wurden in jener KVA wöchentlich eine Wagenladung Blumen direkt vom Flughafen, wenn sie wegen Transportverspätungen welk waren. Weil sie vom Düngen, Spritzen und Imprägnieren vergiftet waren, konnten sie nicht einmal kompostiert werden. Entsorgt wurden auch Glacen (bei Saisonende), sodann alle 2 Wochen ein Laster voll Möbel, Plastikuhren (am 24. Dezember nach Ladenschluss), ganze Fuhren Skischuhe und Skis sowie Tennisbälle nach Saisonende, Videokameras, Fotoapparate usw. usf. Die Skis werden vorsichtshalber noch durchgesägt, und die linken und rechten Schuhe kamen getrennt an, damit nicht jemand noch ein Geschäftchen machen konnte. Firmenvertreter kontrollierten oft, ob auch wirklich alles vernichtet wird. Dazu der Geschäftsführer der Schweizerischen Interessengemeinschaft für Abfallverminderung, Norbert Egli: „Betrachtet man die Stoffflüsse des Homo sapiens, im Speziellen jene des schweizerischen, muss man sich sagen: Der ist nicht ganz bei Trost.“
*
Müllentsorger in Kairo, Müllproduzenten in der Schweiz des Überflusses: Die einen nehmen den untersten Platz in der ägyptischen Gesellschaftshierarchie ein. Die anderen, die Abfälle produzieren und ungenutzt vernichten lassen, sind angesehen.
 
Gewisse Beurteilungskriterien sind es, die auf den Abfallhaufen gehören. 
 
Hinweis auf weitere Blogs mit Bezug zu Ägypten
31.01.2011: Der westlich massiv geschürte Flächenbrand in Nordafrika
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