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BLOG vom 12.01.2012


Tricksen, Tarnen, Täuschen: Die Bewältigung von Skandalen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Das Medienstudium machte mir dieser Tage einmal mehr bewusst, wie auf dieser Welt gelogen, verdreht, in den eigenen Sack gewirtschaftet, Schwerpunkte verzerrend berichtet, Tatschen verschwiegen und andere verdreht werden. Im Vordergrund standen zufällig gerade die Affären Christian Wulff, deutscher Bundespräsident, und Philipp Hildebrand, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB); er trat am 09.01.2012 wegen seinen Insiderdevisengeschäften zurück. Er ist ein Internationalist, der deshalb bei den unverbesserlichen Globalisierungsanhängern in der Schweiz in hohem Ansehen stand. Mir persönlich wäre allerdings ein SNB-Präsident lieber, der sich vor allem für die Schweizer Interessen einsetzt.
 
Und dann habe ich in der SonntagsZeitung noch gelesen, dass Carla Bruni, die wunderschöne Frau des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, in ihrer Funktion als Aids-Botschafterin einem Freund, dem Sänger Julien Civange, Millionenaufträge zugeschanzt habe; aber man weiss da noch nichts Genaueres. Vielleicht ergibt sich hier das Fundament für den Auf- und Ausbau einer neuen Staatsaffäre, lebensnotwendiges Medienfutter.
 
Zur nämlichen Zeit verarbeitete ich gerade noch das schwere Trauma, das ich mir am Freitag, 06.01.2011, als Zuschauer der SF-DRS-„Präsidialarena“ eingehandelt hatte. Im Zentrum der Fernsehrunde stand die neue schweizerische Bundespräsidentin 2012, Eveline Widmer-Schlumpf. Sie hatte sich schwerpunktmässig mit einer erdrückenden Mehrheit von handverlesenen Verehrern umgeben lassen. Selbst der Abt von Disentis GR, Daniel Schönbächler, war aufgeboten worden. In einem Intensivkurs lehrt er hinter seinen Klostermauern, wie man auch unter Druck und im Stress souverän bleibt. Hildebrand könnte sein Schüler gewesen sein. Sein Abgang vom hohen Amt war souverän, in der Jetztsprache ausgedrückt: super.
 
Das mit dem Super finde ich auch. Es ist also alles eine Frage der Verhaltens- und Kommunikationstechnik, wie die ebenfalls begnadete Kommunikatorin Widmer-Schlumpf weiss, deren Verdrehungskünste mit kreideweicher Stimme seit ihrer listigen Wahl in die oberste Landesbehörde kaum zu überbieten sind; ohne das Tricksen und Lügen hätte sie den profilierten Christoph Blocher nicht aus dem Amt drängen können.
 
Als ich an all dies zurückdachte und mir die genüsslich ausgebreiteten publizistischen Leckerbissen über Verschleierungen und Abstreitungen zu Gemüte führte, schaute ich der guten Abwechslung halber durch eine Wintergartenscheibe einigen Amseln zu, die sich beim Nussbaum nach Sämereien umsahen. Bald kam ein Eichhörnchen wie aus dem Bilderbuch dazu, das zielstrebig in eine Naturstein-Trockenmauer eintauchte und mit einer Baumnuss wieder zum Vorschein kam. Ich stellte mir bei meinen Naturbeobachtungen die naheliegende Frage, ob sich wohl auch Tiere durch Lug und Trug durchs Leben schlagen. Um Haaresbreite wäre ich auf den grossen Philosophen Arthur Schopenhauer hereingefallen, der einmal schrieb, Tiere seien ehrlicher als Menschen. Doch dann schlich eine struppige Katze auf Samtpfoten heran, ging hinter einem Gartentisch in Deckung und lauerte darauf, mit einer unerwarteten Attacke aus dem Hinterhalt einen Haussperling als fangfrische Frühstücksdelikatesse erhaschen zu können. So weit kam es nicht.
 
Meine gute Meinung von unseren evolutionären Vorgängern, den Tieren, kam etwas ins Wanken. Und dann kam mir auch in den Sinn, dass sogar Pflanzen allerhand Tricks anwenden, um überleben zu können. So ahmen heimischen Orchideenarten in ihrer verhaltenen Pracht mit Farbflecken die Weibchen von Bienen oder Wespen nach¸ die potenten Männchen werden angelockt, geilen sich daran auf und wollen sich mit der Blüte, die sie mit einer Partnerin verwechseln, paaren. Während dieses Liebesrauschs bekommen sie ein paar Pollenpakete angeheftet, die sie zu verbreiten haben. Eine raffinierte Überlebensstrategie mit Hilfe von unbezahlten Samenboten.
 
Derselbe Überlebensdrang hat die meisten Tiere zum Tarnen, Täuschen, Bluffen und Tricksen veranlasst. Es sind halt auch nur Menschen – beziehungsweise die Verhaltensmuster der Lebewesen unterscheiden sich eigentlich nur wenig. Der wegweisende Naturforscher Charles Darwin war weniger blauäugig als sein Zeitgenosse Schopenhauer. Er fand nämlich heraus, dass ein Tier die Objekte seiner Umwelt manipuliert und sie zum eigenen Vorteil steuert, um sich zu ernähren und sich fortzupflanzen. So bezeichnete zum Beispiel der amerikanische Insektenforscher James Lloyd den scheinbar unschuldigen Lichterglanz einer bestimmten Glühwürmchen-Sorte als Grundlage für Lug und Trug. An sich dienen diese Lichtsignale als Mini-Leuchttürme, damit in der Paarungszeit Männchen und Weibchen zu einander finden. Solche Lichtsignale machen sich Raubglühwürmer zunutze, indem sie das Blinken nachahmen, und die hereingefallenen Männchen mit ihren kräftigen Kiefern ermorden und dann verspeisen. Traurige Schicksale sind allerorten.
 
Solche Beispiele, die bis zum Verhaltensmuster des Aufplusterns und Totstellens endlos fortgesetzt werden könnten, mögen genügen. Die Frage ist dann einfach, ob es denn erlaubt sein kann, im Interesse der Arterhaltung alles zu tun, was dafür nötig ist. Die Evolutionsgesetze bejahen das eindeutig. Offenbar haben immer nur die Schlauesten, Raffiniertesten überlebt. Doch sollte man sich davon nicht allzu sehr inspirieren lassen, wie der Rummel um Wulff und Hildebrand zeigt.
 
Genau hier ist der Punkt, wo man offensichtlich nicht alles 1:1 von Pflanzen und Tieren auf den Menschen übertragen kann. Wenn es um spekulative Finanzgeschäfte geht, die in der Tierwelt meines Wissens nicht vorkommen, kann es sich zwar um ein Imponiergehabe gegenüber dem anderen Geschlecht handeln, aber daraus eine Überlebensstrategie abzuleiten, ginge eindeutig zu weit. Bestenfalls handelt es sich um die Befriedigung des Spieltriebs und um eine berufliche Überlebensstrategie, auch um die Klammerung an ein finanziell hoch dotiertes Amt, das man möglichst lang am Sprudeln lassen will und welches durch das damit verbundene Insiderwissen und Gestalten das Verdienen eines Zubrots erleichtert – auch den ohnehin Satten. Hat man sich einmal bis an die oder gar über die Grenzen des Erlaubten begeben, ist man bestrebt, unstatthafte bis in den kriminellen Bereich fallende Tatbestände unter dem Deckel zu halten, das heisst, einfach zuzugeben, was bewiesen ist und mit dem besten Willen nicht abgestritten werden kann. Den Rest hält man besser unter Verschluss. Es geht um die Ehrenrettung, die Beibehaltung des Saubermannimages.
 
Weil solche Fälle bald einmal an der Tagesordnung sind, hat sich eine neue Berufsgattung etabliert: man könnte sie in der angemessenen Sprache Troubleshooters nennen; doch der Ausdruck PR- oder Medienberater ist weniger entlarvend, seinerseits bereits ein Ergebnis der Verwedelungsbemühungen.
 
Wer sich also für sein Versagen und Ritzen ethischer Vorschriften rechtfertigen muss, nimmt einen psychologisch untermauerten Crashkurs im professionellen Umgang mit den lästigen Medien und der Öffentlichkeit, die sich über die Medien mit dem Mittel der Wiederholung problemlos manipulieren lässt. Manipulation auf hoher Ebene. Man lehrt und lernt dort ein bestimmtes, selbstbewusstes Auftreten. Zur Strategie gehört auch eine Entschuldigung hinsichtlich eines irrelevanten Nebenkriegsschauplatzes, ein strahlender Beweis für Einsicht und des Bemühens, sich bis zur letzten Perfektion zu verbessern. Aber im Hauptanklagepunkt muss man knallhart bleiben, darf keine Schwäche zeigen und nichts zugeben. Allein das wirkt überzeugend. Gegen das Herumstolpern in Fettnäpfchen empfiehlt es sich, immer ein no comment auf der Zunge in Bereitschaftsstellung zu haben (Gratistip von mir).
 
Philipp Hildebrand war ein gelehriger Schüler, machte selbst bei der Abschiedsverstellung (schon wieder) „einen guten Job“. Und wenn nach dem Auftritt vor den Fernsehkameras die Medien einen Medienberater aufbieten, der die Show aus medienstrategischer Sicht beurteilen soll, sind Bestnoten nicht mehr weit.
 
Für die Medien ihrerseits gelten andere interne Richtlinien bei der Beurteilung von Verhaltensmuster: Wer politisch auf der gleichen Linie arbeitet, wird als glaubwürdig betrachtet und reingewaschen, ob das nun gerechtfertigt ist oder nicht. In der Politik ist das nicht anders. Auch Frau Widmer-Schlumpf stellte sich vollumfänglich hinter Hildebrand; sie bekundete ihr Vertrauen zum gestrauchelten Nationalbankpräsidenten noch, als ein moralisches Fehlverhalten des Ehepaars Hildebrand längst offenkundig war. Dafür wollte sie gegen die Informanten mit aller Härte vorgehen. Stilrein. Als offenkundig wurde, dass Hildebrand nicht alle Bankunterlagen vorgelegt hatte, schwafelte sie von unendlichem Vertrauen, eine Generalabsolution auf päpstlicher Höhe für ihren Freund, und sie sagte ausschliesslich den Gegnern des damaligen Notenbankchefs den Kampf an. So bereicherte sie ihren Lebenslauf mit einer Schmierenkomödie.
 
Und immer wird solchen Grössen attestiert, sie würden „einen guten Job machen“, auch wenn das pure Gegenteil offensichtlich ist, wenn sie bloss ins Konzept passen. Der Rest wird dem Bereich der haltlosen Gerüchte zugewiesen und damit als erledigt ausgebucht. Fehler werden ausschliesslich auf der Gegenseite gesucht, und wenn solche dort nicht aufzutreiben sind, werden sie halt konstruiert. Die sich daraus ergebenden Desinformationen sind unbegrenzt, was den Vorteil hat, dass man sich im Chaos verirrt, der Normalverbraucher ohnehin nicht mehr drauskommt. Das erweitert den Handlungsspielraum der Mächtigen und der eingebetteten Medien beliebig.
 
Daraus entsteht der fruchtbare Boden für Manipulationen. Genau hier sind wir im Moment angekommen ...
 
... und dadurch den Tieren schon deutlich überlegen. Fortschritt – so nennt man das.
 
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