Textatelier
BLOG vom: 23.02.2005

Berichten und kommentieren, was andere verschweigen

Autor: Walter Hess

Medien berichten nur über einen Bruchteil dessen, was auf dieser Welt geschieht. Sie wählen aus, gewichten. Einige Themen kommen vor, andere gehen unter. Drei Fragen drängen sich auf: Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl? Decken die Medien die wichtigen Themen ab? Vermitteln sie ein korrektes Bild der ‚Wirklichkeit’?“

Die „SonntagsZeitung“ (SZ) vom 20. Februar 2005 übte sich in zaghafter Selbst- und Medienkritik. Und sie zeigte auf, dass viele kritische Menschen mit dieser merkwürdigen thematischen Beschränkung in der Medienlandschaft unzufrieden sind: „In jüngster Zeit mussten die Schweizer Medien massive Kritik einstecken. Am World Economic Forum 2005 in Davos warf Novartis-Chef Daniel Vasella (Blog vom 22. 1. 2002: „Aus Novartis wird Novbartis“) ihnen vor, dass sie sich hinter den angeblichen Bedürfnissen des Lesers verstecken und ‚nicht so sehr über das berichten, was wichtig ist oder wäre’. Im vergangenen Herbst hatte Christoph Blocher geklagt, eine Reihe wichtiger Themen komme in den Medien kaum vor. ‚Es herrscht eine feige Einheitsmeinung’, polterte der SVP-Bundesrat. Der Zürcher Soziologe Kurt Imhof spricht von einem ‚Konkurrenzversagen in Bezug auf die Vielfalt der Medieninhalte’“.

Selbstverständlich haben sie alle mehr als Recht, Vasella, Blocher und Imhof – und teilweise auch die „SZ“: „Die Medien haben eine beschränkte Weltsicht. Obwohl die Globalisierung immer mehr Bereiche unseres Lebens erfasst, konzentrieren sich die Schweizer Medien auf das Lokale. Schon das Tessin und die Romandie liegen für die Deutschschweizer Medien in weiter Ferne. Die Landesteile driften auseinander. Das fällt jenen auf, die Medien beidseits der Sprachgrenze konsumieren. ‚Schaut man die Tagesschau im welschen Fernsehen, hat man das Gefühl, in einem anderen Land zu sein’, findet die grüne Berner Stadträtin Catherine Weber.

An Auslandberichterstattung existieren noch die USA, Deutschland und der Nahe Osten. Selbst China wird, sofern es nicht die Wirtschaft betrifft, stiefmütterlich behandelt: Der chinesische Staatschef Hu Jintao wurde gemäss Schweizerischer Mediendatenbank im letzten Jahr in 268 Artikeln erwähnt. US-Präsident Bush schafft diesen Wert locker in einer Woche; MusicStar Carmen Fenk kam auf 675 Artikel.“

Allerdings geht es nicht um die Beschränktheit im geografischen, sondern um jene im thematischen Sinne. Das Unbehagen ist allgemein, und wenn die Mediennutzer darüber besser informiert wären, was mit ihnen tatsächlich passiert, müssten sie ständig vor Fernseh-, Radio- und Pressehäusern demonstrieren – nur würden die Medien davon wohl kaum gross Notiz nehmen. Die „SRG SSR idée suisse“ (Schweizer Radio und Fernsehen) lenkt von den künstlichen (virtuellen) Realitäten, wie sie insbesondere vom Fernsehen geschaffen werden, und vom allgemein verbreiteten Unbehagen über die Programme durch einen Aufruf zur Mitgliedschaft ab: „Als Mitglied können Sie mitreden, wenn es um die Zukunft von Schweizer Radio DRS und Schweizer Fernsehen DRS geht. Sie erhalten Zugriff auf aktuelle News und Hintergrundinformationen und profitieren von exklusiven Angeboten und Veranstaltungen rund um die SRG SSR idée suisse und ihre Programme“ (www.mitreden.ch ).

Was soll das? Ich habe schon einige Male beim Schweizer Radio Vorstösse (wegen des penetranten täglichen Frank-Sinatra-Kults) gemacht, bin aber immer abgewimmelt worden, ohne dass ich je auf diese entscheidende Frage Antwort erhielt: Wird das Radio durch die Sinatra-Vermarkter bestochen (gesponsert)? Und wenn schon: Wieso gibt man dies nicht ehrlich bekannt?

Es sollte doch jedem Mediennutzer (und Gebührenzahler) möglich sein, sich zum Programm äussern zu können und eine anständige Antwort zu erhalten, ohne dass er sich noch zu einer zusätzlichen Mitgliedschaft, die eher den Charakter eines biederen Fan-Klubs hat, bereit erklären muss. So dürfen die SRG-Mitglieder „Publikumssendungen mit attraktivem Rahmenprogramm“ besuchen und die Applaudierkulisse gewährleisten. Die Fans erhalten dann etwa das Monatsmagazin „Link“, eine PR-Zeitschrift aus DRS-Innensicht, oder sie können Ermässigungen bei Einkäufen im Radiokiosk oder im SF-DRS-Shop erhalten, wo teure Artikel zu beziehen sind und lukrative Zusatzgeschäfte (Merchandising zur Gewinnmaximierung) mit unkritischen Mitläufern gemacht werden.

Das Radio hat wenigstens noch die Regionaljournals und das gut gemachte „Echo der Zeit“ um 18.00 Uhr; das Fernsehen beschränkt sich weitgehend auf jene Themen, über die gerade bewegtes Bildmaterial vorliegt, und man beschafft solches, wenn es gerade ins linkslastige Konzept passt. Die Stärken sind bei der „Arena“, die wenigstens einen guten, ausgewogenen Einblick in die politischen Spielereien gibt, und bei den spärlichen Natursendungen, bei denen das Fernsehen seine besten Talente einsetzen kann. Die "Tagesschau" um 19.30 Uhr soll offenbar demnächst auch auf den Schni-Schna-Schnappi-Stil ausgerichtet werden. Infantile Abendfüller wie MusicStar und dem damit verbundenen, blödsinnigen Medienrummel mit dem ständigen kindischen Gekreische und Geschrei sowie Lotteriegeplänkel nehmen immer mehr überhand − wenn es nur nichts kostet.

Alle Medien, insbesondere die Tageszeitungen, haben in den letzten Jahren massiv Stellen abgebaut und sich insbesondere bei den Freischaffenden zu Tode gespart. Dadurch sind sie weitgehend von den Medienagenturen abhängig geworden, und was diese betont angelsächsisch ausgerichteten Mediendienste nicht verbreiten, existiert nicht. An heikle Themen wagt sich kaum noch jemand heran: Man stelle sich vor, was das für ein mediales Hallo abgesetzt hätte, wenn ein anderes Land als Israel solch eine gigantische Mauer in die Landschaft gestellt hätte! An die berechtigte Kritik am DDR-Mauerbau in Berlin (1961) erinnere ich mich noch gut, und Bundeskanzler Gerhard Schröder bezeichnete sie noch im Jahr 2004 als „Ausdruck der Missachtung elementarer Menschenrechte durch ein undemokratisches System.“ Die US-Kritik ihrerseits wird zwar allmählich leicht salonfähig; aber zu sehr darf die Weltpolizei nicht gereizt werden. Da verschweigt man lieber, wenn der CNN-Nachrichtenchef Eason Jordan sinngemäss fallen liess, im Irak-Krieg seien Journalisten bewusst abgeschossen worden, oder nur schon das 60-Jahre-Bombenjubiläum im Waldenburgertal (als die Amerikaner eine Bombe ausgerechnet in der Nähe einer Zünderfabrik ‚aus Versehen’ fallen liessen) wird totgeschwiegen (Ausnahme: Basellandschaftliche Zeitung). Und dem Saubermann und Sammelkläger Ed Fagan, der wegen Veruntreuung selber angeklagt ist, will man auch nicht zu nahe treten, und es wird geschwiegen – alles Beispiele aus den letzten wenigen Tagen.

Komplexe Themen wie die verheerende Globalisierung unter US-Führung, die Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen (GATS), die Elektrosmog-Auswirkungen, die Gentechnologie, die US-Rolle bei der Klimazerstörung und dergleichen mehr werden im Kollektiv unter dem Deckel gehalten, wenn immer es geht.

Die Menschen werden dafür mit einem Übermass an Sport, seichter Unterhaltung und Scheinwirklichkeiten abgelenkt. Die Medien kürzen, verkürzen, repetieren gebetsmühlenartig, ersetzen die Sprache durch Bilder, behandeln, was CNN, SF DRS und der Riniger-Konzern vorgeben und würden wohl am liebsten unterbinden, was ihnen nicht in den Links-Mitte-Kram passt. Und das funktioniert tatsächlich: Das „seismografische Instrument Öffentlichkeit“, sagte Imhof laut SZ, werde zusehends unsensibler und „dümmer“. Die Lage ist also aktenkundig.

Das Blogatelier wird sich auch in Zukunft nach Kräften bemühen, diesen Verdummungsprozess zu verlangsamen und für Nutzer berichten, die Essentielles suchen und die das Engagement der Berichterstatter zu schätzen wissen. Wir sind Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dankbar, wenn Sie uns Ihre Beobachtungen mitteilen. Für die wenigen kritischen Medien und für uns besteht eine Nische von enormen Dimensionen. Man kann ja schliesslich jeder Situation − und sei sie noch so zerfahren − etwas Positives abgewinnen. 

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