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BLOG vom 19.02.2012


Limmatinsel Spreitenbach: Bijou beim Bau- und Verkehrsbrei
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Gut 1 Prozent der Aargauer Kantonsfläche (über 16 Quadratkilometer) wird innerhalb von 20 Jahren (unter Einbezug der Vorbereitungs- und Planungsphase), das heisst bis 2014, in Auen zurückverwandelt. Die grossen Flüsse im sogenannten Wassertor der Schweiz gewinnen dadurch an Attraktivität und Vitalität, ein prächtiger Anblick zu allen Jahreszeiten.
 
Zu den grossen Flüssen (Reuss, Aare und Rhein) zählt man auch die Limmat, der Zürichsee-Abfluss. Sie hat den Metropolitanraum Zürich in den Aargau hineingespült, weil das Wasser erwiesenermassen für Erholungssuchende, Anwohner und Industriebetriebe schon immer eine starke Anziehungskraft ausübte. Der Blick auf eine beliebige Landkarte zeigt, wie vollgestopft das Gebiet zwischen der Stadt Zürich über Schlieren ZH, Spreitenbach AG, Neuenhof bis Wettingen und Baden ist. Zwischen den westlich anschliessenden Gemeinden Obersiggenthal und Untersiggenthal AG gibt es noch einige landwirtschaftlich genutzte Freiräume, die aber früher oder später gewiss noch aufgefüllt werden.
 
Dass es in diesem Brei aus Gewerbe-, Industrie- und Wohnbauten sowie den meistfrequentierten Infrastrukturanlagen (die Ost-West-Bahnverbindung und die Autobahn A1) noch etwas gibt, das man verallgemeinernd als Natur bezeichnen könnte, überrascht schon: 2 Auengebiete im Neuhard (Spreitenbach) und Chlosterschür (Wettingen, Würenlos).
 
Seit Jahr und Tag durchstreife ich den Aargau auf der Suche nach wenig bekannten Bijous und werde immer wieder fündig. So fuhr ich am 14.02.2012, als die grosse Kälte gerade eine Wärmeattacke über sich ergehen lassen musste, zur Gewerbe- und Industriezone von Spreitenbach – bis ans Ende der Kesselstrasse, eine Sackgasse. Sie zielt auf den nordwärts gerichteten Limmatbogen hin, dessen Innenseite man den „Chessel“ oder neuerdings Neuhard nennt. Dort sind der Spreitenbacher Entsorgungsplatz, die Zweifel-Pommes-Chips-Fabrik usw.; diese Chips haben eine gute Fett- und Salzspeicherqualität, weshalb sie so gut munden.
 
Bewegt man sich zu Fuss nach Norden der Limmat entgegen, fällt das Gelände sogleich zur Limmat ab (391 m ü. M.). Ein schräg im Geländesprung angelegter Weg, der mit etwa 5 cm Schnee bedeckt war, gestattet den bequemen Abstieg auf Limmathöhe. In diesem Fluss sind 2 Inseln, die nicht allein von Enten und anderen Vögeln genutzt werden, sondern bei wärmerem Wetter auch von Leuten, die hier etwas ausspannen oder baden möchten – nur das Nacktbaden ist nicht erlaubt, selbst im Winter nicht.
 
Die Insel ist bemerkenswerterweise nicht natürlichen Ursprungs, sondern sie entstand 1862 mit dem Bau der Baumwollspinnerei, wie man auf einer Orientierungstafel der Natur- und Umweltkommission Spreitenbach nachlesen kann, die bei der überdimensioniert scheinenden Brücke über den Industriekanal angebracht wurde. Die weinrote bis braune Brücke sieht wie ein Hohlträger aus. In diesem Gebiet gab es vorher einige Sandbänke.
 
Die Spinnerei nutzte die Wasserkraft der Limmat. Dazu wurde ein Kanal ausgegraben, wodurch eine lange Insel vom Ufer abgetrennt wurde. In der Blütezeit der Spinnerei wurde für die Arbeiter aus Würenlos eine Fähre betrieben. Die Insel wurde dann während Jahren als Campingplatz genutzt und schliesslich von der Gemeinde Spreitenbach übernommen. Sie dient als Naherholungsgebiet und wird gern zum Picknicken und Baden benutzt. Seit 1998 besteht ein Reglement, das bestimmt, dass die Wiese in der Inselmitte nur noch extensiv gepflegt wird. Die älteren Birken und Obstbäume wurden stehen gelassen. Höchstens die Hecken im Uferbereich werden nötigenfalls etwas ausgelichtet. Der untere Inselteil aber steht unter Naturschutz. Er geht in ein Auflandungsgebiet mit einem Schilfgürtel über. Hier sind besonders viele Wasservögel zu beobachten, die im Dickicht der Schilfhalme unbehelligt ihr Nistgeschäft betreiben können.
 
Ich war an jenem Tag der einzige Besucher des oberen, frei zugänglichen Inselteils. In der dünnen Schneedecke gab es noch keine menschlichen Spuren, doch hatten Vögel Abdrücke von ihren Zehengliedern und Krallen hinterlassen.
 
Oben auf der Krete führt der Limmatweg vorbei – ein Stück des total 1663 km langen Aargauer Wanderwegnetzes, das zu 32 Prozent mit einem Festbelag versehen ist. Es gibt hinter den Industrie- und Logistikbauten einige naturbelassene, gelb markierte Wanderwegstrecken am Waldrand. Anschliessend steuert der Weg im Gebiet Fegi, wo seit 1990 das Grundwasserpumpwerk ist, der A1 zu; man hört ein andauerndes Rauschen und stellt bald einmal fest, dass es vom Autobahnverkehr und nicht von der träge daliegenden und zum Schweigen verurteilten Limmat herrührt.
 
Die A1 führt oberhalb und nahe am linken Flussufer vorbei und ist durch eine hohe gläserne Schallschutzwand zum Schutze der Würenloser optisch und akustisch abgetrennt. Die Scheiben sind mit vielen Graffiti besprayt. Am Abend zuvor hatte ich zufällig eine Monografie über das Gesamtwerk des US-Künstlers Jackson Pollock gelesen (19121956), der angeblich „das Erlebnis entfesselter Aktion unmittelbar sichtbar werden lässt“ (so Oskar Bätschmann). Ich hatte also meinen Massstab und wusste nun, dass die an die Lärmschutzwand hingeworfenen Malereien, die stellenweise Haarrisse wie die Flügel der Airbusse A380 haben, zur ganz grossen, die Zeit überdauernden Kunst gehören.
 
Der Wanderweg mit seinem griffigen Zementbodenbelag ist hinter der Glaswand gleich an der Betonmauer angehängt und steuert schnurgerade der Stahlfachwerkbrücke Killwangen-Würenlos aus den 1930er-Jahren zu, welche eine Hängebrücke von 1921 und somit indirekt die Fähre ersetzt hat. Im Zuge des Nationalstrassenbaus musste sie um etwa 50 m flussaufwärts verschoben werden. Die A1 setzt dort zur Überquerung der Limmat an.
 
Ganze Möwenschwärme lachten mir zu und glitten mit gespannten Schwingen über mich hinweg. Beflügelt kehrte ich um, zur Industriezone Spreitenbach im Neuhard zurück. Anhand der dort parkierten und auffällig beschrifteten Lieferwagen lernte ich, was die heutigen Menschheit neben Zweifel Chips auch noch dringend braucht: Helvepedin gegen Fusspilz, Fluimare-Nasenspray, vollwertige Bimbosan-Windeln, Priorin N gegen Haarausfall und Kräuterkosmetik von Rausch.
 
Nach dem kurzen Abstecher in ein Auen-ähnliches Gebiet hatte mich die Zivilisation also wieder fest im Griff. Auf dem Entsorgungsplatz Spreitenbach wurden ausrangierte Kühlschränke deponiert. Im Moment brauchte man sie ohnehin kaum.
 
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