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BLOG vom 28.03.2012


Wo das Besondere die Normalität ist: Das Leben in Indien
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen D, zurzeit in Bangalore/Indien
 
Besucher aus europäischen Ländern, die nach Indien kommen, sehen sich mit einer anderen Kultur und einer anderen Mentalität konfrontiert. Vieles ist anders als man es aus der Heimat gewohnt ist, es fällt ins Auge, wird als fremd wahrgenommen. Ich habe mich oft gefragt, warum diese Zustände so sind, wie sie sind. Oft gab und gibt es keine Antwort, manchmal aber doch. Ich bin nicht nur kurze Zeit als Tourist hier, sondern lebe, wohne und arbeite 4 Monate in Bangalore. Schon nach einigen Wochen empfand ich einiges nicht mehr als besonders; es gehört einfach dazu, zu dieser Stadt, zu den Bewohnern, zu den Gewohnheiten und Empfindungen. Ich berichte nachstehend etwas davon.
 
Der Verkehr wird zunächst als chaotisch wahrgenommen. Auf einer engen Strasse, in Europa als zweispurig bezeichnet, fahren Autos, LKWs, Rikscha- und Motorradfahrer in einer Richtung nebeneinander, überholen sich, aus Seitenstrassen fädeln sich andere ein, und überall hört man Hupen in verschiedenen Lautstärken, Abstufungen und unterschiedlich lang. Ob man es glaubt oder nicht: Es ist ein System im Chaos. Autofahrer warnen Rikschafahrer, dass sie vorbei und überholen wollen. Rikschafahrer warnen andere Rikschafahrer, dass sie einen Moment langsamer fahren sollen, wenn sie einbiegen. Busfahrer hupen laut, wenn sie eine Haltestelle ansteuern und zwar aus der Überholspur heraus. Jede kleine Lücke wird ausgenutzt. Kommt man nicht weiter und ist auf der Gegenspur eine etwas grössere Lücke, wird diese benutzt, um dann mit einem geschickten Bogen wieder auf die eigene Spur einzubiegen. Kühe stehen am Strassenrand und warten stoisch, gehen dann im dicksten Verkehr auf die Strasse, beachten das Hupen nicht, das die anderen Verkehrsteilnehmer benutzen, um wiederum weitere vor der möglichen Gefahr zu warnen. Die Fahrer haben ein unglaublich präzises Gefühl für die Breite und Länge ihrer Fahrzeuge und für einen möglichen Bremsweg. Oftmals würde gerade noch eine dicke Zeitung zwischen 2 Autos, die nebeneinander her fahren oder sich gegenseitig überholen, passen. Fussgänger schlängeln sich durch den dichten Verkehr, jede kleine Lücke ausnutzend. In der Mitte der Strasse bleiben sie stehen, manchmal auf einer kleinen, 20 cm hohen steinernen Abgrenzung, bis sich auch aus der anderen Richtung eine Lücke ergibt, die ausgenutzt werden kann und mit einem kleinen Spurt vor einem etwas schneller fahrenden Auto wird das Gegenüber erreicht.
 
Da es oft keine oder gefährliche Bürgersteige gibt, die neben Bauschutt auch Löcher aufweisen, weil Bedeckungsplatten für die darunter liegenden Abwasserkanäle fehlen, bleibt Fussgängern gar nichts anderes übrig, als am Strassenrand zu laufen. Hupen wird wahrgenommen und ab und zu dann auf den Bürgersteig gesprungen, wenn es etwas zu eng wird und die LKWs nur ein paar Zentimeter entfernt an ihnen vorbei fahren.
 
Anfänglich fand ich das alles noch erstaunlich, inzwischen benutze ich das System und bewege mich wie die Einheimischen auf der Strasse. Denn jeder nimmt Rücksicht auf den anderen, ist bereit, sofort zu bremsen oder auszuweichen, wenn es erforderlich ist. Es ist eben eine Art Kulturtechnik, die beherrscht werden muss, will man sich in der Stadt bewegen, egal wie. Ein Strassenverkehr in Indien ohne Gehupe ist undenkbar, es gehört einfach dazu. Natürlich gibt es Unfälle, es ist eben manchmal doch zu eng, und der andere wird berührt. Ein Motorradfahrer rutscht und landet auf der Strasse, Spiegel oder Stossdämpfer berühren sich, aber ich meine, gemessen am Verkehrsaufkommen hält sich das alles in Grenzen, jedenfalls habe ich noch keine wirklich ernsthaften Unfälle gesehen. Und wenn etwas passiert, stoppt alles sofort, und dem möglicherweise Verletzten wird sofort Hilfe zuteil. In der Zeitung stehen täglich Unfälle, aber in welcher Zeitung in der Welt ist das nicht so?
 
Manchmal regeln auch Polizisten den Verkehr. Sie tragen eine Art Cowboyhut, weiss oder beige, und die Krempe ist an einer Seite hochgeklappt. Sie steuern Ampelanlagen oder regeln den Verkehr persönlich. Zu Auskünften nach Strassen und Ziele sind sie immer bereit und nie unfreundlich. Sollte ein Auto einfach stehen bleiben und den fliessenden Verkehr behindern, sieht man sie auch manchmal schimpfen. Beim Strafzettel verteilen habe ich sie nie gesehen. Hin und wieder sehe ich einen offenen Lieferwagen, auf dem steht, dass er von der Polizeibehörde ist, der falsch geparkte Motorräder auflädt. Falsch zu parken geht schnell, denn die Parkverbote für Motorräder sind oft nicht zu erkennen oder zu finden. Für 100 Rupien, ca. 1,50 Euro, können sie wieder ausgelöst werden. Manchmal am anderen Ende der Stadt. So ist es.
 
In Bangalore gibt es keine Hausmüllabholung. Die Hausbewohner werfen ihren Müll meist in Plastiktüten an bestimmten Stellen an den Strassenrand. Über Tag sieht man Menschen, die daraus noch Verwendbares aussortieren, Plastik z. B. oder anderes. Kühe wühlen darin, um noch etwas Fressbares zu finden. Morgens kommt ein kleiner Lieferwagen und der Rest, inzwischen auf einer grösseren Fläche verteilt, wird zusammengeschoben und aufgeladen. Übriggebliebene Reste werden immer wieder auch angezündet, so dass übel riechende kleine Feuer und Rauchsäulen längs der Strasse zu sehen sind. Von Feuer lassen sich die Kühe übrigens auch nicht abschrecken.
 
Von diesem System, das wir in Europa nicht als System ansehen würden, leben viele Menschen. Die Strassen werden morgens mit Bambusreisigbesen gefegt. Abfälle, Dreck und Laub werden mit viel Staub zusammen gefegt, das Aufgefegte wird auch wieder aussortiert und weggeschafft. Oft gibt es Ecken, wo sich keiner so richtig drum kümmert und der Müll dort liegen bleibt. Daneben liegen Bauschutt, Erde, Dreck, Palmenreste und Kokosnuss- und Kürbisschalen, die von den Strassenverkäufern nicht anständig entsorgt worden sind. Das kann auch auf kleinen neben der Strasse liegenden Friedhöfen so sein. Auch Kuhfladen und Hundedreck liegen herum. Es riecht oft unangenehm, vor allem Bewohnerinnen der mittleren Schicht gehen vorbei und halten sich Tücher oder auch nur ein Stück ihres Sarees vor den Mund. Das ist besonders auffällig bei Flüssen, in die jeder seinen Abfall wirft oder seine Abwässer einleitet. Polizisten und Polizistinnen haben einen Mundschutz, manchmal sogar aus Plastik mit Filter. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt haben sich damit abgefunden. Man arrangiert sich, profitiert ein wenig davon, denn man kann seinen eigenen Müll einfach entsorgen. Es ist zwar nicht angenehm, nicht hygienisch, aber es ist so und zwar war es schon immer so. Eine Änderung würde eine grössere Investition der Stadt bedeuten, eine andere Organisationsstruktur, ein effektiveres Abfallbeseitigungssystem, eine Mentalitätsänderung der Menschen. Ich sehe keine ernsthaften Bemühungen darum. Es gehört einfach zur Stadt Bangalore.
 
Am Strassenrand stehen oftmals Karren, auf denen Verkäufer verschiedene Lebensmittel oder Dinge anbieten. Ich habe sie „Stehinder“ genannt, und einige sind mir richtig lieb geworden. Ich trinke meinen indischen Tee (Chai) mit Milch, esse Idlis – letztere sind flache, runde Reiskuchen – und Vadas, aus Reismehl gebackene, braune, mit einem Loch in der Mitte versehene Gebäckstücke, oft zum Frühstück bei einem Verkäufer. Er begrüsst mich immer mit einem schneidigen „Sir“, erhält denselben Gruss von mir, und schon steht der glühend heisse Tee vor mir. Dann kommt die Frage, ob Idlis oder nur Vadas, und ich stehe und frühstücke die heissen Köstlichkeiten mit einer Reihe anderer zusammen, meist Männer, aber ab und zu auch Frauen. Ungefragt erhalte ich einen 2. kleinen Becher Tee.
 
Die Idlis und Vadas werden mit 2 oder 3 verschiedenen Sossen serviert, die man nachbestellen kann, und alles wird mit 3 Fingern der rechten Hand gegessen. Ab und zu ergibt sich ein kurzes Gespräch. Ich hatte schon nach 1 oder 2 Wochen das Gefühl, ich gehöre dazu. Ich höre hin und wieder „Germany“ und weiss, es wird erklärt, woher ich komme und vielleicht auch, was ich hier tue. Nach dem Frühstück nehme ich einen Becher oder eine Kanne mit Wasser und spüle meine Hand ab. Oft ist die Rechnung anschliessend zu niedrig und liegt unter umgerechnet 50‒60 Eurocent. Sollte ich mittags bei ihm vorbeikommen und ist er schon im Aufbruch, serviert er mir den Tee auch schon einmal kostenlos und will kein Geld von mir. Wenn der Verkäufer mich irgendwo in der Stadt sieht und mit dem Fahrrad auch auf der gegenüber liegenden Strassenseite vorbeifährt, höre ich immer ein „Hallo Sir“. Ich finde das inzwischen normal.
 
Frisch gepresste Fruchtsäfte und Obst am Strassenrand? Das sind Köstlichkeiten! Tag für Tag steuere ich einen Kokosnussverkäufer an, garantiert gehe ich nicht an ihm vorbei. Ich gebe ihm ein Zeichen, dass er eine Kokosnuss aussuchen soll, die nicht so lange am Baum war, also noch Fruchtfleisch enthält. Er hackt sie mit einem Krummmesser auf; ich nehme mir einen Strohhalm und trinke. Anschliessend teilt er sie in 2 Hälften, holt das Fruchtfleisch aus der einen, lockert es aus der anderen und gibt mir eine Hälfte zu essen. Häufig bin ich bei demselben, der mich kennt. Ich muss ihm kein Zeichen mehr geben, er weiss, was ich will. Ein paar Meter weiter steht ein Mann, der entweder mechanisch oder auch mit einem Dieselmotor Zuckerrohr durch eine Presse schiebt, den Saft durch ein Sieb laufen lässt und in ein Glas schüttet, in dem ein Eisklumpen liegt. Es ist lecker! Daneben steht ein Mann, der einen kleinen Glaskasten auf der Karre hat, in dem Melonenstücke liegen. Oft schneidet er auch welche in meinem Beisein in kleine Stücke, legt eine Seite aus einem alten Magazin auf einen Plastikteller, teilt die Stücke darauf, streut Salz und Pfeffer darüber. Ebenfalls lecker!
 
Bananen? An jeder Ecke, grosse und kleine, dicke und dünne, gelbe und grüne. Sie schmecken besser als in Europa! Und alles das ist erschwinglich! Nichts Besonderes, es gehört einfach zum Strassenleben dazu!
 
Tagtäglich, also an 7 Tagen in der Woche, steht ein Verkäufer am Strassenrand, der Motorradhelme verkauft. Er hat sie auf Pappkartons kunstvoll aufgestapelt. Noch nie habe ich ihn in Verkaufsverhandlungen gesehen; er steht da und wartet, täglich. Gegenüber baut jeden Tag ein anderer eine ganze Batterie von Stofftieren auf einer Plastikplane auf. Grosse rosa Teddybären neben anderen kleineren Stofftieren. Auch er wartet geduldig, bis ein Käufer vorbeikommt oder anhält. Alles ganz normal.
 
Am Kiosk kann man oft Tee oder Kaffee trinken, Süssigkeiten oder Kekse kaufen. Abends oder in der Mittagspause stehen die Angestellten davor und rauchen. Zigaretten werden meistens einzeln verkauft und kosten 5 Rupien. Der Verkäufer macht einfach eine Schachtel auf und reicht sie nach draussen, wo Streichhölzer oder ein Feuerzeug zu finden sind. An jedem Kiosk geschieht das, an Hunderten in der Stadt. Es gehört zum Stadtbild.
 
Abends um 10 Uhr mal eben zum Friseur? Kein Problem, meist ist der kleine Laden noch voll, und ich muss warten. Der Friseur ist müde, und er gibt nur Anweisungen, welche Geräte er braucht. Das elektrische Haarschneidegerät wird ziemlich wackelig in eine Steckdose geschoben, und schon geht es los. Wenn man will, wird man auch noch rasiert und bekommt die Kopfhaut massiert. Abends spät. Nichts Besonderes.
 
Stromausfälle gehören zum Leben in Bangalore. Passiert es abends und man ist dann unterwegs in einer Gegend mit wenig Geschäften, kann der Spaziergang ein wenig gefährlich werden, weil man nicht erkennen kann, wo man geht. Einige Geschäfte haben Generatoren, die dann die Lichtversorgung übernehmen. In jeder Wohnung stehen Kerzen und Feuerzeuge. Ich habe sogar eine Taschenlampe mit Kurbel zum Stromerzeugen. Dann heisst es nur noch Abwarten. Das kann schon eine Dreiviertelstunde dauern, und manchmal 15 Minuten später noch einmal, weil zu früh wieder eingeschaltet worden ist. Auch damit kann man leben, nichts Besonderes.
 
In der Strasse, in der ich wohne, ist eine Moschee, etwa 10 Meter meiner Wohnung gegenüber. Das ist ein zuverlässiger Wecker! Morgens um 5 Uhr 30 knackt es zuerst, dann ertönt der Singsang des Mudschahedins durch 4 Lautsprecher in mein Zimmer hinein. Es hört sich nicht unangenehm an.
 
Direkt nach den etwa 5‒10 Minuten hört man morgens ganz weit entfernt eine weitere Stimme, die Moschee im nächsten Stadtteil. Es gehört einfach dazu.
 
Was anfänglich noch neu und ungewohnt war, wird nach und nach nur noch wahrgenommen. So ist das Leben hier, und es ist einfach so – nichts Besonders und nichts Neues!
 
 
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
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