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BLOG vom 19.04.2012


Unbezahlbarer Mix: CH-Energiewende fliegt in Etappen auf
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„Energie wird so teuer, dass Sie ein Interesse haben, zu sparen.“
Bundesrätin Doris Leuthard, CVP
*
Auf all die überstürzten Peinlichkeiten im Rahmen der von Fukushima und wahltaktischen Motiven bestimmten schweizerischen Energiepolitik unter der Federführung der hilflos herumhühnernden Energieministerin Doris Leuthard habe ich bereits im Blog von 17.03.2011 und anschliessend immer wieder hingewiesen: Der von Frau Leuthard feierlich verkündete Atomausstieg, eine volkswirtschaftliche Katastrophe, beruhte auf keinem durchdachten Plan, sondern auf Hirngespinsten, auf einer naiven, masslosen Überschätzung der Möglichkeiten der Alternativenergie wie Wind und Sonne, die heute gerade einmal etwa 2 % des Strombedarfs decken ...
 
Das ganze Trauerspiel in der Schweiz begann mit den aufbauschenden Medienberichten, welche das verheerende Erdbeben und den Tsunami in Fukushima (Japan) vom 11.03.2011 marginalisierten und ihr Augenmerk praktisch ausschliesslich auf die Folgeerscheinung der Nuklearkatastrophe richteten. Die etwa 20 000 Tsunami-Toten wurden unterschwellig den AKWs untergeschoben. Dass die CVP-Frau Leuthard, aus wiederwahltaktischen Gründen und um dem linksgrünen Lager Genüge zu tun, alle ihre vorher geäusserten energiepolitischen Grundsätze von einem Tag auf den anderen über den Haufen warf, war schlicht unfassbar. Als sie, damals noch Nationalrätin aus dem Energiekanton Aargau, im Verwaltungsrat des Stromkonzerns EGL (Elektrizitäts-Gesellschaft Laufenburg AG), eine der führenden europäischen Energie-Handelsgesellschaften und Tochter des Axpo-Konzerns, sass und sich mit Sitzungsgeldern vergolden liess, war sie eine glühende, strahlende Kernenergie-Befürworterin, sogar einige Tage über das Fukushima-Erdbeben hinaus. Ohne die Konsequenzen zu kennen, wäre es leichtsinnig, auf die Kernenergie zu verzichten, gab sie noch am 26.03.2011 bekannt. Sie sei immer für eine möglichst CO2-freie Energieproduktion gewesen, sagte sie im gleichen Interview dem Tages-Anzeiger. Das gilt jetzt alles nicht mehr.
 
Wahltaktik vor nationalem Interesse
Dann schwenkte sie abrupt um ... ohne die Konsequenzen zu kennen, die für jedermann, der eine Ahnung von Energieversorgung hat, allerdings schon damals absehbar waren. Der wahltaktisch motivierte Druck zur Anpassung an die mehrheitliche, aufgeheizte Volksstimmung führte zum Verlust der Ideale von Doris Leuthard. Inzwischen mussten grosse Energiekonzerne bereits Verluste einfahren und massiv Stellen abbauen: Alpiq (170), Axpo (140) und BKW Energie AG (255). Ja, die Energie wird bei einer solch hinverbrannten Politik immer teurer.
 
Bei ihrer ausgesprochenen Volatilität im Umgang mit der eigenen Meinung begann die Energieministerin am 30.05.2011 in einem NZZ-Interview etwas zurückzurudern ... man könne ja Energiegesetze wieder ändern, falls aus der Fusionsenergie etwas werde. Leuthard: „Heute entscheidet man aufgrund der heutigen Fakten und diese sprechen gegen neue Investitionen in die Kerntechnologie.“ Dazu sei die Frage erlaubt, wie die Kernfusion gelingen soll, wenn die Kerntechnologie nichts mehr gilt, was sich ja wohl auch auf die Forschung erstreckt. Und eine Schweiz ganz ohne Atomstrom sei halt doch eine Illusion, sagte die unter Wechselstrom stehende Energieministerin, offenbar von einem Geistesblitz getroffen. Der dann aber bald nicht mehr galt. An der Energiewende wird pro forma festgehalten.
 
Es wirkt schon fast als ein Akt der Verzweiflung, wenn Frau Leuthard gerade auch noch ihre CO2-Grundsätze über Bord schmettert und laut den merkwürdigen Indiskretionen für 4 bis 6 neue Gaskombikraftwerke plädiert, wovon das erste bis 2020 gebaut sein soll. Es pressiert. Grosse Hoffnungen werden auf das Projekt der EOS-Gruppe in Chavalon VS gesetzt, wo im ehemaligen Ölkraftwerk schon lange an einem Gaskombikraftwerk herum geplant wird. Ob die allenfalls kommende CO2-Schleuder bei den klimapolitischen Vorgaben gebaut werden kann, ist die Frage. Die Idee mit dem Kompensieren der Abgase ist ein weiterer Nonsens. Die Lösung kann doch nur in einer Reduktion (statt Ausweitung) bestehen. In Deutschland sind trotz grosszügigeren Kompensationsregeln diverse Projekte aufgegeben worden.
 
Offenbar pressierte es auch mit der Bekanntgabe dieses neuesten Leuthard’schen Schwenkers, denn die neue Energiepolitik nach der Wende der Energiewende wurde am 15.04.2012 von der Sonntagspresse aufgrund von Indiskretionen kommuniziert, noch bevor sich der Gesamtbundesrat mit dem neuesten Unsinn aus dem Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) befassten konnte.
 
Selbst die intelligenteren unter den eingebetteten Medien mussten inzwischen einsehen und eingestehen, dass das Atomausstiegspalaver auf reinem Wunschdenken (falls da überhaupt etwas gedacht wurde) bestand. Der Tages-Anzeiger vom 16.04.2012 dazu: „So räumt das Bundesamt für Energie zum Beispiel dem Ausbau der Wasserkraft nur noch halb so viel Potenzial ein wie vor einem Jahr. Und die Wärme-Kraft-Koppelungsanlagen (kleine Gaskraftwerke, die sowohl Strom als auch Fern- oder Nahwärme produzieren) geben ebenfalls massiv weniger her als ursprünglich angenommen.“ 
 
Alles gegen den Lebensraum
Das ist nur ein Teil des Energiewende-Debakels. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass kein vernünftiger Mensch die Höhepunkte unserer Landschaft durch riesige Windräder verschandeln lassen will. Diese Anlagen haben ihre besonders wirkungsvollen Seiten im Shreddern herumfliegender Vögel, wovon überzeugte AKW-Gegner bei aller linkslastigen Grünheit nicht sprechen mögen. Und noch schlimmer sind die Vorgänge rund um die Solarenergie, nicht nur weil sie immer dann anfällt, wenn man sie am wenigsten brauchen kann, sondern weil die Produktion und Entsorgung der zu Solarmodulen verknüpften Solarzellen bei gleicher Stromerzeugungsmenge mehr toxische Abfälle als die Atomstromproduktion verursachen, zum Beispiel wegen ihres Blei- und Cadmiumtellurid-Gehalts. Allein für Massnahmen im Gebäudebereich und die Förderung der erneuerbaren Energien will der Bundesrat Fördergelder in der Höhe von jährlich maximal 1,7 Milliarden CHF hinauswerfen.
 
Die westliche Solarpanel-Produktion ist nicht konkurrenzfähig. China, in Bezug auf das Umweltbewusstsein nicht immer ein strahlendes Vorbild, beherrscht das Feld bei der Herstellung der Photovoltaik-Solarpanels, auch weil das Riesenreich über die meisten Seltenen Erden verfügt, die dafür eingesetzt werden müssen (aber nach Ende der relativ kurzen Panel-Lebensdauer kaum zu rezyklieren sein werden). Die Lebensdauer der Sonnenfangeinrichtungen, die regelmässig gewartet (inkl. gereinigt) werden müssen, kann durch Feuchtigkeit stark verkürzt werden. Auch der normale Alterungsprozess reduziert den ohnehin bescheidenen Wirkungsgrad (bestenfalls 21 %) kontinuierlich. Umso teurer wird der Solarstrom, der auf Kosten der übrigen Produktion oder der Steuerzahler subventioniert werden muss. Deutschland ist diese Form der Geldverschwendung bereits zu blöd geworden, und es hat die Solarstrom-Subventionen massiv reduziert.
 
Das UVEK liess einen weiteren Geheim-Gag hinaussickern, der einem alle noch hinterbliebenen Haare zu Berge stehen liess: Am Energiegipfel vom 30.03.2012 sprach die Chefin von einem Ausbau der Wasserkraft, obschon jedermann weiss, dass in der Schweiz die Gewässer bereits über das ökologisch verträgliche Mass hinaus ausgebeutet werden. Gerade der Aargau, aus dem Frau Leuthard kommt (Merenschwand im Freiamt) leistet sich mit seinem Auenschutzpark viele Mühen und Kosten, um wieder etwas Natur neben den kanalisierten Gewässern auferstehen zu lassen. Anders in Bern, wo man angeblich bereits davon gesprochen hat, aus der Bündner Rheinschlucht Ruinaulta Wasser energiespendend abzuzapfen. Kein noch so geschütztes Gebiet ist vor dem Energiehunger sicher.
 
Rettung durch Pumpen
Das waren die Vorspiele zur Energiesitzung des Bundesrats vom 18.04.2012. Daraus resultierten nur ein dünnes Communiqué und vernebelte, vieldeutige Erklärungen, denn es erwies sich offensichtlich als schwierig, um einigermassen gesichtswahrend aus der zerfahrenen Lage herauszufinden. Es hiess da im Wesentlichen, dass zahlreiche neue Pumpspeicherwerke entstehen sollen, welche die schwankenden Stromproduktion aus Wind und Sonne auszugleichen haben und dafür sorgen müssen, dass wir im kalten Winter nicht erfrieren und wir unsere Stromfresser-Computer rund um die Uhr laufen lassen können, auch in windstillen Nächten. Da Strom kaum gespeichert werden kann, sind solche Energieauffanganlagen absolut nötig; doch ist noch nicht klar, ob bestehende Stauseen dazu verwendet werden oder ob neue Alpentäler unter Wasser gesetzt werden soll. Weil erneuerbare Energien anerkanntermassen oft zur falschen Zeit am falschen Ort anfallen, bedingt das grosse Energieverfrachtungen über weite Strecken, also einen gewaltigen Netzausbau.
 
Die Schweiz soll sozusagen zur „Batterie“ (so der Bundesrat) für Europa werden; so wird Strom also interkontinental herumtransportiert, genau wie es mit den global vereinheitlichten Gütern des Alltags geschieht, ein zusätzlicher Hinweis zur Fehlentwicklung auf dem energiepolitischen Gebiet.
 
Laut dem Bericht aus dem Bundeshaus sind heute in den Schweizer Alpen Wasserkraftwerke mit einer Kapazität von insgesamt 13,3 Gigawatt installiert. Die Pumpspeicherkraftwerke haben eine Turbinenleistung von 1,7 Gigawatt. Bis zum Jahr 2020 werden gemäss dem Bericht voraussichtlich zusätzlich 6 Gigawatt an Erzeugungsleistung und 4 Gigawatt an Pumpenkapazität dazu kommen ... falls man den Leitungsbau bis dann überhaupt schafft (wer will schon neue Hochspannungsanlagen in seinem Wohngebiet?); denn bereits heute gibt es Übertragungsengpässe, die sich bei einem vorzeitigen Abschalten der Kernkraftwerke verschärfen würden.
 
Das Milliardengrab
Allein der vorzeitige Ausstieg aus den tadellos gewarteten CH-Kernkraftwerken wird mit 30 Milliarden CHF zulasten der Verbraucher beziffert – das sind schon fast österreichische Verhältnisse (siehe KKW Zwentendorf, das gebaut, aber nicht in Betrieb genommen wurde). Nicht inbegriffen ist im erwähnten Milliardenbetrag der Um- und Ausbau der Stromnetze. Da muss dann eine Lenkungsabgabe her, die Frau Leuthard bisher immer ausgeschlossen hat; aber nun beginnt sie diesbezüglich nachzudenken. Man weiss inzwischen, was man von ihren Gedankenspielchen zu halten hat. Auf dem sich abzeichnenden Milliardengrab muss der Name Doris Leuthard in Stein gemeisselt sein.
 
Im neuen Vorbericht betont der Bundesrat, dass es zur Deckung der Nachfrage auch einen Ausbau der fossilen Stromproduktion mit Wärmekraftkoppelung sowie Gaskombikraftwerken brauche ... Detaillierte Pläne will die Landesbehörde in den nächsten Tagen oder Wochen veröffentlichen. Im ausführlichen Bericht soll dann auch das tatsächlich vorhandene Sparpotenzial erwähnt werden, vornehmlich hoffentlich durch eine Beschränkung der Fernsehdauer, was auch im Interesse einer verbesserten Lebens- und Informationsqualität wäre. Doris Leuthard aber weiss solche Stromvernichtungsanlagen zu nutzen und erklärte am Abend am Schweizer Fernsehen ihren „neuen Energie-Mix“ mit viel mehr Alternativenergie, nie um eingängige Schlagwörter verlegen. Insgesamt soll der Stromverbrauch um etwa 1/3 sinken. Theoretisch. Rein theoretisch. Einfach so ein Gedanken-Mix.
 
Ob das Linksgrüne Parlament mitmacht? Es kommt nicht darauf an, wie gut oder schlecht eine Idee ist. Es kommt darauf an, woher sie kommt. Und die schöne Doris Leuthard ist beliebt, macht infolgedessen einen „guten Job", wie alle, wenn sie bloss aus dem rechten Lager kommen ... und das ist natürlich das linke. Das bekannte „Duschen mit Doris" (ehemaliger Wahlwerbeslogan als Gag aus Fremdproduktion) muss zu einem „Schnellduschen mit Doris" werden. Aus Gründen der Energieeinsparung mit einer möglichst kalten Dusche.
 
Fazit
Dass die ganze Energiewende mit ihrem Abschied vom Atomstrom nur ein zum Scheitern verurteilter politischer Tsunami war, konnte von Anfang an vorausgesehen werden. Ich war jahrzehntelang für Energiefragen bei der grössten Tageszeitung des Energiekantons Aargau („Aargauer Tagblatt") zuständig und habe solche Bocksprünge nie auch nur ansatzweise erlebt. Der grösste Nonsens produzierte die Stadt Basel, die gegen das KKW-Projekt Kaiseraugst AG auf den Barrikaden stieg und sich beim entfernteren KKW Gösgen SO einkaufte, nach dem Motto „Weit vom Geschütz / gibt alte Krieger“.
 
Das momentane Energietheater bricht in Sachen Inkonsequenz und Inkompetenz alle Rekorde. Einer der morschen Pfeiler auf dem brüchigen Untergrund der verblendenden Euphorie stürzt nach dem anderen ein, schneller als erwartet. Wenn das Verwirrtsein zugegeben würde und die Leuthard-Politik auf dem Müllhaufen der Geschichte sicher entsorgt werden könnte, würde das die Schweiz vor schwerem wirtschaftlichem und auch ökologischem Schaden bewahren.
 
Man kann nicht jeden Unsinn herbeilächeln – bald wird's ernst. Die Rechnung taucht schnell einmal auf. Und hoffentlich auch die Quittung für eine Politik, die jeden Anflug von Weitsicht und Reife vermissen lässt.
 
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