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BLOG vom 22.04.2012


Das erwachende Glück des frühen Sonntags in Bangalore
Autor: Richard. G. Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit in Bangalore/Indien
 
Die Sonntagmorgen in Bangalore sind mit den Sonntagmorgen in Europa nicht zu vergleichen. Bis auf Kirchenbesucher, manchmal Flohmarktbesucher oder verspätete „Nachteulen“, sind die Strassen dort leer.
 
Der Sonntag in Bangalore ist nicht „heilig“. Es gibt keine Vorschriften, dass an diesem Tag nicht gearbeitet werden darf. Es ist den ganzen Tag allerdings ruhiger als etwa an einem Freitag, an dem die Moslems nicht arbeiten; aber dennoch haben viele Läden geöffnet, auch in Handwerksbetrieben wird montiert und geschweisst oder auf dem Bau gearbeitet.
 
Der Muezzin der Moschee gegenüber ist heute früh dran. Schon kurz nach 5 Uhr sind seine Morgengebete in einem melodischen Singsang zu hören und schallen in mein Zimmer. Ich stehe auf.
 
Da die Geschäfte, Restaurants usw. abends bis mindestens 22 Uhr geöffnet haben, ist es morgens vor 7 Uhr noch ruhig auf den Strassen. Es gibt keine Staus, selten wird gehupt; es sind weniger Menschen unterwegs.
 
Es ist bereits hell. Die Sonne ist noch nicht zu sehen und schickt ihre unbarmherzigen Strahlen noch nicht in die Stadt. Trotzdem ist es warm, etwa 28 Grad C. Der Himmel ist wolkenlos und hellblau.
 
Ich laufe durch die Strassen, gehe an 2 Arbeitern vorbei. Der eine trägt eine lange, feste Eisenstange auf der Schulter, der andere eine Kurzhacke. 2 Kühe stehen an einer Ecke, an denen die Menschen ihre kleinen Plastiktüten mit Abfall hinwerfen, und wühlen darin auf der Suche nach Essbarem. Auch ein Hund ist dabei.
 
Andere Strassenhunde liegen zusammengerollt auf dem Bürgersteig und schlafen. Einer bellt gerade einen anderen aus, der von seinem Eigentümer an der Leine gehalten wird, ein weisser Spitz. Strassenhunde sind überwiegend hellbraun und haben meist dieselbe Rasse.
 
Ein Mann mit einer Zahnbürste im Mund läuft vorbei, eine Frau trägt einen Wasserbehälter. Dieser ist aus Kunststoff, einfarbig grün und bauchig, mit einer engen Öffnung. Die enge Öffnung soll verhindern, dass das Trinkwasser durch das Hineingreifen verschmutzt wird, denn auch Kinder trinken dieses Wasser. Irgendwo steht ein Wasserwagen. Dort füllen die Frauen aus einem dicken Schlauch ihre Behälter. Für diese Bevölkerungsgruppe wird das Wasser kostenlos bereitgestellt.
 
Ein kleines Mädchen, etwa 2 Jahre alt, grüsst mich freundlich mit erhobenem Arm und einem „Hi!“. Es wohnt mit seiner Familie in einer kleinen Steinhütte, die von den Bauarbeitern und -arbeiterinnen ‒ Väter und Mütter arbeiten beide dort ‒ für sie direkt neben dem Neubau errichtet werden und in denen sie wohnen, bis der Bau fertig ist; manchmal, wenn die Hütten nicht wieder entfernt werden, auch nachher noch. Es hat einen Becher in der Hand und lässt das Wasser in seinen Mund fliessen, schon ganz traditionell, ohne den Rand des Behälters mit den Lippen zu berühren.
 
Vor dem Restaurant, das noch nicht geöffnet hat, stehen aufgereiht die Motorräder, alle mit einem rechteckigen Kasten auf dem Gepäckträger für die Speisen, die den Kunden nach Hause gebracht werden. Auf den Kästen stehen der Name und die Telefonnummer des Restaurants.
 
Die Kioske und die kleinen Imbissgeschäfte sind geöffnet. Vor allen stehen kleine Gruppen von Menschen, meistens sind es Männer, trinken Chai aus den kleinen Becherchen, rauchen eine Zigarette oder essen Reis mit Sambar-Sosse, Vadas oder auch Kekse.
 
Die 3- und 4-rädrigen Karren, von denen am Tag Fruchtsäfte, Kokosnüsse, Jackfrüchte, Gemüse und anderes verkauft werden, stehen auf den Bürgersteigen am Strassenrand und sind noch in blaue Plastikplanen, um die ein Tau gewickelt ist, verpackt. Manchmal liegen die Kokosnüsse auch ganz offen in Bündeln daneben. Einer der Verkäufer steht neben seiner noch bedeckten Karre und liest die Tageszeitung.
 
Der Zeitungsverkäufer hat alle seine unterschiedlichen Blätter sichtbar hintereinander und aufeinander auf den Weg gelegt. Ich entscheide mich heute für die Sunday Times of India. Sie kostet 5 Rupien, 2 mehr als am Wochentag. Er reicht sie mir hoch, ich brauche mich nicht zu bücken.
 
Ein Taxifahrer hält vor einem Haus und wartet auf seinen Kunden. Er hat seinen Sitz nach hinten gestellt und döst vor sich hin.
 
Ein Polizist steht vor der Kreuzungsecke und putzt die Windschutzscheibe seines Pickups.
 
Vor den geschlossenen Geschäften, direkt am Eingang, der überdacht ist, liegen Obdachlose, in Decken eingewickelt, und schlafen, nur wenige, aber immer nur einer, vor jeweils einem Laden. Man sieht nur die Körper unter den Decken, keine Köpfe. Einige Sicherheitsleute, vor jeder Bank und häufig auch vor jedem Laden zu finden, sind auch schon da und beobachten, wie ich an ihnen vorbeigehe.
 
Am Eingang zum Hindu-Tempel sitzt eine Frau und verkauft Jasmin. Eine andere geht in den Tempel hinein und verrichtet ihre Morgenandacht.
 
Eine Frau kommt mir entgegen und macht die Geste des Bettelns. Ich habe aber keine Münzen und zeige ihr meine geöffneten leeren Hände.
 
Ein Rikschafahrer fordert mich auf, einzusteigen. Ich mache ihm ein Zeichen mit meiner rechten Hand, dass ich laufen will und benutze dafür alle 5 Finger, wie ein Käfer, der krabbelt. Der Fahrer versteht und grinst über meine Gebärde. Ich grinse zurück und grüsse. Andere Rikschafahrer lungern herum oder füttern die Strassenhunde.
 
Vor einigen Häusern und Läden fegen Frauen mit einem Reisigbesen Blätter und Unrat vom Bürgersteig auf die Strasse. Sie müssen sich dabei bücken, denn die Besen haben keine Stiele, die dünnen Gerten sind nur mit einem Band zusammengebunden. Es stiebt, und ich passiere sie von hinten, um nichts vom Staub abzubekommen. Am Strassenrand steht ein kleiner Lieferwagen, auf dem das Zusammengefegte aufgeladen wird.
 
Ein Auto fährt rückwärts aus dem Unterstand neben einem Haus heraus. Beim Rückwärtsfahren ertönt immer eine laute Melodie aus wenigen Tönen, manchmal sogar eine von Mozart.
 
In der Defence Colony, ein Viertel im Stadtteil, in dem pensionierte Angehörige der Armee wohnen, macht ein Plakat auf eine Aktion aufmerksam, bei der die Bewohner aufgefordert sind, am nächsten Sonntag gemeinsam das Viertel vom Abfall zu befreien, ganz so, wie das in deutschen Orten auch schon gehandhabt wird.
 
Der Stofftierverkäufer hat seine blaue Plane bereits ausgelegt; die Ware liegt aber noch in Pappkartons verpackt daneben. Er lässt sich Zeit und liest erst einmal die Zeitung.
 
Die Hühnchenverkäufer sind schon sehr beschäftigt. Ein Lieferwagen mit den Drahtkäfigen voll mit weissen Hühnern steht an der Strasse. Ein Mann hat schon einige an den Beinen zusammengebunden, die kreisförmig mit dem Schnabel nach aussen auf dem Trottoir liegen, als ob sie tot wären. Einige bewegen aber leicht ihre Köpfe.
 
Eine grauhaarige Dame, in einen bunten Saree gekleidet, geht in meine Richtung. Sie bleibt am Strassenrand und träumt vor sich hin, scheint mich nicht einmal zu bemerken, wie ich sie überhole.
 
Auf dem Weg zur Blindenschule laufen Kinder, die ihre blinden Väter an der Hand halten, hintereinander in einer langen Reihe; dort erhalten sie ein Frühstück. Die Kinder werden ebenfalls unterrichtet. Sri Rankum, der Leiter der Schule, steht heute am Eingang und begrüsst sie. Vor der Tür stehen allerlei grosse Tüten und Säcke, das sind Gaben von Bewohnern des Stadtteils, die diese als Spende dort spät abends abgestellt haben. Sri Rankum hat an der grossen Tafel, die vor der Schule angebracht ist, mit Kreide aufgeschrieben, was die Schule gerade benötigt: 50 kg Reis, 5 kg Tee, 20 kg Mehl und anderes, immer genau mit dem Gewicht. Die Schule hat weitere Zweigstellen in Dörfern der Umgebung.
 
Ich bin an dem Karren angelangt, an dem ich öfters frühstücke und werde mit einem „Morning Sir“ begrüsst. Es sind nur wenige Kunden da, die daneben stehen oder auch auf einer Stufe sitzen, Chai trinken und Reis essen. Ein Mann hat gerade eine neue Zahnbürste am Kiosk nebenan gekauft und hält sie noch eingepackt in der Hand. Die übliche Frage „Idlis und Vadas?“ folgt, ich nicke, zeige die Zahl 2, und bald lasse ich es mir schmecken. Nach Chai brauche ich nicht mehr zu fragen, wie selbstverständlich steht er in kurzer Zeit vor mir, er ist glühend heiss.
 
Die ersten Sonnenstrahlen blitzen durch die Bäume am Strassenrand. So kann der Sonntag beginnen.
 
 
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
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