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BLOG vom 26.04.2012


Goa – oder: Wie man mit dem Gesetz in Konflikt kommt
Autor: Richard G. Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit in Indien
 
Goa ist das kleinste indische Bundesland. Es liegt an der mittleren Westküste Indiens. Goa hat knapp 1,5 Millionen Einwohner. Die Hauptstadt Goas ist Panaji, von den Portugiesen Pangim, von den Briten Panjim genannt. Die Region war rund 450 Jahre lang eine portugiesische Kolonie. Kaum ein indischer Bundesstaat ist kulturell so nachhaltig von einer europäischen Kolonialmacht beeinflusst worden wie Goa.
 
Ich wurde an den Seefahrer Vasco Da Gama erinnert; denn es gibt in Goa eine Stadt, die nach ihm benannt worden ist. Wieso landete Vasco ausgerechnet an der mittleren Küste Indiens? Ganz einfach: Die Seefahrer damals fuhren nie weit vom Festland entfernt, also in diesem Fall um Afrika herum, dann zur Arabischen Halbinsel und weiter nach Osten, wo sie auf Indien stiessen. Natürlich wurde Goa nachhaltig christianisiert. Noch heute sind etwas mehr als ein Viertel der Einwohner Christen, das ist der höchste Anteil aller Bundesländer Indiens.
 
Goa ist in 2 Distrikte, Nord- und Süd-Goa, und in Verwaltungsbezirke eingeteilt. Ich kam mit dem Bus in Goa an, stieg im ersten Städtchen in Süd-Goa aus und bekam gleich einen Bus zum 3 km entfernten Badeort Palolem. Palolem liegt am Arabischen Meer und ist ganz auf den Tourismus eingestellt. Ehemals ein Fischerort, haben mehr und mehr Fischer ihren Beruf aufgegeben und fahren jetzt Touristen an der Küste entlang zu Delphinen und vielleicht auch zum Angeln. Waren es vor einigen Jahren noch 8 Fischer, die ihren Beruf gewechselt haben, sind es jetzt 40. So musste ich am Strand etwa jede Viertelstunde die Frage, ob ich mit dem Boot fahren möchte, verneinen. Die Saison ist nämlich vorbei; sie dauert etwa von November bis März, jetzt, im April ist es während des Tags über 35 Grad C heiss. Es gibt also erheblich weniger Touristen, um die gebuhlt werden kann.
 
Die Boote sind Auslegerboote. Ein Auslegerkanu ist ein Kanu, welches konstruktionsbedingt nur mit einem am Kanu mit 2 (meist hölzernen) Querstreben (Iato oder Iako) verbundenen Ausleger bzw. Schwimmer sicher auf dem Wasser zu bewegen ist.
 
Ich war mit dem Nachtbus gekommen. Jetzt, gegen 8 Uhr morgens, ist es noch angenehm, das Wasser warm und wenn man parallel zur Küstenlinie schwimmt, gleiten die Wellen, die am nur langsam tiefer werdenden Ufer aufprallen, sanft unter dem Körper weg.
 
Eine preiswerte Unterkunft war schnell zu bekommen; ich wählte eine, die nicht direkt am Strand ist – dort reihten sich Restaurants, Verkaufsbuden und Anbieter von Unterkünften dicht an dicht nebeneinander - sondern eine mitten im Dorf in einem Haus mit Ferienwohnungen.
 
Der Vermieter ist ein pensionierter Lehrer für Konkani und Marathi, die wichtigsten der mindestens 6 Landessprachen Goas. Bei der Hitze ist es sinnvoll, einfach im Zimmer zu bleiben. Am späten Nachmittag ist ein Besuch im Ortszentrum, vorbei an den vielen kleinen Geschäften für allerlei Dinge, für die sich Touristen interessieren, und in einem Restaurant das Ziel.
 
Am Strand liegen meist weisse Urlauber, die Frauen ausschliesslich im manchmal sehr knappen Bikini. Für Indien ist dieses Kleidungsstück überhaupt nicht schicklich. Indische Frauen gehen, wenn sie sich am Ufer im Wasser vergnügen wollen, ohne sich auszuziehen mit ihrem Saree oder auch in Jeans ins Wasser, Männer halten es oft ebenfalls so. Aber da der Ort von westlichen Touristen lebt, wird auch die „Fleischschau“ akzeptiert; nur „oben ohne“ ist nicht gestattet. Ein Fischer erzählte, als er noch ein Junge war, sei dies immer wieder vorgekommen, und so habe er seine anatomischen Kenntnisse von Frauenoberkörpern erlangen können.
 
Das Urlauberleben am Strand ähnelt sich wohl überall in der Welt: ausschlafen, in der Sonne liegen, ein paar Mal ins Wasser und die Wellen gegen sich auflaufen lassen, essen und trinken.
 
Es kommt noch etwas hinzu. Ich traf am nächsten Morgen nach einem goanischen Frühstück, das aus einer scharfen Erbsensuppe mit Brötchen bestand, im Ort meinen Ferienhausvermieter, der mich seinem Sohn vorstellte, der neben einem Kiosk auch einen Taxibetrieb und einen Verleih von Motorrollern sein eigen nennt.
 
Er fragte mich, ob ich einen Roller ausleihen möchte. Er kostet pro Tag 200 Rupien, also etwas mehr als 3 Euro. Da mir vor meiner Reise von einsamen Stränden ein wenig nördlich von diesem Badeort vorgeschwärmt worden war, dachte ich mir, ein wenig kühler Fahrtwind wäre doch angenehm und mietete mir so ein Fahrzeug. Die Motorroller von Honda haben keine Gangschaltung, man braucht nur Gas zu geben und erreicht nach dem Tacho Geschwindigkeiten bis zu 60 km/h. Ich brauste also los, erst vorsichtig, da meine Motorradzeit schon lange zurück liegt, dann etwas schneller; denn ich spürte den angenehmen Fahrtwind.
 
An einen Motorradhelm hatte ich nicht gedacht, fuhr doch bei der Hitze von 35 Grad C weniger als 1 % der Fahrer mit Helm. Ich weiss, eigentlich ist er für den Fahrer Pflicht, ob auch für den Beifahrer, habe ich noch nicht genau erfahren können. Bei den vielen Tausend Zweiradfahrern in Bangalore und denen hier in Goa sieht man selten Beifahrer mit Helm. Es sieht schon seltsam aus, wenn der männliche Fahrer einen Helm trägt, aber der kleine Sohn vor ihm auf dem Tank, die noch kleinere Tochter hinter ihm, eingeklemmt vom Fahrer und der Mutter, die zudem noch einen Säugling fest an ihren Körper drückt, alle keinen Kopfschutz haben. Wenn dann der Fahrer während des Fahrens noch das Mobiltelefon ans Ohr klemmt und einhändig fährt, ohne dabei den teilweise hektischen Strassenverkehr zu vergessen, wundere ich mich immer, dass ich so gut wie nie Unfälle gesehen habe.
 
Da meine Entscheidung für das Fahren so spontan war, hatte ich auch nicht an einen Pass oder gar an einen Führerschein gedacht. Ich hatte nämlich nichts ausführlich ausfüllen und unterschreiben müssen, als ich den Roller übernahm. Der Vater als mein Vermieter hatte ja meine Angaben. Der Eigentümer zeigte mir nur kurz, wie ich die Zündung des Fahrzeuges zu bedienen hatte, und dass der Tank versteckt unter dem Sitz war.
 
Ich wurde angewiesen, zuerst zur Tankstelle zu fahren, zirka 5 km an der grossen Strasse gelegen, die vom Süden aus über Margao zur Landeshauptstadt führt. Die Tankstelle war geschlossen, denn der Tankwagen brachte Nachschub. Etwa 30 Roller und Motorräder und eine Schlange von Autos warteten. Ich kam mit einem etwa Mitte 40 Jahre alten Mann ins Gespräch. Aufgrund seiner Kleidung, er trug ein weisses Indien-T-Shirt und eine rosafarbene Hose, und seiner langen, hinten zusammengebundener Haare schätzte ich ihn als „Alt-Hippie“ ein. In den Jahren ab Ende der 1960er haben gerade diese Gruppe von Menschen Goa entdeckt und das Bundesländchen zu ihrem bevorzugten Ziel gemacht, jedenfalls bis es auch hier ihnen zu sonnig wurde und sie weiterzogen. Einige sind geblieben,  und man sieht sie immer noch in den Badeorten herumlaufen. Es war ein Belgier, der in einer Kommune auf einem Gelände wohnt, das ehemals von der Universität in Löwen als Unterkunft für Gäste benutzt worden war und sich dann als ein alternatives Wohnprojekt etabliert hatte.
 
Nach dem Tanken, er wollte noch seinen Chai bezahlen, schob mich ein rückwärtsfahrender Autofahrer ein wenig unsanft zur Seite. Es war nichts passiert, bis auf ein paar Lackspuren vorn am Rad. Der Fahrer fuhr auch einfach davon, ohne sich darum zu scheren. Wir beschlossen, gemeinsam diesen einsamen Strand zu suchen und brausten mit möglicher Höchstgeschwindigkeit los.
 
Kaum ein paar Kilometer weiter fuhren wir direkt in eine Polizeikontrolle. Ein Polizist in Zivil winkte alle Motorrad- und Rollerfahrer zur Seite, und das waren so gut wie alle, die auf der Strasse waren, natürlich auch wir. Ausser diesem Polizisten gab es noch 2 Uniformierte und einen etwas kleineren Helfer, der die Anweisungen gab. Er stotterte und versuchte immer, durch schnelles Sprechen seinen Sprachfehler zu vertuschen. Der Uniformierte fragte nach dem Helm, ohne Helm müsse er 100 Rupien von uns verlangen und dann fragte er nach einem internationalen Führerschein; denn er hörte, dass wir als Touristen in Paolem untergekommen waren. Mein Begleiter druckste noch herum, der sei wahrscheinlich in seinem Hotelzimmer. Egal, ohne Führerschein zu fahren sei verboten und koste 450 Rupien, hiess es. Wir bekamen unsere Strafpredigt im autoritären Stil verpasst. (Wir liessen ihn diese Amtshandlung gelassen ausüben, das war schliesslich neben dem Kassieren seine Aufgabe.)
 
Während des Gesprächs fertigten die anderen Beamten weitere Verkehrssünder ab, und jedes Mal musste ein Protokoll ungefähr im A4-Format ausgefüllt werden. Wir sagten noch, dass wir vom Rollervermieter nicht auf einen Helm aufmerksam gemacht worden seien. Letztendlich verzichteten die Beamten auf die ersten 100 Rupien und wollten 450 von jedem von uns haben. 450 Rupien sind etwa 7,50 Euro, also etwas mehr als 8 CHF. Wir zahlten und bekamen unseren Strafzettel ausgehändigt, auf dem neben dem Vergehen auch unser Name steht. Wir hätten einen x-beliebigen Namen nennen können, einen Pass wollten sie nicht sehen, und ich hatte eh keinen dabei.
 
Wir fuhren dann zu einem noch weniger belebten Badeort weiter, hatten viel Spass beim Feilschen für einige Mitbringsel und unterhielten uns in einem Restaurant. Den Abend verbrachten wir in Paolem am Strand mit einem guten Fischessen.
 
Am nächsten Tag fuhr ich mit dem bis zum letzten Stehplatz gefüllten Bus zum nächsten grösseren Ort und dann weiter in die Hauptstadt Panaji. Von portugiesischem Einfluss ist nicht mehr viel zu sehen. Davon zeugt vor allem noch eine grosse Kirche mit hoher weisser Front, in die eine Glocke eingefügt ist, erreichbar über eine ebenfalls weisse Treppe im spätbarocken Stil, die über den Ort ragt. Sie trägt den Namen „Our Lady of the Immaculate Conception Church“ und stammt aus dem 16. Jahrhundert. Sie war geschlossen. Ein paar Gässchen in der Altstadt zeigen noch portugiesisches Flair. Für einen Moment könnte man sich in Lissabon wähnen, das war es aber auch, bis auf ein paar Strassennamen, die an portugiesische Persönlichkeiten erinnern. Gepflegt wird das Erbe jedenfalls nicht, sondern zeigt deutliche Zerfallserscheinungen.
 
Der Tag war wieder zu heiss, um noch weitere Erkundungen zu machen, und am Abend um 6 Uhr fuhr der Bus zurück nach Bangalore. Goa wird mir unvergessen bleiben, und 450 Rupien war es den Spass auf jeden Fall Wert!
 
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
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