Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     22. September 2018, 17:23 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 02.05.2012


Der indische Alltag und der gestörte Schlaf der Gerechten
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit Bangalore/Indien
 
Es gibt Menschen, die haben die Gabe, immer schlafen zu können, egal wo, in welcher Situation, bei Lärm, ohne Hilfsmittel.
 
Ich gehöre nicht dazu, ich bin ein sogenannter schlechter Schläfer. Bevor ich einschlafe, sollte es möglichst ganz ruhig sein. Ich sollte meine Schlafposition eingenommen haben, das ist die rechte Seite, und ich muss auf jeden Fall eine Decke über mir spüren oder besser noch ein wenig darin eingewickelt sein, auch bei grösster Hitze, dann reicht allerdings ein Laken oder ein dünner Leinenschlafsack. Wenn es viele Geräusche gibt, etwa vom Strassenverkehr, von bellenden Hunden, Nachbarn, usw., benutze ich Ohrstöpsel von der Firma Ohropax. Das sind Wachspfropfen, die zurechtgedrückt in die Gehörgänge eingeführt werden und die Geräusche fast vollständig unterdrücken. Ich muss nur aufpassen, dass ich sie nicht so einführe, dass ich meinen Pulsschlag höre, dann muss ich sie etwas verschieben. So gerüstet, schlafe ich dann meine 5 bis 6, manchmal auch 7 Stunden. Das ist ausreichend. Mittags oder nachmittags erlebe ich dann eine kurze Periode der Schläfrigkeit, die aber nur äusserst selten dazu führt, dass ich wirklich in Schlaf falle. Am Tag zu schlafen ist mir nur dann möglich, wenn ich die Nächte vorher aus den unterschiedlichsten Gründen so gut wie gar nicht geschlafen habe, und das kommt selten vor.
 
Ich habe es trotz Ohropax noch nicht geschafft, von dem Muezzin, der um 5 Uhr seinen über Lautsprecher verbreiteten Gebetssingsam verbreitet, nicht wach zu werden; nur wenige Male bin ich danach wieder ein wenig eingeschlummert. Ich weiss aber von meinem Vermieter, der über mir wohnt, dass der Lautsprecher noch direkter auf sein Schlafzimmer gerichtet ist; doch nimmt er die Rufe nicht mehr wahr, vielleicht höchsten so, als kämen sie von weit her.
 
Das Tagesablauf ist für viele Inder oft so: sie stehen relativ früh auf, manchmal schon um 5 Uhr. Der frühe kühlere Morgen erlaubt es, zu joggen, in den Park zu gehen oder Rad zu fahren. Der Chai-Verkäufer am Kiosk bietet sein Getränk und seine süssen Teilchen etwa ab 6 Uhr morgens an, auch „mein“ Anbieter von Idlis und Vadas baut seinen Karren um diese Zeit auf, bäckt Vadas, bereitet Sambar, Reis und Idlis zu und hat auch schon Kunden. Meine Arbeitszeit beginnt um 9 Uhr, auch am Wochenende. So richtig lebhaft wird es auf den Strassen erst danach. Die Öffnungszeit der meisten Läden ist nicht vor 10 Uhr, nur Supermärkte sind etwas früher dran. Ab etwa 18 Uhr zum Sonnenuntergang beginnt das eigentliche Leben auf den Strassen. Es entsteht ein Gedränge, Einkäufe werden getätigt, oder man geht ins Restaurant oder ins Konzert. Man kann bis abends gegen 22 Uhr oder später beispielsweise den Friseur aufsuchen, beim „German baker“ Kuchen kaufen, in Bekleidungs- oder Schuhgeschäfte gehen usw., und das an allen Tagen der Woche. Menschen stehen vor den Läden, Kiosken und Imbissstuben, trinken Tee, rauchen ihre Zigaretten und unterhalten sich. Kleine Läden, die Alkohol verkaufen, sind abends meistens richtig voll. Nach dem Kauf trinken die Männer die hochprozentigen Getränke aus den kleinen Fläschchen direkt aus. Danach sieht man leicht wankende Trinker auf dem Weg nach Hause.
 
Später wird es ruhiger, der Strassenverkehr ist nicht mehr so hektisch. Natürlich ist dieser Tagesablauf abhängig vom Beruf, der Familiensituation oder wie die Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen.
 
Bei solch einem Tagesablauf bleibt vielen nicht viel Zeit für die Nachtruhe. Nicht ausreichender Schlaf macht ebenso müde wie Hitze. So wird von vielen jede Gelegenheit genutzt, um zu schlafen. Meine Beobachtungen schlafender Menschen in Bangalore sind vielfältiger Art.
 
Da sind die Obdachlosen, die sich nachts vor die geschlossenen Eingänge von Läden legen, sich in eine Decke einrollen, obwohl es 30 Grad C warm ist, und sie schlafen, bis die Läden öffnen. Manche liegen auch irgendwo auf dem Bürgersteigen und Wegen, aber nicht nur nachts.
 
Ich habe einen Mann beobachtet, der am helllichten Tag im Schatten mitten auf einem Zugangsweg zum Busbahnhof, zu dem stündlich einige hundert Menschen laufen, auf dem Rücken auf den Steinen lag, die Beine weit gespreizt, Arme nur leicht in Richtung Körper gelegt und so tief schlief, dass man nicht unterscheiden konnte, ob er schlafe oder etwa tot sei, also völlig bewegungslos. Die Menschen sahen ihn liegen, schauten kurz hin und machten dann einen Bogen darum, oder sie stiegen über seine Beine und gingen weiter.
 
Das Gleiche habe ich in Einkaufsstrassen und neben grösseren lauten Strassen beobachtet, sogar wenn der Weg für Fussgänger recht eng war und man wirklich gezwungen war, auf die Strasse auszuweichen; im Tunnel, der ein Zugang um Hauptbahnhof oder Busbahnhof ist und rege benutzt wird, denn dort werden allerlei Waren angeboten, blitzendes oder im Kreis fahrendes Kinderspielzeug, Trommeln, Socken, Schuhe, Hemden u. v. m., so dass eine nicht geringe Geräuschkulisse vorhanden ist.
 
Die Männer liegen oft nicht dezent am Rand, sondern so, dass man nicht umhin kommt, um sie herum zu gehen oder über sie zu steigen. Sie liegen entweder auf der Seite, oft aber einfach auf dem Rücken, ohne Gepäck, Kopfkissen oder sonstiges.
 
Andere schlafen im Stadtbus. Es wird dauernd in verschiedenen Lautstärken gehupt. Der Bus ruckelt über die Geschwindigkeitsbegrenzer auf der Strasse, kleine „humps“, wie sie hier genannt werden, und die Fahrer müssen öfters abrupt bremsen. Die Männer schlafen, ihre Köpfe hängen herunter, und ihr Körper ist in entspannter gekrümmter Haltung. Dann plötzlich wachen sie auf und springen im wohl richtigen Augenblick aus dem Bus. Das muss in Bangalore nicht unbedingt an der Haltestelle sein, die vordere Tür ist häufig geöffnet und die Menschen verlassen den Bus auch im Stau, vor Ampeln oder wenn aus anderen Gründen gewartet werden muss. Auch in den Parks auf den Bänken im Schatten oder unter Bäumen und auch auf dem Friedhof auf Gräbern im Schatten der Grabsteine habe ich Männer schlafen gesehen. Es waren nie Frauen, immer nur Männer. Nie wurden sie geweckt, nie habe ich beobachtet, dass sie aufgefordert wurden, ihren Schlafplatz zu verlassen.
 
Bei meinen Ausflügen zu Orten ausserhalb der Stadt (siehe meine verschiedenen Blogs dazu), bei denen ich die An- und Rückfahrt mit dem Zug oder Bus über Nacht machte, habe ich viele schlafende Männer und Frauen sehen oder hören können, wie sie geschnarcht haben oder sonstige Schlafgeräusche von sich gaben. Bei meiner letzten Tour reiste ein Mann mit, der jede halbe Stunde im Schlaf laut irgendeinen Namen oder ein Wort gerufen hat, so laut, dass sich andere Schläfer sogar gestört gefühlt haben. War es zu unbequem für denjenigen, der hinter einem ganz nach hinten geklappten Sitz sass, nahm dieser schon einmal die Initiative, den Sitz vor ihm wieder nach vorn zu klappen, ohne den auf dem Sitz halb liegenden Menschen, der tief schlief, zu wecken.
 
Aus Erzählungen aus Kriegszeiten oder auch von der Bundeswehrzeit habe ich auch oft vernommen, dass die Soldaten in jeder Körperhaltung und bei jeder Gelegenheit schlafen konnten und können. Hier ist es aber etwas anderes. Man legt sich einfach hin und macht die Augen zu und schläft, mitten im Gedränge, oder man schläft im Sitzen im Bus und lässt den Kopf hängen oder legt ihn auf den Griff des Vordersitzes, auf dem die Arme die Liegefläche etwas vergrössern.
 
Wenn Sie sich mit Schlafforschung beschäftigt haben, kennen Sie die Schlafabschnitte von leichtem, tiefem und REM-Schlaf, also dem sogenannten Schlaf mit dem „rapid eye movement“. Wenn ich die von mir beobachteten Schläfer danach beurteilen müsste, hatten viele ganz bestimmt die Tiefschlafphase erreicht.
 
Zu der von mir gewählten Überschrift gibt Lutz Röhrich im "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" folgende Erklärung:
 
"Den Schlaf der Gerechten schlafen: tief und ruhig schlafen, ohne sich stören zulassen. Der ,Schlaf des Gerechten’ ist wörtlich nicht in der Bibel zu finden, doch ist sinngemäss des öfteren die Rede davon. So z  B. Sprüche 24, 15: ,Laure nicht als ein Gottloser auf das Haus des Gerechten, verstöre seine Ruhe nicht’, oder 3. Mose 26, 6: ,Ich will Frieden geben in eurem Lande, dass ihr schlafet und euch niemand schrecke’. Vgl. auch Ps. 3, 6.7; 4, 9; Spr. 3, 24. Die gleiche Redewendung kennen auch andere Völker: engl. ,the sleep of the just'; franz. ,le sommeil du juste'; ital. ,il sonno del giusto.'" Das „Haus des Gerechten“ ist in den oben von mir beschriebenen Fällen eben die Strasse, der Park, der Friedhof oder der Bus und die Bahn.
 
Dazu fällt mir noch William Shakespeare ein: „Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind, und unser kleines Leben ist von  einem Schlaf umringt." Auf Englisch: We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep“ (The Tempest).
 
Schlafen bekommt so etwas Tröstliches, „Abtauchen in eine Traumwelt oder ins Nichts“, für ein paar Stunden der Realität Adé!" zu sagen, war eine der Assoziationen, die ich hatte, als ich die Schläfer, besonders die auf der Strasse, so sah. Vielleicht fehlt diesen Schläfern ja in der anonymen Grossstadt das, was viele Inder als das Wichtigste in ihrem Leben sehen: die Zugehörigkeit zur Familie, zu einem sozialen Umfeld.
 
Vielleicht reagieren die Passanten auf die Schlafenden deshalb so gelassen, auch wenn sie einen Schritt zur Seite machen müssen; sie gönnen ihnen diese Auszeit aus der harten Wirklichkeit, und Toleranz für die Bedürfnisse des Mitmenschen ist eine Grundlage für das friedliche Zusammenleben, nicht nur hier in Indien.
 
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
 
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier