Textatelier
BLOG vom: 28.02.2005

Oscars, Césars, goldene Himbeeren und fauler Zauber

Autor: Walter Hess

Die uniformierten Medien rummeln gerade wieder rund um den Hollywood-Narzissmus: Oscar-Verleihungen. Diese sind eine durchschaubare Werbeaktion, umgeben von Bluff, Pomp und Geld. Die ichbezogenen Amerikaner sollen das tun und sich selbst beweihräuchern, soviel sie wollen. Nur kann ich nicht verstehen, dass die Medien weltweit die Weihrauchkessel mit voller Wucht mitschwenken, als ob sie gut bezahlte Hollywood-PR-Agenturen seien.

Die Oscars sind die wesentlichste Waffe, um den teuer produzierten Hollywood-Schund unter die Völker dieser Erde zu bringen. Das hat bisher wunderbar funktioniert. Die Hollywood-Klischees, mit denen ein auf Hochglanz polierter, beschönigter US-Lebensstil kredenzt wird, haben eine nachhaltige Wirkung gezeigt. Die meisten Menschen und ganze Völker sind darauf hereingefallen.

Dank der medialen Hochstilisierung sind die Oscars, die es seit 1929 gibt, zu den begehrtesten Preisen der Filmwelt geworden. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil des genau kalkulierten Kinogeschäfts: Die vergoldeten Statuetten verbessern den Marktwert von Filmen, Regisseuren und Schauspielern. Die Verleihung des „Academy Award", wie der Oscar in der Filmsprache hochtrabend heisst, wird als gigantische Werbeschau zelebriert, Produkte-Schleichwerbung inbegriffen. Da lässt man keinen Trick aus, um das Publikum zu verschaukeln.

Die Namen der dekorierten Stars werden mit Hilfe willfähriger Medien ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit eingebrannt. Die Berühmtheiten, die sich ständig um Affären bemühen müssen, haben in diesem gigantischen Vermarktungssystem die Aufgabe, die immer wieder ähnlichen Filme mit den ähnlichen läppischen Handlungen und Titeln identifizierbar zu machen und teure Flops zu verhindern, unabhängig davon, ob ein Film ausnahmsweise etwas taugt oder auch nicht. Monatelang im Voraus wird die Stimmung − auch mit viel Sponsoren- und Schmiergeldern − angeheizt. Wen interessiert es schon, dass die 50 goldenen Oscars unter strengen Sicherheitsvorkehrungen mit einem Sonderflug aus ihrem Produktionsort Chicago im mittleren Westen der USA nach Kalifornien gebracht wurden, ein ähnlich aufgebauschter, wichtigtuerischer Klimbim wie mit den Harry-Potter-Manuskripten, die ebenfalls nur unter Polizeischutz transportiert werden? Empfang reiht sich an Empfang, Cocktailparty an Cocktailparty. Es geht praktisch nur um die Selbstbeweihräucherung des einheimischen Hollywoodschaffens und dessen Repräsentanten. Die wenigen zugelassenen ausländischen Filme haben die kalifornische Inzucht etwas zu tarnen. Ohne dieses Begleitgetöse und bei einer genügend ausgebildeten Kritikfähigkeit des Publikums würden wohl die meisten Filme nach wenigen Wochen von den Leinwänden gefegt.

Auf Kommerz ausgerichtete westliche Medien bringen alljährlich seiten- oder stundenweise Vorschauen, Spekulationen und orgiastische Berichterstattungen über diese Werbeveranstaltung; Qualitätspublikationen aber behandeln den durchschaubaren Zirkus selbstverständlich nur beiläufig.

Statt den Oscar-Preisträgern ebenfalls noch ein Denkmal zu setzen, sei hier in Ehrfurcht jener Schauspieler gedacht, löbliche Ausnahmen, welche die Welt nicht für dumm verkaufen mochten: So verweigerte George C. Scott (1970 für „Patton“) den Oscar mit diesen Worten: „Der Rummel ist hier wichtiger als die künstlerische Leistung, die eigentlich geehrt werden sollte.“ Auch Marlon Brando verweigerte 1972 für „Godfather“ die Annahme des Preises und schickte eine als Indianerin verkleidete Schauspielerin auf die Bühne, welche die verfälschte Darstellung der Indianer-Geschichte in den Hollywood-Filmen anprangerte und sich für die unterdrückten Indianer am „Wounded Knee" einsetzte. Und Vanessa Redgrave brach bei der Entgegennahme des Preises (1972, beste Nebenrolle in „Julia") nicht in die obligaten Tränen der Rührung aus, sondern sie verteidigte in kraftvollen Worten die palästinensische Befreiungsorganisation PLO, welche sich gegen die Ausbreitung des Staates Israel wehrte.

In diesem Zusammenhang ist auch Michael Moore zu nennen, der diesmal auf eine Oscar-Nominierung dankend verzichtete. Im März 2003 hatte er seinen Triumph für seinen Film „Bowling for Columbine“ zu einem leidenschaftlichen Appell gegen George W. Bushs Irak-Krieg genutzt: „Wir sind gegen diesen Krieg, Mr. Bush. Schämen Sie sich, Mr. Bush. Schande über Sie!" Dann wurde er von der Hofkapelle übertönt. Vielleicht wird man auch den diesjährigen Oscar-Präsentator und Komödianten Chris Rock zu den Unangepassten zählen dürfen, der bekannt hat, dass er den Oscar-Klamauk seit Jahren nicht mehr gesehen hat, Kunstpreise überhaupt für “idiotisch“ hält und keinen heterosexuellen Schwarzen ausserhalb des Filmgeschäfts kennt, der sich diese Kostümschau antäte.

Besonders sympathisch ist mir die Verleihung der „Goldenen Himbeeren“ jeweils am Vorabend des Oscar-Zaubers: Dabei handelt es sich um den ebenfalls in Hollywood verliehenen Spottpreis, der das Wesentliche schon eher trifft. Soeben haben die Oscar-Gewinnerin (2002) Halle Berry und US-Präsident George W. Bush diese unbegehrte Auszeichnung bekommen. Michael Moore zeigte in seinem Dokumentarwerk „Fahrenheit 9/11“ eine Szene mit Bush, der vorgab, weiter in einem Buch zu lesen, nachdem er gerade die ersten Informationen über die berühmten Anschläge mit entführten Flugzeugen erhalten hatte, eine wirklich sensationelle, preiswürdige Leistung . . . Der globale Häuptling hat sich mit seiner Auszeichnung als „schlechtester Schauspieler der Welt“ immerhin gegen die Konkurrenz wie Colin Farrell, Ben Affleck, Vin Diesel und Ben Stiller durchgesetzt.

Der Himbeeren-Preis („Razzie“ genannt) ehrte die Afroamerikanerin Halle Berry als „Catwoman“ (die Katzenfrau aufersteht nach ihrer Ermordung und will sich, ganz im hoch intelligenten Hollywoodstil, an ihren Mördern rächen …), welche die vergoldeten Plastik-Himbeeren (raspberrys) persönlich abholte und damit Sinn für Humor bekundete.

Die Razzies wurden vor 25 Jahren vor dem „filmverrückten Zyniker“ John Wilson ins Leben gerufen. Die Jury besteht aus 650 Mitgliedern aus 40 US-Bundesstaaten und 15 anderen Ländern.

Das noch einzige selbstbewusste Land Europas, Frankreich, hat seit genau 30 Jahren seinen eigenen Filmpreis, den César als Gegenstück zum Oscar. Diese Auszeichnung für den besten Kinofilm des Jahres 2004 ging gleich als Viererpackung an den Milieufilm „L’esquive“ (Ausweichen), das Werk des tunesischstämmigen Regisseurs Abdellatif Kechiche.

In der Fernsehbranche grassiert ebenfalls eine Art von peinlichem Oscar-Fieber: Bald einmal jeder Sender lobt seine Leistungen mit einem Preis und feiert sich nach Hollywood-Vorbild selber, auch wenn sich die Begeisterung übers Programm im Publikum in engen Grenzen hält.

Wenn Sie, sehr geehrte Nutzerin und lieber Nutzer, aber wissen möchten, über welche Persönlichkeiten der Oscar-Segen 2005 hereingebrochen ist, muss ich Sie leider an die etablierten Medien verweisen. Mich interessiert das nicht im Geringsten. 

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