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BLOG vom 13.05.2012


Kreuz und Fahnen, Kreuz und Palmwedel in Villmergen
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Geschichten und Ereignisse rund um Landsknechte und Söldner beeindrucken mich immer. Warum das so ist, weiss ich nicht genau. Kriege sind nicht meine Themen. Schicksalsgemeinschaften jedoch schon. Ich stelle mir vor, wie sich die Männer im Kampf zusammenraufen und einander beistehen mussten.
 
Aus der Familiengeschichte meiner Mutter väterlicherseits weiss ich allerdings, dass es unter ihren Vorfahren Söldner gab. Wir kennen auch die Namen von den beiden Männern, die neben vielen anderen im Villmergerkrieg 1712 umgekommen sind.
 
Rückblickend bin ich erstaunt, wie sich Ende März plötzlich ein langgehegter Wunsch wieder meldete. Vor 20 Jahren hatten wir uns vorgenommen, einmal im Villmerger Wald zu wandern. Damals waren wir erstmals nach Villmergen gekommen, weil Primo zu einer Ausstellung eigener Werke in den Schaufenstern verschiedener Geschäfte eingeladen worden war.
 
Unsere Wiederkehr traf in diesem Jahr mit dem festlichen Palmsonntag zusammen. Unerwartet erlebten wir die Prozession und feierten den anschliessenden feierlichen Festgottesdienst mit.
 
Es gab viel zu bewundern. Palmwedel tragende Ministrantinnen und Ministranten. Eine lebhafte Jugend, die sich in der Tradition ihres Ortes heimisch fühlt. Dahinter das Volk aus Villmergen. Eltern und Kinder brachten in ihren eigenen Körben ebenfalls Stechpalmendekorationen und Äpfel mit.
 
Junge Männer trugen auf ihren Schultern einen grossen, schlanken und geschmückten Baumstamm in die Kirche, wo sie diesen dann im Chor aufstellten. Sie waren mit grossen Stechpalmenkränzen und Äpfeln geschmückt. Der Baum war in die Farben gelb und blau eingebunden. Zuoberst das Tännchen, die eigentliche Baumkrone, die beim Fällen stehen gelassen worden ist.
 
Wegen der im Villmergerkrieg gefallenen Vorfahren Leonhard und Georg Fässler sog ich die Stimmung in diesem Ort und vor allem dann auch im Wald in mich auf. Auf unserer Wanderung kamen wir auf die Hohlwege von nationaler Bedeutung. So informierte uns eine Waldlehrpfad-Tafel.
 
„Die Hohlwege waren früher sehr wichtige Verkehrswege. Der Talboden war Sumpflandschaft mit enormer Mückenplage. Ein ganzes Nest dieser Hohlwege sorgte am Rieterberg für direkte Verbindungen über den Berg und zu ehemaligen Ackerzelgen, Köhlerplätzen und Kiesgruben. Diese Hohlwege entstanden aus der häufigen Benutzung für Viehbetrieb und aus der Holznutzung. Voraussetzung war aber entsprechend weicher Untergrund.
 
Eine grosse Zahl der Hohlwege ist in Villmergen erhalten geblieben. Dieser Hohlwegfächer gehört zu den grossflächigsten und markantesten im aargauischen Mittelland. Da die tiefen Gräben eine intensive Holznutzung heute erschweren, haben sie zur Ausbildung eines schützenswerten Waldstandortes beigetragen. Was ursprünglich durch die intensive Nutzung des Waldes entstanden ist, dient heute seinem Schutz.“
 
Auf diesen Wegen fühlte ich mich geführt und beschützt. Weil sie tief eingegraben sind, geht man zwischen 2 Wänden. Das Erdreich und der Sandsteinfels darunter sind angeschnitten und darum entblösst. Das Wurzelreich mit seinen Räumen und Höhlen wird sichtbar und unterstützt Vorstellungen aus dem Märchenreich.
 
Wieder zu Hause, schickten wir jenem Freund unserer Familie einen Gruss, der die damalige Ausstellung in Villmergen angeregt hatte, und erinnerten ihn daran. Er antwortete schnell, machte aufmerksam auf das im Sommer zu erwartende Theaterereignis, in dem der Villmergerkrieg thematisiert werde. Der Autor Paul Steinmann, ebenfalls aus Villmergen stammend, habe das Stück geschrieben. – Ich nahm mir vor, aufmerksam zu bleiben, vergass die Sache dann wieder.
 
Ein paar Wochen später sind wir im Säuliamt – hinter dem Uetliberg – bei einem Pfadfinderkollegen von Primo eingeladen. Und auch dort taucht das Thema Landsknechte unvermittelt auf. Seltsam. Ich erfahre, dass dieser Mann alte Landsknechtlieder kennt und sie seiner Tochter schon im frühen Kindesalter vorgesungen habe. Trotz des Widerstands von seiner Frau. Dem Kind haben sie gefallen. Als diese Tochter, heute eine junge Frau, dann am späteren Abend auch noch bei ihren Eltern eintrifft, wird sofort beschlossen, dass sie mit ihrem Vater zusammen ein bestimmtes Landsknechtlied singen. Ich wundere mich, dass sie sofort einverstanden ist. Es macht ihr sichtlich Spass. Die beiden singen hingebungsvoll, zur Freude von uns, aber auch zur eigenen. Eindrücklich.
 
Einen Tag später verfolge ich, nichts ahnend, ein Interview mit Christov Rolla auf Radio DRS/Musikwelle. Wieder unerwartet, werde ich auf das bevorstehende Theater-Ereignis aufmerksam. Ich erfahre, dass dieser Musiker die musikalische Leitung für das Freiämter Landschaftstheater zum Villmergerkrieg 1712 übernommen habe.
 
Und die weiteren Informationen kann ich dann aus dem Internet herausholen. Sie sind vielfältig und schüren meine Vorfreude.
 
Die Gemeinschaftsproduktion von 4 Theatergruppen im Freiamt läuft unter dem Titel Mit Chrüüz und Fahne (mit Kreuz und Fahne). Der Link dazu http://www.kreuz-und-fahne.ch/
 
Soweit hat sich für mich persönlich das Thema verdichtet. Ich bin gespannt, ob noch weitere Zusammenhänge sichtbar werden. Spannend ist es immer, sich einem Thema nicht nur über den Verstand und allerlei Fakten, sondern auch mit dem Gemüt anzunehmen.
 
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