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BLOG vom 10.05.2012


Ein Tag mit Musik – in der Natur und im Musiksaal drin
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Bei meiner Wanderung in Coorg in den West Ghats in Indien hörte ich einmal den Gesang einer Amsel. Ich wunderte mich darüber, dass es diesen Vogel auch dort gibt. Wikipedia bestätigt das: Es ist eine Unterart der echten Drossel (Turdus), auch Indien-Amsel genannt.
 
Es klang etwas anders, aber doch vertraut. Wieder zurück in Deutschland, erwachte ich gestern Morgen etwa um 4.30 Uhr durch den Gesang einer Amsel vor meinem Fenster. Ich kann ihr stundenlang zuhören. Laut Wikipedia hat sie bis zu 30 Motive im Repertoire. Der Gesang wirkt auf mich beruhigend und nie langweilig.
 
Auf der Website www.stefanbion.de/amsel.htm hat Herr Stefan Bion den Amselgesang verlangsamt. Er schreibt dazu: Man hört einen seltsam artikulierten, fast schon menschlich klingenden, aber doch sehr fremdartigen „Singsang“, den man erst mal keinem bekannten Lebewesen zuordnen kann. Es sind erstaunt klingende Ausrufe zu hören wie „Eiii“, „Ajee“ usw., immer wieder unterbrochen von seltsamen Lauten wie dem Bellen eines Hundes, dem Wiehern eines Pferdes, dem Rufen exotischer Urwaldvögel, oder einfach nur vergnügtem Quietschen.
 
Mehrmals im Jahr habe ich Kontakt zu einer Gruppe geistig behinderter Menschen. Einige von ihnen stossen ähnliche Geräusche aus.
 
Es gibt auf der erwähnten Website auch eine Hörprobe, in der der Autor diese verlangsamten Klänge mit Klaviermusik untermalt. Es hört sich interessant an!
 
Viele bedeutende Komponisten haben sich mit Vogelstimmen beschäftigt und diese in ihre Werke einbezogen.
 
Nicht so in den Werken, die ich gestern Abend geniessen durfte. Das BBC Philharmonic Orchestra gastierte in Mönchengladbach D in der Kaiser-Friedrich-Halle mit Edward Elgars Enigma-Variationen und Gustav Mahlers Symphonie Nr. 5 cis-Moll. Jeder Liebhaber klassischer Musik kennt mindestens jeweils einen Ausschnitt aus diesen beiden Werken: bei Elgar ist es die Variation 9: Nimrod, Adagio, und bei Mahler das Adagietto. In den Ausstrahlungen der Radioprogramme, die sich auf klassische Musik spezialisiert haben, sind sie oft im Repertoire, selten aber werden die ganzen Stücke wiedergegeben.
 
Im meinem Blog vom 20.03.2012 schrieb ich: Wenn wir uns Musik nur über die Medien anhören, über Radio, Fernsehen, Speichermedien usw., und nie in einen Konzertsaal gehen, wissen wir nicht, wie es sich anhört, wenn man im Saal sitzt, auf der Strasse einem Musikanten zuhört, die Atmosphäre in der Musikhalle oder im Theater erlebt und dass das nicht dasselbe wie ein Konsum aus zweiter Hand ist. Es ist erlebnisreicher.
 
Ich kann das nach dem gestrigen Musikgenuss immer wieder nur bestätigen. Der Klang in dieser Halle ist phantastisch. Ich sass ganz hinten auf der Empore und konnte doch jeden einzelnen Ton, jedes Musikinstrument gut hören.
 
Natürlich gehört dazu auch ein Orchester von Weltruf, und das ist das BBC Philharmonic; diesmal wurde es vom spanischen Dirigenten Juanjo Mena geleitet.
 
Beide Musikstücke sind etwa zur gleichen Zeit entstanden, um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert. Enigma, also das „Rätsel“, bezieht sich auf Personen aus dem Umfeld Elgars, die aber heute als weitgehend dechiffriert gelten.
 
Die Fünfte Symphonie von Mahler hingegen beschreibt der Komponist in einem Brief an den Musikwissenschaftler Guido Adler so: Die Musik entsteht ohne äusseren Anlass. Sie ist in mir. Ich ergründe nichts und will mir später auch nicht bescheinigen lassen, dass es etwas anderes war.
Mahler hatte Sorge, dass das Werk nicht verstanden werden würde und fügte bis zu seinem Tod immer wieder neue Änderungen in der Partitur ein. Das oben erwähnte Adagietto hatte aber der Musikliteratur nach doch einen äusseren Anlass, es gilt als Mahlers Liebeserklärung an Alma, die er am 07.11.1901 kennenlernte und 1902 heiratete. Das Adagietto erscheint als eine Studie melodischer Reigenbildung zwischen der solistischen Harfe und dem Orchester.
 
Dennoch: cis-Moll bedeutet recht düstere Töne, die bei mir eine ebensolche Stimmung erzeugen, die sich auch durch die beschwingteren Teile der Symphonie nicht änderte und so begab ich mich, noch melodienschwer, aber doch sehr nachdenklich, wieder nach Hause.
 
Im diesem Moment, in dem ich das Blog verfasse, höre ich den Gesang einer Amsel durch das Fenster. Sie singt nicht in cis-Moll, sondern in Dur-Tönen! Bitte beachten Sie dazu die Website http://www.igler-reflexe.at/315.html.
 
Wenn der Amselgesang eine Sprache wäre: Ist die Sprachfunktion dann nur auf die bekannten Warn- und Informationsgeräusche beschränkt oder sind darüber hinausgehende Laute des so unterschiedlichen Amselgesangs nicht vielleicht auch eine Art Musik, die aus der Lebensfreude des Augenblicks entsteht? Von Artgenossen wird der Amselgesang offenbar fast wie im Sinne einer Sprache beantwortet, wie jeder dies leicht vor Sonnenuntergang feststellen kann. Werden da Tageserlebnisse ausgetauscht – oder ist der Gesang ein der Musik vergleichbares Nebenprodukt einer Sprache? Wir wissen es nicht!
 
Für mich ist der Amselgesang Musik!
 
Quelle
Schrift zum Programm: „Orchester der Welt in Mönchengladbach ‒ BBC Philharmonic", Initiativkreis Mönchengladbach, c/o MGMG Marketing Gesellschaft Mönchengladbach mbH.
 
Internet
 
Hinweis auf ein weiteres Blog mit „Enigma“-Bezug
 
Hinweis auf das Blog über fremde Länder mit Musikaspekten
20.03.2012: Fremde Länder und die Sicht darauf: War ich, wo ich war?
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