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BLOG vom 24.05.2012


Strandkorbidylle – Hausfriedensbruch am Ostseestrand
Autor: Richard G. Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Ein Besuch im Winter an der deutschen Ostsee: der rauhe Wind, manchmal Eisschollen auf dem Wasser und Eiswülste am Strand. Dem Besucher, der den Ostseestrand das ganze Jahr über kennt, fällt in der kalten Jahreszeit etwas auf: Die Strandkörbe fehlen! Das „typisch Deutsche“ am Strand!?
 
Eine Website des Goethe-Instituts liefert eine Erklärung: „Der Strandkorb (ein Wort, das es im Englischen übrigens nicht gibt) wurde 1882 von dem Rostocker Korbmacher Wilhelm Bartelmann erfunden. Eine adlige ältere Dame hatte sich beschwert, dass die Ärzte ihr zwar Seeluft verschrieben, ihr aufgrund ihres Rheumas jedoch gleichzeitig untersagt hätten, sich in den Sand zu setzen. Wie sollte sie dieses Dilemma lösen? Ob Bartelmann ihr wohl eine Sitzgelegenheit für den Strand anfertigen könne, die sie vor Sonne und Wind schütze? Das war die Geburtsstunde des Strandkorbes. Der Stuhl fand bald Anklang und wurde bis Anfang des 20. Jahrhunderts weiterentwickelt: Nun bot er Platz für 2 Personen und war mit einer gepolsterten Sitzfläche, einer verstellbaren Rückenlehne sowie einem kleinen Tischchen für die Thermoskanne ausgestattet. Das Geschäftsmodell war klar: Keiner würde einen Strandkorb für ein paar Wochen Urlaub im Jahr kaufen, sondern man konnte ihn mieten, und über den Winter wurde er eingemottet. Und so kam es, dass dieser seltsam anmutende Korbstuhl nun die Aussicht an der deutschen Küste verstellt. Die Briten haben eine andere Auffassung von Strand ...“
 
Ich laufe über den Strand der Ostsee. Die Körbe, versehen mit einer Nummer und dem Namen des Eigentümers, stehen überall. Die Konstruktion besteht aus einem unteren Teil mit dem stoffbezogenem Sitz, darunter eine Holzverkleidung mit einem Griff, mit dem man den Sitz zusammen mit dem oberen Teil zu einem Liegesitz erweitern kann. Ausserdem kann man darin seine Sachen verstauen, darauf aufgesetzt, der Korb mit Haube, der sich nach hinten kippen lässt. Von aussen sind sie entweder weiss oder korbfarben. Der Stoff variiert in der Farbe, meist vertikal gestreift mit blau-weissen oder rot-braunen Streifen, damit der Eigentümer leicht erkannt werden kann. Ist der Strandkorb nicht vermietet, ist er durch ein Holzgitter vor dem Sitz, das unten ein Vorhängeschloss hat, zugesperrt.
 
Es stehen etwa 4–6 Körbe nebeneinander in einer langen Reihe auf dem Strand, zirka 20 m vom Ufer entfernt, immer der Sonne entgegen. (So gestellt schützt er also nicht vor der Sonne, wie ursprünglich vorgesehen, jedoch hat der Besitzer immer auch die Möglichkeit, den Strandkorb in eine andere Richtung zu schieben.) Wer darin sitzt, sieht gar nicht, wie die Wellen an den Strand rollen, die Farben des Meeres, in der Sonne ganz hinten tiefblau, dann manchmal ein brauner Streifen und zum Strand hin hellgrün, oder die Schiffe, die in der Ferne langsam in irgend eine Richtung fahren. Die See ist in nördlicher Richtung, die Stühle stehen also seitlich ausgerichtet, und die Besetzer schauen dann auf den vor ihnen stehenden Strandkorb.
 
Ausgerichtet ist das richtige Wort: Fotografiert man sie, die lange Reihe parallel zum Meer, erinnert das an eine Armee, die zum Appell angetreten ist. Zu dieser Jahreszeit Anfang Mai, es ist noch ein wenig kühl und der Wind noch rau, sind sie meistens noch verwaist. Um den Strand während der Saison, etwa ab Mitte Mai bis Mitte Oktober, betreten zu dürfen, um sich dort aufzuhalten, kostet es hier in Scharbeutz 3 Euro pro Tag für Erwachsene, für die Miete eines Strandkorbes muss man 10 Euro entrichten.
 
Um im militärischen Jargon zu bleiben: Ein Strandkorb ist wie eine kleine Festung und das kleine freie Territorium davor und an den Seiten wird schnell okkupiert, ganz im Sinne von „my home is my castle“. Direkt nach dem Krieg, als es noch nicht so viele Strandkörbe wie heute gab, zogen die Besitzer mittels eines Sandwalls eine Grundstücksgrenze weit um sie herum und belegten damit ihre geschätzten 25 Quadratmeter Grundfläche.
 
Gelegentlich kann es zu einem ausgewachsenen Streit kommen, wenn sich ein Unbefugter während der Abwesenheit des Mieters eines Strandkorbes bemächtigt, einfach, um sich ein wenig auszuruhen. „Was fällt Ihnen ein, das ist privat! Bezahlt durch mich! Sie verlassen jetzt sofort meinen Strandkorb! Ihnen würde es auch nicht einfallen, die Gartenmöbel ihres Nachbarn zu belegen!“ Und schon werden die Utensilien des Eindringlings in den Sand geworfen. „Wagen Sie es nicht noch einmal, dann…“
 
Es wäre interessant zu erfahren, ob ein Gericht in diesem Fall eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch annehmen würde!
 
Für mich kommt das Mieten eines Strandkorbes nicht infrage; ich bin kein Sonnenanbeter. Länger als eine halbe Stunde halte ich es nicht aus. Im Sommer sind die Strandkörbe aber gut besetzt. Es gibt sogar eine spezielle „Strandkorbliteratur“, meistens Kriminalromane, die sich laut Verlag gut dazu eignen, in einem Strandkorb gelesen zu werden. Und da alles Geld gekostet hat, verbringt man den ganzen Tag in seinem Strandkorb an diesem Fleckchen Strand und geht vielleicht einmal ins Wasser, um sich abzukühlen oder sich den Wellen entgegen zu werfen.
 
Es gab auch Schriftsteller, die im Strandkorb ihre Romane schrieben, ein Strandkorb kann für die gewünschte Einsamkeit sorgen, wie Kurt Tucholsky 1922 bemerkte: „Mein Arbeitsplatz, der herrlichste, den ich kenne, liegt einsam. Aber wäre er auch belebter, das isolierende Getöse der Brandung, die schützenden Seitenwände des Strandkorbes, dieses von jung auf vertrauten und eigentümlich bergenden Sitzhäuschens, würden keine Störung aufkommen lassen. Geliebte, unvergleichlich befriedigende und angemessene Situation, welche mein Leben gesetzmässig immer wieder herbeiführt!“
 
Ich kenne einige Strände auf der Welt, Strandkörbe aber sind mir noch nie begegnet (ich war noch nicht auf Mallorca, dort soll es sie inzwischen auch geben), und dass ich für die Benutzung des Strands Geld bezahlen musste, auch nicht. Man kann dies also ruhig „typisch deutsch“ nennen!
 
Quellen
 
Hinweis auf ein weiteres Blog mit einem Strandkorb-Erlebnis
25.11.2005: Reaktionen auf Blogs (23): Seuchen-Hysterien verkaufen sich
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