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BLOG vom 02.07.2012


Doppelgemoppel in Bonn und die 850 Jahre dazwischen
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
„Doppelt“ bedeutet 2-fach. Der Begriff und die Zahl spielen bei den folgenden Betrachtungen eine besondere Rolle.
 
Der Heimatverein Viersen lud zu einer Exkursion nach Bonn ein. Meine Frau und ich, quasi im Doppelpack, fuhren mit. Es gab unter anderem 2 Besichtigungen:
 
Ein Doppelturm mit einer zweischaligen Hülle, errichtet in den Jahren 2000‒2002, 162 m hoch. Eine Doppelkirche aus dem Jahre 1151. Beide Bauwerke befinden sich in Bonn, die Doppelkirche St. Maria und Clemens rechtsrheinisch im eingemeindeten Dorf Schwarzrheindorf; der Doppelturm, hiermit ist der Post Tower gemeint, gegenüber linksrheinisch.
 
Die Doppelkirche ist hochwassersicher auf einer Anhöhe erbaut worden, der Post Tower liegt zwar direkt in Rheinnähe, ist aber ebenso hochwassersicher. Die Doppelkirche heisst nicht so, weil sie 2 Patronen geweiht ist, sondern weil sie eine Unterkirche und eine Oberkirche hat;  man schaut durch eine Öffnung von unten zur Oberkirche hinauf, bzw. umgekehrt von oben hinunter. Der Post Tower ist nicht horizontal doppelt, sondern vertikal. 2 gegeneinander verschobene Halbellipsen bilden den Grundriss, eine Nord- und eine Südhälfte.
 
Die Doppelkirche besitzt einen kreuzförmigen Grundriss und war vorher ein Zentralbau. Eine Doppelkapelle oder auch Doppelkirche ist ein Bauwerk mit 2 übereinander angeordneten gemeinsam genutzten Kulträumen.
 
Der Post Tower ist kein Kultraum, er gehört dem Logistikkonzern Deutsche Post DHL. Die Buchstaben DHL haben nichts mit „Deutsche“ oder „Logistik“ zu tun, sondern sind die Anfangsbuchstaben der Familiennamen der Gründer, die 1969 das Unternehmen gegründet haben, Adrian Dalsey, Larry Hillblom und Robert Lynn. Der Post Tower wurde von den Architekten Helmut Jahn (federführend) und C. F. Murphy aus Chicago unter Mitwirkung von Werner Sobek geplant. Der Bau wurde in nur 2 Jahren fertiggestellt.
 
Die Doppelkirche wurde nach den Plänen des Architekten Toni Herrmanns errichtet; der Stifter der Kirche, also der Bauherr, war der Kölner Erzbischof und Kurfürst Arnold von Wied.
 
Die Doppelkirche ist ein romanisches Kunstwerk. Der Post Tower ist auch ein Kunstwerk, wenn man eine architektonische Meisterleistung ein Kunstwerk nennen darf (und ich wüsste nicht, warum das eine eins sein soll und das andere nicht.).
 
Das Doppelte hat verschiedene Gründe. Bei der Doppelkirche ist es eine räumliche Trennung in einem Gebäude. Gründe dafür waren ein unterschiedlicher Ritus (z. B. oben lateinisch, unten die Landessprache für „das Volk“), Trennung von Stifts-, Kloster- und Pfarrkirche, denn Mönche und Nonnen mussten ihren besonderen Status betonen, sie waren „näher bei Gott“ als die Gläubigen.
 
In Schwarzrheindorf ist man sich nicht sicher darüber. Neben der Kirche stand aber eine Burg, die es heute nicht mehr gibt. Es soll ein Verbindungsgang zwischen Burg und Oberkirche gegeben haben. Der Adel wollte unter sich bleiben.
 
Die Kreissegmente des Post Towers sind 7,40 m voreinander entfernt, aber in jedem 9. der 40 Obergeschosse miteinander verbunden, die Verbindung wird Skygarten genannt. Die Doppelbauweise erlaubt mehr Tageslicht, natürliche Belüftung, Solarenergie, sogar ein „eigenes Klima“. Alle Büros der 2000 Mitarbeiter, die hier arbeiten, sind nach aussen gerichtet, haben also Tageslicht und können ihre Fenster öffnen. Die Verbindungen zwischen den Türmen haben doppelte Glasfussböden.
 
Glas von oben bis unten, die Aussenfassade doppelwandig. Die Doppelglasfassade dient zur Frischluftversorgung, wirkt wie ein Luftpolster, reduziert die Wärmeabstrahlung und unterstützt die Temperaturregelung. Übrigens: Die obersten 2 Etagen, also doppelt, sind dem Vorstand vorbehalten, für das gemeine Arbeitsvolk nicht zugängig, auch im 21. Jahrhundert immer noch „näher zum Himmel.“
 
Die Doppelkirche in Schwarzrheindorf besitzt um das Obergeschoss herum eine Zwerggalerie mit reich geschmückten Säulen. Als Zwerggalerie bezeichnet man einen offenen Arkadengang an der Aussenfront knapp unter dem Dachansatz eines (Kirchen-) Gebäudes. Die Kirche ist im Innenraum bemalt, sowohl in der Ober- als auch in der Unterkirche, durch eine Galerieöffnung verbunden. Sie beziehen sich wiederum auf 2 Theologen, Rupert von Deutz und Otto von Freising. Rupert von Deutz, ein Benediktiner, legte die Bibel allegorisch und typologisch aus. Das Hauptthema von Otto von Freising waren 2 Weltreiche, die Augustinus in seiner Lehre von den 2 Civitas erweitert hat, das verkündet, dass alle Kultur von Osten nach Westen wandert und im Imperium Romanum seine endgültige Gestalt bis zum Weltende findet. In der Unterkirche sind die Themen der Bemalung aus dem Buch Hesekiel, „der Ezechielzyklus“. Ezechiel war ein von Nebukadnezar berufener Prophet im Alten Testament. Hauptthema ist die endzeitliche Versöhnung des Juden- und Christentums. Die Malereien in der Oberkirche sind etwas jünger und erzählen Geschichten aus der Bibel, der Taufstein aus dem Alten und Neuen Testament. Die Malereien sind, was selten vorkommt, gut erhalten, keine Fresken, sondern auf Putz gemalt, erst vor einigen Jahrzehnten wieder freigelegt. Es gibt auch Bezüge zu den Kreuzzügen, an einem davon hat auch der Kurfürst Arnold von Wied teilgenommen.
 
Auch der Post Tower zeigt Kunst. Im Vortragsraum sind Bilder von Beethoven, dem Sohn der Stadt. Weitere moderne Bilder sind in jeder Etage zu finden. Hervorstechend ist die Kunstform „Spiel mit dem Licht“. Der Bretone Yann Kersalé zaubert poetische Lichtszenarien an die Aussenfront des Post Towers. Die Farbmischung aus Rot, Grün und Blau erzeugt Lichtkunst auch in Cyan, Violett und Magenta. 2000 Fassadenleuchten und 100 Strahler sorgen für optische Effekte. Zur Fussballmeisterschaft erscheint ein Ball an der Fassade.
 
Nicht dass die Bauwerke so allein dastehen. Auch hier gibt es „Doppeltes“:
 
Ganz in der Nähe von Schwarzrheindorf gibt es eine weitere Stiftskirche, die Grabeskirche der Adelheid von Vilich, 970‒ca. 1015 und Bonner Patronin, ebenfalls ein Stift für Benediktinerinnen.
 
In der Nähe des Post Towers befindet sich ein weiteres Hochhaus, der sogenannte „Lange Eugen“, bis zum Umzug der Bundesregierung in die jetzige Bundeshauptstadt Berlin das Abgeordnetenhaus in der ehemals „provisorischen Hauptstadt der Bundesrepublik und dem Regierungssitz Bonn“, im Volksmund „Langer Eugen“ genannt (als Anspielung auf die geringe Körpergrösse des ehem. Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier, in dessen Amtszeit das Haus entstand), wurde das 114 Meter hohe Gebäude 1966‒69 nach Plänen des Architekten Egon Eiermann errichtet, und es beherbergt heute das Zentrum des UN-Campus, vor allem auch für Konferenzen der Vereinten Nationen und weitere UN-Institutionen.
 
Und unten fliesst der Rhein, Schiffe fahren in beide Richtungen, nach Norden und Süden.
 
Internet-Hinweise
 
Hinweis auf ein weiteres Blog mit Bezug zu Bonn
01.04.2008: Heinz Erven: Auf Ohrwürmer und Vögel statt Chemie gesetzt
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