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BLOG vom 11.07.2012


Hintergründe des Boykotts der Fussball-EM in der Ukraine
Autor: Martin Eitel, Wissenschaftspublizist, Berlin
 
1. Aufruf zum Boykott der Fussball-EM 2012 in der Ukraine
 
Erinnern wir uns, wie im April 2012 in Deutschland plötzlich einige Politiker ihr Herz für die Ukraine entdeckten: Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel kündigte an, er werde auf den Besuch eines Spiels der Nationalmannschaft in der Ukraine verzichten, um damit „ein politisches Signal" zu setzen. FDP-Generalsekretär Patrick Döring wollte die EM-Spiele in der Ukraine wegen der unmenschlichen Behandlung von Julija Timoschenko nach Polen verlegen. FDP-Mann Wolfgang Kubicki rief die Fussballfans auf, ihre Tickets zurückzugeben. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast kam auf die grandiose Idee, alle Spieler sollten als Zeichen der Solidarität orangefarbene Schals tragen ‒ die Farbe jener Revolution, die Julija Timoschenko 2004 mit in Gang gebracht hatte. Die „Bild“-Zeitung erklärte die Ukraine zur „Diktatur“, und die „B.Z.“ fragte scheinheilig: „Ist die Fussball-EM in der Ukraine wirklich wichtiger als ihr Leiden?" Gemeint war das Leiden von Frau Timoschenko.
 
Aus der Republik Österreich, deren Mannschaft sich gar nicht für das Turnier qualifiziert hatte, hiess es: Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) werde nicht zur Europameisterschaft reisen. Auch Aussenminister und Vizekanzler Michael Spindelegger wird nicht hinfahren: Der Umgang mit Timoschenko werfe einen Schatten auf die rechtsstaatlichen Verhältnisse dort.
 
2. Der Fall Timoschenko vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
 
Soweit ersichtlich, hat Timoschenko ihren Fall, in dem 7 Jahre Freiheitsstrafe verhängt wurden und der im Westen als politischer Prozess bezeichnet wurde, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Strasbourg gebracht. In der Hauptsache liegt eine Entscheidung offensichtlich bisher nicht vor. Wir erinnern uns daran, dass der Gerichtshof bereits im Fall des russischen Oligarchen Michail Chodorkowski den von vielen westlichen Politikern und Medien erhobenen Vorwurf eines politischen Prozesses nicht bestätigt hat. Voraussichtlich wird es auch im Fall Timoschenko so ausgehen. Allerdings wurde offenbar im Weg des vorläufigen Rechtsschutzes vom EGMR zugunsten von Timoschenko entschieden, dass sie Anspruch auf eine angemessene medizinische Behandlung habe.
 
Anders als manche westlichen Politiker meinen, bedeutet das aber nicht, dass Timoschenko einen Anspruch auf medizinische Behandlung im Ausland, zumal gerade im westlichen Ausland, haben soll. Dieselben Politiker hätten vermutlich mit lautem Geschrei protestiert, wenn deutsche RAF-Gefangene eine Ausreise zur Behandlung nach Russland oder in andere Staaten verlangt hätten, weil sie den deutschen Ärzten nicht trauten. Solche Forderungen sind völliger Unsinn, zumal auch in östlichen Staaten durchaus qualifizierte Mediziner tätig sind. Erinnert sei z. B. an das von Dr. Gavriil Ilizarov in Kurgan/Russland entwickelte und perfektionierte Verfahren der Kallusdistraktion zur Überbrückung von Knochendefekten und zur Korrektur von Knochenfehlstellungen, das auch im Westen praktiziert wurde und wird.
 
Dass Prof. Dr. Max Einhäupl von der Berliner Charité voll auf diese Forderung abgefahren ist, Timoschenko habe Anspruch auf Behandlung durch Mediziner aus dem Westen, und zu Timoschenko in die Justizvollzugsanstalt in die Ukraine gereist ist, ist nicht wirklich überraschend, wenn man die Skandale berücksichtigt, die mit der Charité in den letzten Jahren in Verbindung gebracht wurden. Offenbar versucht er in den Staaten des früheren Ostblocks neue zahlungskräftige Kunden für das ehemalige Pestkrankenhaus zu akquirieren, die von den in deutschen Medien veröffentlichten Skandalen bei der Charité keine Kenntnis haben.
 
Erinnert sei an die Mordserie, die im Jahr 2007 eine juristische Aufarbeitung durch das Landgericht Berlin erfuhr, bei der das Gericht auch eine gewisse Mitverantwortung der Charité durch mangelhafte Aufsicht, Kontrolle und Kommunikation konstatierte, so dass die Mitarbeiterin auch nach Entdeckung erster Ungereimtheiten bei Todesfällen noch ungehindert weitere Morde durchführen konnte. Erinnert sei auch an Medizinpfusch mit 100-facher Überdosierung und eine verpfuschte einfache Operation mit der Folge lebenslanger Behinderung des Opfers, an die lächerliche Jubelschrift zum 300-Jahre-Jubiläum, die sich als Plagiat erwies, an den Hygiene-Skandal in der Küche, der zu einer teilweisen Schliessung führte, und an den Streit unter Medizinern über die behauptete Heilung eines angeblich HIV-Kranken, bei dem auch Jahre später trotz der behaupteten Heilung solche Ärzte, die nicht der Charité angehören, Spuren von HIV gefunden haben wollen.
 
Warum sich Timoschenko ausgerechnet von Mitarbeitern einer solchen Klinik behandeln lassen will, bleibt im Dunkeln.
  
3. „Saubere“ rechtsstaatliche Verhältnisse in Österreich und BRD
 
Richtig und unstreitig ist, dass die Situation in der Ukraine absolut unbefriedigend ist, wie auch die in der Verurteilungsstatistik des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zum Ausdruck kommende Zahl von Verurteilungen der Ukraine und die hohe Zahl der anhängigen Verfahren zeigen. Immerhin wurden dort für den Zeitraum von 1996 bis 2011 insgesamt 822 Verurteilungen registriert, was unter Berücksichtigung des vergleichsweise kurzen Zeitraums absolut indiskutabel ist. Im Jahr 2007, als die angebliche Lichtgestalt Timoschenko schon 3 Jahre im Amt war, waren beim Gerichtshof in Strasbourg 5800 Verfahren gegen die Ukraine anhängig. Anhaltspunkte, dass die Zahl der Verfahren gegen die Ukraine sich nach Amtsantritt von Timoschenko signifikant verringert und sich die Situation der Menschenrechte in der Ukraine wesentlich gebessert hat, sind nicht ersichtlich.
 
Wer vor dem Hintergrund derartiger Boykottankündigungen österreichischer und deutscher Politiker allerdings davon ausgeht, Österreich und die BRD hätten beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) sozusagen eine weisse Weste, irrt gewaltig. Beide Staaten haben eine Vielzahl von Verurteilungen wegen Verletzung der Europäischen Menschenrechtskonvention durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strasbourg aufzuweisen.
 
Zur Erläuterung: Es gab für Österreich allein zwischen 1999 und 2006 in Summe 111 Verurteilungen durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, für Deutschland zwischen 1999 und 2006 in Summe 53 Verurteilungen. In der Verurteilungsstatistik für den Zeitraum von 1959 bis 2011 belegen Österreich mit 299 Verurteilungen den 11., die BRD mit 234 Verurteilungen den 16. und die Schweiz mit 113 Verurteilungen den 23. Platz.
 
Manchmal muss man hier doch mit grossem Bedauern feststellen, dass in Deutschland Politiker wie der Schweizer Bundesrat Ueli Maurer fehlen, dessen in den deutschen Medien wiedergegebene Äusserung hoffnungsvoll stimmt. Sinngemäss soll er gesagt haben, niemand, der alle Tassen im Schrank habe, könne einen EU-Beitritt anstreben. Das kann eigentlich jeder Bürger voll unterschreiben, der noch alle Tassen im Schrank hat.
 
Politiker von Staaten, die selbst wegen Missachtung bzw. Verletzung der Konvention so viel Dreck am Stecken haben wie BRD und Österreich und so viele Verurteilungen kassierten, haben objektiv betrachtet wenig Anlass, anderen Staaten mit Boykott wegen angeblicher oder auch tatsächlicher Missachtung der Menschenrechte zu drohen. Politiker solcher Staaten sollten vorrangig dort für ordentliche Verhältnisse sorgen, wo sie aufgrund ihrer Vereidigung politische Verantwortung übernommen haben, anstatt sich in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen, für die sie keine politische Verantwortung tragen.
 
4. Europäische Menschenrechtskonvention und „Operation Spring“ in Österreich
 
Solche Töne aus Österreich sind natürlich besonders grotesk, wenn man den in die Justizgeschichte eingegangenen Verfahrenskomplex von über 100 Strafverfahren gegen afrikanische Asylbewerber berücksichtigt, der unter der Bezeichnung „Operation Spring“ 1999 begann. In dem Komplex wurden mehrere 100 Jahre Gefängnis verhängt. Die mit primitiven Mitteln gefilmten und auf den Videos nicht klar identifizierbaren Angeklagten, bei denen es sich allenfalls um Kleinkriminelle gehandelt haben dürfte, wurden von überwiegend mit Motorradhelmen verkleideten anonymisierten Zeugen belastet, sie hätten an unbekannten Orten an unbekannte Personen zu unbekannten Zeitpunkten unbekannte Mengen von Rauschgift vertrieben. Das waren natürlich aus österreichischer Sicht alle mustergültig rechtsstaatliche Verfahren, die der zurückgebliebenen Ukraine als Vorbild dienen sollen. Denn die Angeklagten waren nur unbedeutende kriminelle afrikanische Asylbewerber und keine angebliche Lichtgestalt wie es Timoschenko nach dem Verständnis zahlreicher westlicher Politiker und Konzernmedien sein soll.
 
Jeder, der sich ansatzweise mit Strafverfahrensrecht beschäftigt hat, weiss, dass eine Verteidigung gegen solche konkreten Vorwürfe völlig unmöglich ist, weil man mangels Angaben zu Tatort und Tatzeit keinerlei Entlastungszeugen beibringen kann. Wer solche absurden Vorwürfe entkräften will, müsste für einen Monate umfassenden Zeitraum penibel über jede Minute Buch führen und für die ganze Zeit jeweils mindestens einen Aufpasser haben, den er als Zeugen präsentieren kann. Diese österreichischen Strafverfahren, die unter dem Begriff „Operation Spring“ als schlimme Justizbeispiele in die Justizgeschichte eingegangen sind, dürften daher auch gegen den Grundsatz eines fairen Verfahrens aus Art. 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention verstossen, die die Republik Österreich als verbindlich anerkannt hat. Damals hat es nur Asylbewerber getroffen, aber natürlich kann dies auch jederzeit Inländern passieren. Keiner sollte sich sicher sein, dass ihm solche absurden Verfahren nicht angehängt werden können.
 
Gerade dieser Verfahrenskomplex stellt eine „Meisterleistung“ österreichischer Justizkultur dar, die österreichische Politiker ganz sicher besonders prädestiniert, Defizite in der Rechtspraxis anderer Länder zu rügen.
 
Festzuhalten ist, dass weder deutsche noch österreichische Politiker Veranlassung hatten, zum Boykott der Fussball-EM 2012 in der Ukraine aufzuhetzen. Abgesehen davon, dass die zahlreichen Verurteilungen der BRD und Österreichs den Politikern Anlass zur Zurückhaltung bei der Kritik geboten hätten, ist der Fall Timoschenko darüber hinaus auch sachlich völlig ungeeignet für eine solche Kritik, wie nachfolgend dargelegt wird.
 
5. Realer Hintergrund der Boykottankündigung gegen die Ukraine
 
Tatsächlich ging es den oben beispielhaft angegebenen westlichen Politikern ebenso wie zahlreichen hier unerwähnt gebliebenen Politikern und Medien, die zu einem Boykott aufriefen, mit ihrer Boykottankündigung gegen die Ukraine nur zur Show um Menschenrechte. Die BAZ hat aus der neutralen Schweiz dankenswerter Weise zutreffend darauf hingewiesen: Um Demokratie geht es nicht.
 
Natürlich geht es, da ist der BAZ zuzustimmen, weder um Demokratie noch um Menschenrechte. Tatsächlich geht es natürlich um etwas ganz anderes. Soweit die BAZ schreibt, es gehe um Macht und persönliche Eitelkeit, ist das zwar sicher vordergründig zutreffend, weil es auch um einen Streit zwischen den Clans verschiedener Oligarchen in der Ukraine geht. Aber auch das ist nicht die ganze Wahrheit.
 
Tatsächlich geht es um etwas ganz anderes, nämlich um die geopolitisch und geostrategisch wesentliche Frage, ob die Ukraine dem Einflussbereich des (im Zusammenbruch befindlichen) US-amerikanischen Imperiums einverleibt werden kann oder ob sie dem Einflussbereich Russlands zuzuordnen ist. Diese wichtige Frage erklärt das westliche Interesse an der Ukraine; das alberne Geschwätz westlicher Politiker von Demokratie und Menschenrechten ist nur ein primitives und leicht durchschaubares Ablenkungsmanöver.
 
Zu recht wurde darauf hingewiesen, dass Timoschenko in der Zeit nach der Auflösung der UdSSR in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts auf zwielichtige Weise in grossem Stil Vermögen angesammelt hat und zu den dubiosen Oligarchen gehörte, die sich auf unanständige Weise am ukrainischen Volksvermögen bereicherten. Nachdem Familie Timoschenko zunächst eine Videothek betrieben hatte, wurde sie innerhalb weniger Jahre zu einer der wichtigsten Adressen im Erdgasgeschäft in der Ukraine. Das für den Timoschenko-Clan einträgliche Geschäftsmodell bestand im Weiterverkauf von subventioniertem Gas aus Russland zu Weltmarktpreisen, also mit grossen Gewinnen. Die Verhältnisse waren in den 90er-Jahren in der Ukraine ähnlich wie in Russland, wo sich Oligarchen wie der rechtskräftig als Verbrecher verurteilte Mikhail Chodorkowski in ähnlicher Weise am russischen Volksvermögen bereichert haben. Zutreffend wird auch darauf hingewiesen, dass Timoschenko als Regierungschefin in den Jahren ab 2004 die Chance auf politische Reformen in Richtung Demokratie nicht genutzt hat und in ihrer Amtszeit auch nicht die Verhältnisse in den Gefängnissen gebessert wurden.
 
Tatsächlich ist es so, dass Timoschenko eine wichtige Rolle in den verrückten geopolitischen und geostrategischen Träumen der US-Regierung und anderer westlicher Regierungen spielte und wohl auch noch zukünftig spielen soll. Das allein ist der Grund für den Umstand, dass sich viele westliche Politiker und Medien für Timoschenko einsetzen, während die Verurteilung und Inhaftierung in der Ukraine selbst weniger kritisch gesehen wird. In der Ukraine herrscht überwiegend wohl eher die Auffassung, dass Timoschenko im Ergebnis zu recht inhaftiert ist, während andere Oligarchen mit vergleichbaren Geschäftsmodellen zu unrecht nicht verurteilt wurden.
 
Ein wichtiges politisches Ziel der US-Regierung liegt darin, nach der Auflösung der UdSSR eine politische Annäherung der Ukraine an Russland zu verhindern und die Ukraine dem US-Imperium einzuverleiben. Dies ist Teil der bizarren Träume der US-Elite und ihres aus Polen stammenden gefährlichen Vordenkers Zbigniew Brzezinski, die von den USA als einziger Weltmacht träumen. Diese bizarren Träume hat Brzezinski in seinem 1997 erschienenen und in englischer Sprache im Internet frei zugänglichen Werk „The Grand Chessboard“ entwickelt. Die Ukraine ist ein zentrales Spielfeld in dem eurasischen Schachbrett, wie Brzezinski in diesem Buch (je nach Ausgabe auf S. 24 oder auf S. 46) betont und näher begründet.
 
Washington verfolgt – verstärkt nach dem Zerfall der UdSSR – das Ziel, eine unipolare Welt unter amerikanischer Führung zu dominieren. Mit dem Zerfall der Sowjetunion schien dieser schon seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geträumte imperiale Traum der USA in greifbare Nähe gerückt zu sein. Um das Wiederaufleben einer russischen Grossmacht zu verhindern, destabilisierten die USA die Russische Föderation und die mit ihr sprachlich und kulturell nach wie vor verbundenen aber inzwischen unabhängig gewordenen, rohstoffreichen ehemaligen Sowjetrepubliken schon seit den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts, um sie aus der russischen Einflusssphäre heraus zu brechen und dem „amerikanischen Imperium" einzuverleiben. Russland sollte isoliert werden und schwach bleiben. Durch massive Unterstützung „bunter Revolutionen", insbesondere in der Ukraine und in Georgien, schien die neue Variante der alten amerikanischen Eindämmungspolitik aus den Zeiten des Kalten Krieges Erfolg versprechend zu sein. Bei der Ukraine geht es um Rohstoffe und die Schwarzmeerküste, deren Nutzung durch Russland verhindert werden soll.
 
Zur Unterstützung dieser Pläne haben US-Regierungsstellen über Nichtregierungsorganisationen die revolutionären Umtriebe in der Ukraine finanziell gesponsert, die unter dem Begriff der sogenannten Orangenen Revolution bekannt geworden sind. Auf der politischen Bühne positionierten sich 2004 mit westlicher Unterstützung die Oppositionsführer Wiktor Juschtschenko und Julija Timoschenko als Hoffnungsträger. 65 Millionen Dollar an US-Steuergeldern fliessen seit 2002 allein vom US-Aussenministerium für die Wahl in der Ukraine über die NED und die Parteistiftungen NDI und IRI. „Wir wissen nicht genau, wie viele Millionen oder Dutzende Millionen Dollar die Regierung der USA für die Präsidentenwahl in der Ukraine ausgegeben hat", bemängelte der republikanische Abgeordnete Ron Paul in Washington: „Aber wir wissen, dass der Grossteil des Geldes zur Unterstützung eines bestimmten Kandidaten gedacht war“ ‒ Wiktor Juschtschenko. Bei der Besetzung der Positionen des Staatspräsidenten und der Regierungschefin mit dem Duo Juschtschenko/Timoschenko in der Ukraine ging es den USA nicht um eine Demokratisierung der Ukraine im Interesse der dortigen Bevölkerung, sondern ausschliesslich um die Installation einer US-Vasallenregierung zur Durchsetzung der von Brzezinski entwickelten Grossmachtwahnideen.
 
Die USA kaschieren ihre Hegemoniebestrebungen mit der längst unglaubwürdig gewordenen Behauptung, Pluralität, Demokratie und Freiheit zu bringen, während sie tatsächlich lediglich ihre auf Vormachtstellung ausgerichteten unipolaren Interessen durchzusetzen und den rohstoffreichen Rivalen Russland als Machtfaktor auszuschalten versuchen.
 
6. US-„Demokratie“: In Wahrheit Plutokratie mit neofeudalistischen Strukturen
 
Was die US-Amerikaner bzw. vor allem ihre Führungsschicht unter Demokratie verstehen, hat in Wahrheit mit Demokratie nichts zu tun. In USA gibt es vielmehr eine Plutokratie, die den Staat beherrscht. Dies wurde bereits im Beitrag Perversitäten made in USA: Plutokratie statt Demokratie dargestellt.
 
Wer denkt, die USA würden von demokratisch gewählten Institutionen, insbesondere dem Senat, dem Kongress und dem Präsidenten regiert, liegt definitiv völlig falsch. Die USA werden von etwa 200 reichen Familien beherrscht, wie der deutsche Industrielle und Milliardär Arend Oetker im Jahr 2002 die Leser der Berliner Zeitung wissen liess.
 
Oetker, der von 2000 bis 2005 Vorsitzender des illustren Vereins Atlantik-Brücke e. V. war, teilte in der Berliner Zeitung vom 17. April 2002 folgende erhellende Erkenntnis zum Demokratiemodell US-amerikanischer Art mit: „Die USA wird von 200 Familien regiert und zu denen wollen wir gute Kontakte haben“. Auch der Regierungsstil in der BRD ähnelt dem Demokratiemodell in den USA, wie ein bekannter SPD-Politiker in der Sendung Deutschland deine Volksvertreter eingeräumt hat, indem er zugab, dass der Bundestag dazu da sei, das in Gesetzesform zu beschliessen, was anderswo vereinbart worden ist – gemeint waren Konferenzen der Trilateralen Kommission, Bilderberger-Konferenzen und Pläne der Atlantik-Brücke e. V. Der private Verein Atlantik-Brücke e. V. ist eine eng mit der US-Seilschaft „Council on Foreign Relations“ (CFR) und der von Rockefeller initiierten Trilateralen Kommission verbundene Organisation. Alle diese privaten Gruppierungen versuchen, an den gewählten politischen Institutionen vorbei im Weg eines Neofeudalismus bzw. einer Refeudalisierung der Gesellschaft politische Entscheidungen zugunsten einer selbst ernannten Elite durchzudrücken. Zu diesem Zweck werden Politiker aller wichtigen Parteien angeworben, d. h. durch das Angebot der Mitgliedschaft „eingekauft“, in der BRD z. B. neben Politikern der CDU (wie z. B. Friedrich Merz und der wegen der Verwicklung in die Parteispendenaffäre als Vorstand untragbar gewordene Walter Leisler-Kiep, Schwiegersohn des verurteilten Kriegsverbrechers Fritz ter Meer von der IG Farben) und der SPD (wie z. B. Christian Lange und Edelgard Bulmahn) auch Politiker der FDP (wie z. B. Alexander Graf Lambsdorf) und von Bündnis 90/Die Grünen (wie z. B. Omid Nouripour). Damit haben solche Seilschaften wie Atlantik-Brücke e. V. unabhängig von Wahlausgängen immer den gewünschten Einfluss, weil sie Zugriff auf Politiker aller wichtiger Parteien haben.
 
Eine solche Refeudalisierung haben auch Schweizer Forscher festgestellt. ETH-Forscher aus dem Bereich Systemdesign haben den globalen Kapitalismus mit den Methoden der modernen Systemtheorie unter die Lupe genommen. Ihr Schluss: Eine kleine Gruppe von 147 Firmen kontrolliert den Grossteil der übrigen Wirtschaft.
 
Es mag im geopolitischen und geostrategischen Interesse dieser etwa 200 reichen US-Familienclans liegen, ein solches Gesellschafts- und Regierungsmodell zur Sicherung der US-amerikanischen unipolaren Weltmachtträume in andere Staaten, insbesondere auch um den Rivalen Russland herum, zu exportieren. Die dortigen Bevölkerungen, insbesondere in Russland und der Ukraine, haben allerdings erkannt und trotz der aus dem Westen finanzierten Umtriebe durch die Wahlergebnisse in den letzten Wahlen gezeigt, dass sie dem Geschwätz aus dem Westen zu recht nicht trauen und sich von einem politischen System Marke USA, in dem mehr als 44 Millionen Bewohner und damit jeder 6. Bewohner nur durch Lebensmittelmarken existieren kann, keine Vorteile versprechen.
 
Der gefährliche Träumer Zbigniew Brzezinski ging in seinem 1997 erschienenen Werk „The Grand Chessboard“ davon aus, dass weltweit danach gestrebt werde, die vermeintlich modernen Errungenschaften der USA zu erreichen. Auf Seite 25 seines Buches spricht Brzezinski die kulturelle Vormachtstellung der USA an und glorifiziert die angeblich magnetische Wirkung und Attraktion amerikanischer Fernsehprogramme und Filme, amerikanischer Volksmusik, amerikanischer „Esskultur“ und amerikanischer Klamotten.
 
Ob der Träumer Brzezinski diesen in seinem Buch verbreiteten hanebüchenen Unsinn tatsächlich glaubt, soll hier dahingestellt bleiben. Tatsächlich scheinen allerdings Tag für Tag rund um den Globus immer mehr intelligente Personen zu erkennen, dass die von Brzezinski glorifizierte Lebensweise nach US-Art, die u. a. durch Junk Food und die vielen primitiven Hollywood-Serien gekennzeichnet ist, zur körperlichen Verfettung und zur geistigen Verblödung der Bevölkerung führt. Diese Dekadenz der Bewohner wird längerfristig, gerade auch in Verbindung mit dem Globalisierungswahn, zum Untergang des US-amerikanischen Imperiums einschliesslich seiner Vasallen führen, genau wie das römische Reich an der Dekadenz seiner Bürger gescheitert ist.
 
Auch die zum US-amerikanischen Imperium gehörenden europäischen Industriestaaten werden als Folge des Globalisierungswahns im weiteren Verlauf der Geschichte untergehen, sofern nicht die Politiker von sich aus oder auf Druck des Wahlvolks vom Globalisierungswahn wieder Abstand nehmen und die permanente wirtschaftliche Abwärtsspirale beenden. Im Gegensatz zum Geschwätz der Politiker im Westen bringt die Globalisierung dem dortigen Bürger keinen persönlichen Vorteil. Richtig ist zwar, dass er durch den Erwerb ausländischer Billigprodukte, z. B. Textilien aus Bangladesch, möglicherweise auf den ersten Blick günstiger einkaufen kann. Volkswirtschaftlich sind aber auch die Folgekosten des Globalisierungswahns einzukalkulieren, nämlich das zunehmende Lohndumping in den westlichen Industriestaaten, die zunehmende Arbeitslosigkeit dort, die nur durch miese Bilanzierungstricks noch verschleiert werden kann und die dadurch und die zunehmenden Sozialausgaben steigende Staatsverschuldung.
 
Die USA und andere westliche Staaten sind ein gutes Beispiel für den immer wieder in der Geschichte stattfindenden Untergang grosser Kulturen. Eine starke industrielle und finanzielle Basis gibt es in den USA, Grossbritannien und anderen westlichen Industriestaaten im Gegensatz zu früher nicht mehr oder kaum noch, und die Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern, Rohstofflieferanten, Herstellern und Spekulanten steigt rasant. Auch wenn mit auf Pump finanzierten Konjunkturprogrammen und verantwortungsloser Billigzinsstrategie versucht wird, die Wirtschaft wieder flott zu bekommen, wird das nicht gelingen, weil die ausländische Billigkonkurrenz übermächtig ist. Ähnlich wie in den USA sind auch in der BRD früher führende Industriebereiche und die dort vorhandenen Arbeitsplätze als Folge des Globalisierungswahns in Billiglohnländer verlagert worden.
 
Auch insoweit gilt die Aussage von Thilo Sarrazin. Deutschland schafft sich – ebenso wie die USA – längerfristig auch durch die Globalisierung ab.
 
Am Rande sei noch erwähnt, dass auch die westliche Einmischung in Syrien in Wahrheit nichts mit Demokratie und Menschenrechten zu tun hat. Auch Syrien spielt aufgrund seiner geographischen Lage eine wesentliche Rolle auf dem eurasischen Schachbrett der geostrategischen Träumer wie Brzezinski und seine Anhänger. Deswegen und nicht wegen der Freiheit der dortigen Bevölkerung unterstützen die USA auch hier die Umtriebe der Gegner von Assad mit Waffen und Geld und versuchen die gegenwärtige Regierung zu destabilisieren. Zudem geht es auch hier darum, den Einfluss Chinas und Russlands in Syrien zu minimieren und auch dieses Spielfeld auf dem eurasischen Schachbrett dem US-Einfluss zu unterstellen.
 
 
Quellenangaben
 
Zu 1.:
 
 
 
 
 
 
Zu 2.:
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Zu 3.:
 
 
 
 
Zu 4.:
 
 
 
 
 
 
 
 
Zu 5.:
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Zu 6.:
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Hinweis auf einen Textatelier.com-Reisebericht über die Ukraine (1994)
 
 
Hinweis auf weitere Blogs über die Ukraine
28.12.2004: Die Ukrainer sind tatsächlich stark
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