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BLOG vom 14.07.2012


Soziale Unterschiede in England: Die armen Schlucker
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
In den Grossstädten darben viele arme Schlucker. Die Leute übersehen sie, gehen rasch an ihnen vorbei. Nicht so meine Frau. Sie hält inne und klaubt eine Münze aus der Tasche und gibt sie einem Bettler, besonders Bettlerinnen mit Kleinkind auf dem Arm. Das gehört zur persischen Tradition. Ich selbst bin diesbezüglich zurückhaltender. Meine Almosen schenke ich vorwiegend den Strassenmusikanten. Viele Einwanderer aus Osteuropa, worunter die Rumänen, haben ihre eigenen lukrativen Bettelstrategien entwickelt und richten ihre Kinder aufs Betteln ab. Viele von ihnen gelten als wohlhabende Bettler. Sie verdienen oft viel mehr als ein Arbeiter. Sie wissen auch, wie sie am leichtesten die öffentliche Wohlfahrt anzapfen können. Ich flechte nachstehend abwechslungshalber einen Vers ein – eines poetisch veranlagten Bettlers: 
Der arme Schlucker
Flach sind die wenigen Münzen
Wiegen leicht in der Bettlermütze
Der Hund döst neben dem Bettler
Nacht naht als des Tages Retter
Rasch gezählt sind die Almosen
Im Rinnstein fand er zwei Rosen
Eine für ihn, eine für den Hund
Die Poesie tat sich in ihm kund.
E.B. 
Doch das Bettlerdasein lässt sich weder beschönigen noch rühmen. Jetzt, im Hinblick auf die Olympischen Spiele, werden sie von der Strasse aufgelesen und vorübergehend in Notunterkünfte eingewiesen. Der Tourist soll einen guten Eindruck von London bewahren.
 
Viele Familien sind ebenfalls bettelarm geworden. Ausgerechnet während der von Banken inszenierten und beschleunigten Wirtschaftskrise werden Familienzulagen und andere staatliche Zuschüsse beschnitten. Eine Glanzidee, wiederum aus den USA, wird ernstlich geprüft: Warum diese Familien nicht mit Gutscheinen für Nahrungsmittel abspeisen? Das finde ich entwürdigend Familien gegenüber, die sich alle Mühe geben, um ihre Kinder redlich zu ernähren und zu kleiden, wobei sie sich das Geld vom Mund absparen. Ich frage mich auch, wie viel der Zuwendungen an die unzähligen Wohlfahrtsorganisation, nach Abzug der hohen administrativen Kosten, für die Bedürftigen übrigbleiben.
 
Der Libor-Skandal hat die allgemein phlegmatischen Engländer aufgerüttelt. Scharenweise ziehen sie ihr Geld aus den Grossbanken und lagern es in genossenschaftlichen Banken ein, wie etwa von den Building Societies betrieben. Der CEO (Geschäftsführer) von Barclays heisst ausgerechnet Mr. Diamond und ist amerikanischer Herkunft. Er wird mit Samthandschuhen angefasst, nachdem er grossherzig auf seinen Riesenbonus verzichtet hat, aber dennoch mit einer saftigen Abfindung, inklusive Aktien und Pension, weiterhin auf feudal grossem Fuss von seinem angehäuften Vermögen leben kann. Die Schalterbeamten werden karg entlöhnt.
 
Gegenwärtig wird von den Politikern erörtert, ob das Investment Banking vom Retail/Personal Banking getrennt werden sollte, um dem havarierten Ruf der Grossbanken aufzuhelfen. Ausserdem sollten sie sich auch von einem Teil ihrer Filialen trennen, damit kleinere neue Banken mithalten können. Das wiederum kann ein Grossgeschäft für diese Grossbanken werden, die schon mehr und mehr ihrer Filialen schliessen, dabei von steigenden Immobilienwerten profitieren und Personalkosten drastisch senken. Bis das alles gesetzlich, wohl zum Wohl der Nutzniesser verankert ist, wird darüber langatmig debattiert; die Entscheidungen werden verwässert und auf die lange Bank geschoben. Ja, die Polypenarme dieser Banken sind lang, saugkräftig und raffgierig … Nach wie vor.
*
Zu den armen Schluckern zählen nicht nur die Bettler, sondern besonders auch die Kinder, wie die Kinderarmut hierzulande hochschnellt, nicht zu übersehen auch, wie alte Leute in Altersheimen entwürdigend, ja brutal, behandelt werden.
 
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