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BLOG vom 31.07.2012


Spannweite der Emotionen: Die Hoffnungen behalten
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Emotionen können uns bald zutiefst quälen, bald ekstatischen Jubel auslösen. Diesen Kontrast zwischen 2 Extremen hat Johann Wolfgang von Goethe so ausgedrückt: 
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Freudvoll
Hangen
Und bangen
in schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
zum Tode betrübt -
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.
 
Liebesleid und Liebesglück erfahren wohl die meisten Menschen im Verlauf des Lebens mehr oder weniger intensiv, je nach Temperament. Dazwischen gibt es viele emotionelle Variationen, wohl am eindrücklichsten in den Symphonien von Ludwig van Beethoven verewigt. Die Weltliteratur widerspiegelt üppig das Spektrum und die Dynamik der Liebesregungen durch alle Zeiten. Diese sind universal verständlich und uns allen zugänglich. Sie bedingt nur eines: die Seele.
*
Dissonanzen – gegenläufige Tendenzen – werfen Hindernisse auf, die es zu überwinden gilt. Wem das gelingt, gewinnt neue verbindende Symbiosen. Was uns à priori als unvereinbar erscheint, wird zum Brückenschlag zu ungewohnten Harmonien. In der Musik befremden sie zuerst das Ohr – sei es eine seltsame Tonfolge und Zusammenklang oder ein Rhythmus. Klänge übertreffen Worte. Das Ohr ist unser aufnahmefähigstes Instrument. Aus dem Torment (Qual) öffnet sich ein Himmelstor. Beethoven ist dieser Durchbruch gelungen, als er sein Gehör verlor. Sein inneres Ohr hat seine Ohnmacht bezwungen. Daraus entwuchs eine neue musikalische Sprache, zeitgemäss bis heute.
 
Der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim hat mit seinem völkerbindenden Orchester – West-Eastern Divan Orchestra – von jungen Instrumentalisten aus Israel, Palästina und dem Nahen Osten ein Medium der Verständigung geschaffen. Der Name des Orchesters beruft sich auf Goethes „West-östlicher Divan“. Eine Utopie oder eine Fackel der Hoffnung für das friedliche Zusammenwirken zwischen Völkern?
*
Wie lässt sich dieser Kontrapunkt ins Alltagsleben einschleusen? Ringsum lassen sich die Raffgier, der Hass und der Neid, in extremen Materialismus eingemauert, erkennen, aber bei Weitem nicht ausschliesslich. Güte, Mitgefühl und Verständnis, unter anderen wohltuenden Regungen, bestehen weiterhin. Es ist das luftige Gewebe der Emotionen.
 
Ist das Wort Nächstenliebe zu hoch gegriffen? Bleibe uns die Hoffnung erhalten. Erneuere sich diese Hoffnung von Generation zu Generation und zwischen Generationen. Es wäre defätistisch, den Hoffnungsglauben aufzugeben.
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
 
 
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