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BLOG vom 04.08.2012


Lyrische Gedanken über die Unschuldigen in Gefängnissen
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Es gibt sie in vielen Ländern der Erde. In diesen Gefängnissen sitzen nur Unschuldige ein. Es sind Gefangene aller Altersstufen, oft Kinder, aber auch Alte. Es ist ihr Schicksal. Die Gefangenen bekommen Besuch, um den sie nicht gefragt haben. Ein direkter Kontakt zu den Besuchern ist verboten. Das Publikum dringt in die Intimsphäre der Gefangenen ein. Sogar die Notdurft muss oft vor dessen Augen verrichtet werden.
 
Viele Gefangenen haben Einzelhaft. Sie leiden darunter und hospitalisieren. Meistens sind die Zellen und Unterkünfte zu klein und zu eng. Es gibt kaum Abwechslung. Das hat auch Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der Einsitzenden, weil sie zu wenig Bewegung bekommen. Oft können sie immer nur von einer Wand der Zelle zur anderen laufen. Die Fenster sind vergittert. Ein Besucher hat einmal ein Gedicht darüber geschrieben:
 „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.“
 
Einige werden auch gezwungen, Nachwuchs zu zeugen. Häufig wird ihnen der Nachwuchs kurz nach der Geburt abgenommen. Die Gefängnisdirektoren sind dann ganz stolz, und die Medien berichten über das Ereignis, besonders wenn es einmalige Babys sind. Die Kinder werden aber nicht in die Freiheit entlassen, sondern landen ebenfalls im Gefängnis.
 
Das Essen ist oft miserabel, weil es nicht viel kosten darf und deshalb sehr eintönig ist. Es entspricht nicht immer dem, was die Gefangenen vor ihrer Gefangennahme in der Freiheit zu sich genommen haben. Es kommt vor, dass die Gefangenen Kunststücke vorführen müssen, um überhaupt Nahrung zu bekommen.
 
Es findet keine Gerichtsverhandlung vor der Gefängnisstrafe statt. Einmal gefangen, gibt es keine Chance mehr, in Freiheit entlassen zu werden. Manche Gefangene werden auf dem Sklavenhandel gekauft, nach dem sie aus ihrem natürlichen Wohnbereich herausgerissen worden sind. Die Gefängniswärter verstehen die Sprache der Gefangenen nicht. Die Gefängnisverwaltung erhält viel Geld vom Publikum, das für die Besuche bezahlen muss.
 
Wenn ein Gefangener einmal sein Gefängnis überwindet, wird er gnadenlos gejagt. Der Kontakt mit anderen Gefangenen wird oft nicht ermöglicht. Nur ab und zu müssen sie sich eine Unterkunft mit anderen teilen. Die Gefängnisse beherbergen Gefangene aus der ganzen Welt. Manchmal werden Gefangene aus verschiedenen Kontinenten in eine Unterkunft gesteckt. Bei jedem Wetter werden sie gnadenlos nach draussen geschickt, damit das Publikum sich an ihnen ergötzen kann.
 
Es kommt vor, dass einzelne Gefangene so frustriert sind, dass sie ihren Gefängniswärter angreifen. Ab und zu werden sie dafür getötet. Das Publikum wirft den Gefangenen Essbares in die Unterkunft. Oft ist es nicht geniessbar und fault vor sich hin, manchmal ist es auch Plastik. Es kommt vor, dass Gefangene das Zugeworfene schlucken und daran elend zu Grunde gehen.
 
Die Unterkunft und der Publikumsbereich sind vielfach durch eine Mauer, Glas oder Gitter getrennt, es gibt auch Gefängnisinseln in kleinen Seen. Direkten Kontakt gibt es so gut wie nie. Nur in der Nacht ist es einigermassen Ruhe, am Tag ist immer Lärm. Oft bringt das Publikum Kameras mit, die Gefangenen werden fotografiert, ohne es zu wollen oder verhindern zu können.
 
Die Gefangenen werden meistens bis zu ihrem Lebensende eingesperrt. Die Gefängnisverwaltung ist der Meinung, die Gefangenen seien nicht mehr fähig, in Freiheit zu leben. Psychische Krankheiten werden nicht behandelt, körperliche nur dann, wenn sie sichtbar sind. Den Gefängnisdirektor sehen die Gefangenen nie. Fast alle Gefangenen leiden unter Langeweile. Beschäftigungstherapie bekommen nur wenige.
 
Ein anderer Besucher hat über eine Gefängnisinsassin diese Zeilen geschrieben: 
„Sie war doch sonst ein wildes Blut
Nun geht sie tief in Sinnen,
Trägt in der Hand den Sommerhut
Und duldet still der Sonne Glut
Und weiss nicht, was beginnen.“
 
Für das Publikum ist es ein Vergnügen, die Gefangenen zu besichtigen. An sonnigen Tagen in Gefängnisse mit Zellen, die von den Wegen aus eingesehen werden oder an Regentagen in die Gefängnisse, die wie Vorstädte nur aus Betonbauten bestehen, strömen sie in Scharen. Neben den Gefangenenunterkünften gibt es Imbissbuden und Restaurants, in denen sich die Leute von der Anstrengung erholen können. Im gesamten Gefängnistrakt, immer sind es grössere Ghettos, bestehend aus vielen Einzelgefängnissen, dürfen nur die Wärter mit dem Auto fahren, die Besucher müssen zu Fuss gehen oder werden in Rollstühlen, die Kinder in Kinderwagen, gefahren.
 
Manche Besucher wollen mit den Gefangenen Kontakt aufnehmen, was diese aber ablehnen oder nicht dürfen. Oft sind die Besucher laut und stören die Ruhe der Einsitzenden, wenn diese schlafen wollen, weil sie eher des Nachts aktiv sein wollen. Wenn es möglich ist, verstecken sich die Gefangenen, weil sie die Besuche als störend empfinden. Das mögen die Gefängnisdirektoren aber nicht, weil die Besucher protestieren, sie wollen schliesslich für ihre Geld Gefangene sehen.
 
Die Besucher drängen sich vor den Gefängniszellen, in denen Gefangene einsitzen, die aus den Besuchern unbekannten Gegenden kommen, und die ihnen fremde Gebräuche und Verhaltensweisen haben. Sie suchen auch die Bereiche von Gefangenen auf, deren Verhalten sie belustigt, weil sie darin Ähnlichkeiten mit ihrem eigenen Verhalten erkennen wollen. Diese Gefangenen leiden besonders, weil sie dem Dauerlärm der Besucher ausgesetzt sind und keine Ruhe finden.
 
Nur selten gibt es sensible Besucher, die Mitleid mit den Gefangenen empfinden.
 
Ein Besucher schrieb in einem Gedicht die folgenden Zeilen:
„Er schien so klug sich in sein Los zu schicken,
doch konnte ich in seinem Innern lesen.
Und andre sah ich mit verwandten Mienen
und andre rastlos hinter starren Gittern  -
und wunder Liebe fühlt ich mich erzittern,
und meine Seele wurde eins mit ihnen.“ 
 
Ein anderer Beobachter beschrieb sein Empfinden so: 
Lauscht ihr Ohr nach allen Seiten,
Sucht nach wild vertrauten Tönen.

Da sie von uns weiter schreiten,
Träumt in ihren stillen, schönen
Augen etwas, was erschüttert,
Hoheit. So, als ob sie wüssten,
Dass nicht Menschen, sondern dass ein
Schicksal sie jetzt anders füttert.
 
Es gibt eine Reihe von Initiativen und Vereinen, die sich dafür einsetzen, dass diese Gefängnisse geschlossen werden, bisher ohne Erfolg. Die Gefängnisdirektoren werden aber verpflichtet, mehr für ihre Gefangenen zu tun, und ab und zu genehmigen sie ihnen grössere Aufenthaltsräume und Zellen.
 
Solange die Besucher in die Gefängnisse strömen, gibt es keine Chance, dass sie eines Tages geschlossen werden. Die Einsitzenden werden weiter vor sich hin vegetieren, Tag für Tag, Jahr für Jahr.
 
Quellen der zitierten Reihenfolge
Rainer Maria Rilke: „Der Panther“.
Theodor Storm: „Die Nachtigall“.
Christian Morgenstern: „Mensch und Tier“.
Joachim Ringelnatz: „Giraffen im Zoo“.
 
Hinweis auf einen weiteren Bericht über einen Zoologischen Garten
 
 
 
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