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BLOG vom 08.08.2012


Savoyen 3: Verplanter Mittagsrummel auf der Aiguille du Midi
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Zum Besteigen eines Bergs, der den Namen verdient, braucht es mindestens ein Bergseil. Doch Wanderungen und Kraxlereien im unwegsamen Gebiet, Steinhauerarbeit an den Felsen und dergleichen Aktionen, die man unter dem Begriff Klettern zusammenfasst, sind für eine Minderheit zugänglich, die es auf die Überwindung von Hindernissen unter Lebensgefahr geradezu abgesehen hat. Ich bewundere sie; mein militärbedingtes Hochgebirgstraining im Rätikon-Gebirge ist Schnee (kein Kunstschnee) von gestern (und meine damalige Kondition auch).
 
Wohlhabende Bequeme liessen sich früher in einer Sänfte auf die Berge tragen – in einer Art Kiste, die an 2 Tragstangen befestigt war. Die Idee wurde zu Gondelbahnen weiterentwickelt, wobei auch Wäscheleinen gewisse Impulse beigesteuert haben mögen. Daraus lässt sich erkennen, dass es auch in solchen Fällen Seile braucht, sogar besonders robuste.
 
Auf den Mont-Blanc (4810 m ü. M.) führt keine solche Leine, dafür auf den benachbarten Aussichtsberg Aiguille du Midi (3842 m), was meiner Ansicht nach Spitze des Mittags oder des Südens heissen kann. Der hohe Berg legt inmitten des Mont-Blanc-Massivs ein gewaltiges Alpenpanorama frei. Die Talstation der Seilbahn, ortsüblich Télépherique de l'Aiguille du Midi geheissen, befindet sich in Chamonix, etwa 10 Fussgänger-Minuten in südwestlicher Richtung vom Bahnhof entfernt.
 
Gestärkt für die Warteschlange
Im Hotel „Mercure“ hatten wir aus dem Petit Déjeuner ein Grand Déjeuner gemacht, allerdings ohne den für solche Fälle unabdingbaren Wein. Gemütlich nahmen wir uns einer schmackhaften, knackigen Variante von Weisswürsten, den Eierspeisen wie Rührei und Crèpes, frisch zubereiteten Waffeln, Käse, Trockenfleisch und dem übrigen Sortiment an, das zu einem normalen Frühstück gehört, das sich zum Hotelstandard entwickelt hat und tagesfüllend Kalorien abgeben soll: portionierte Konfitüre, ebensolche Butter, Brot, Müesli-Zubehör, Kaffee, Tee, Fruchsäfte, die aus der Tüte kamen. Die Croissants schienen mir betont butterfettig zu sein – wie übrigens auch andernorts in Frankreich. So wurde es gut 9.30 Uhr, bis wir nach einem gemütlichen Spaziergang die Talstation der Aiguille-du-Midi-Bahn erreicht hatten (http://www.compagniedumontblanc.fr/).
 
Wir wunderten uns nicht schlecht, als wir ansehen mussten, dass vor den Abfertigungsschaltern eine internationalisierte Volksversammlung in Warteposition verharrte – und das geschah wiederum zwischen Seilen, die als Leitplanken dienten und das Touristenverkehrsaufkommen auf einen Weg mit dem Verlauf, wie er von den Lagen eines Blätterteigs bekannt ist, kanalisierten. Wir schlossen uns hinten an, rückten die Sonnenhüte zurecht und erachteten den Tag irgendwie als gelaufen. Eine Ausweichroute war nicht auszumachen. Also zirkulierten wir als Kolonnenbestandteil hin und her, Schritt für Schritt, stockend, näherten uns entschleunigt dem Betriebsgebäude, das wir immerhin in gut einer halben Stunde erreichten (10:11 Uhr, laut Billetaufdruck). Die Direttissima hätte etwa 25 m betragen.
 
Kabine 34
Da wir von der gut gelaunten Kassiererin sofort als erwachsen eingestuft wurden, hatten wir pro Person 45.60 Euro zu bezahlen. Dafür erhielten wir Retourbillets für die Kabine 34, die ihren Höhenflug um 11:40 Uhr antreten würde, also in etwa 1,5 Stunden. Wir klapperten zum Zeitvertreib den Kiosk und den nahegelegenen Dorfteil ab, der sein Angebot exakt auf wartende Touristen ausgerichtet hatte. Inzwischen zeigte eine Leuchtschrifttafel an der Fassade der Talstation an, dass bereits die Kabine 28 mit Berggängern vollgestopft wurde. Bis zur Zwischenstation Plan d’Aiguille dauert die Fahrt 8 Minuten. Hinzu kommt noch die Zeit fürs Aus- und Einsteigen. Ich hütete mich der guten Laune zuliebe, kopfrechnerisch tätig zu werden und den Zeitbedarf für die Kabinen 28 bis 34 hochzurechnen.
 
Die Bergfahrt
Um 11:40 Uhr waren wir tatsächlich an der Reihe, erwischten einen Stehplatz bei einem offenen Oberfenster. Inder, Japaner und Chinesen gaben aufgeregte Laute von sich, gruppierten sich ebenfalls an guten Aussichtspositionen, fügten sich unterwürfig ins Sardinenbüchsen-Erlebnis. Eine Vorahnung auf das, was passiert, wenn die Weltbevölkerung weiterwächst. Die Schiebtüren wurden geschlossen, und die Kabine, die 34 hiess, schwebte schaukelnd dem Gebirgshang entgegen, an einem kilometerlangen, durchhängenden Seil baumelnd. Der Blick ins Tal von Chamonix weitete sich zunehmend. Die Vegetationsstufen unter uns änderten vom Wald bis zur Heidelandschaft mit ihren wetterfesten Sträuchern, bis dann auch diese keine Überlebenschancen mehr hatten und dem ewigen Schnee, der gerade einem Kampf um seine Ewigkeit führt, Platz machen mussten.
 
Der Flug der Seilbahnkabine erfolgt manchmal bis 500 m hoch über dem Boden, ein Tanz auf dem Hochseil. Der Bossonsgletscher, der am Mont-Blanc entspringt und den wir am Vortag beim Dinieren vor uns sahen, wurde rechterhand zum ständigen, sich mit zunehmender Höhe verbreiternden Begleiter. Das Warten auf diese Auffahrt hatte sich gelohnt.
 
Plötzlich überfuhr die Gondel der Drahtseilbahn die erste hohe Stütze – mit einem Ruck nach oben, dann sogleich nach unten. Ein Geschrei aus einer Mischung von Vergnügen und Schrecken im asiatischen Sound erfüllte die Kabine, welche den akustischen Ausbruch mit ein paar zusätzlichen Schaukelbewegungen belohnte. Bei weiteren Masten wiederholte sich das Spektakel in der Téléphérique, wie in jeder Saison seit 1955, als die Schwebebahn eröffnet wurde. Nachdem die Mittelstation an der Plan de l'Aiguille (2310 m) und dann auch die obere der beiden Seilbahnsektionen überwunden waren, wurden die Sardinen auf der Bergstation von einem Bahnangestellten, der zum Büchsenöffner ausgebildet war, befreit. Alle hatten überlebt.
 
Sicht der Superlative
Sie schwärmten voller Ungeduld aus, um die Aussicht zu erleben, die als die schönste gilt, die man nach einer Schwebebahnfahrt auf den Alpen gewinnen kann – 2800 m über Chamonix. Das sei der „absolute Superlativ unter den Aussichtsbergen“, las ich im Buch „Die schönsten Pässe und Höhenstrassen der Alpen“; die Aussicht sei „einfach konkurrenzlos“. Dazu leistet natürlich die extreme Höhe mit der hier vorhandenen Gletscherwelt ihren Beitrag. Man kann von hier aus die Nordseite des Mont-Blanc-Massivs mit seinen Gletschern überblicken, den Blick bis in die Walliser und Berner Alpen schweifen lassen. Und man wird animiert, die von der Mittagsspitze über die Gletscher hinweg fliegende Seilbahn zum Col du Géant (Colle del Gigante, 3369 m) zu besteigen. Auf diesen wiederum führt eine Seilbahn von La Palud (bei Courmayeur) hinauf – eine ausgesprochen kühne alpine Schwebebahnverbindung im Grenzbereich Frankreich/Italien ... aber man kann wohl nicht alles haben.
 
Das Panorama ist tatsächlich umwerfend, weshalb überall Sicherheitsabschrankungen angebracht sind. An unserem Reisetag, dem 26.07.2012, war die Wetterlage schlichtweg ideal. Wir fühlten uns im Himmel aus Eis- und Felsklotzkaskaden, schwer zugänglich, aber traumhaft schön. Das Elysium der Oberwelt.
 
Der Gipfelbereich der Mittagsspitze, wie ich sie zu nennen wage, ist touristisch total erschlossen. Dabei habe ich nicht den Mut, von einem kommerzialisierten Rummelplatz zu sprechen, weil ich durch mein eigenes Verhalten die Gebirgsidyllen ebenfalls zu stören pflege und mit meinen Kostenbeiträgen die Alpenerschliessung mitfinanziere und fördere.
 
Eva und ich stiegen von Aussichtsplattform zu Aussichtsplattform; in der dünnen Luft war die Sauerstoffbeschaffung etwas schwieriger. Mir hat es der Pilon Sud sehr angetan, ein schlankes, hochaufragendes Steindenkmal, das an einer Seite an der Midispitze zu kleben scheint und als grossartiger Vordergrund für Landschaftsaufnahmen dient – gleich neben den Kolossen Arête de Rochefort (4001 m) und Dent de Géant (4012 m) und neben dem Géantgletscher.
 
Der Aussichtsberg Aiguille du Midi hat 2 total erschlossene Spitzen, die unterhalb der Kulminationspunkte mit einer Brücke verbunden sind. Zum höchsten Aussichtpunkt, der Terrasse Piton Central (3842 m) mit Direktblick auf den Mont-Blanc, führt ein Lift, der an unserem Besuchstag pannenhalber ausser Betrieb war.
 
Die Talfahrt
Die Zeit da oben war ohnehin knapp. An touristischen Grosskampftagen muss logischerweise nicht allein die Bergfahrt streng geplant werden, sondern auch die Talfahrt. Die Kabinen müssen vollgestopft sein. Die freundlichen Seilbahnangestellten hattenuns ehemaligen Insassen der Kabine 34 bloss 80 Minuten für den Aufenthalt auf der Aiguille du Midi eingeräumt. Alsdann mussten wir mit der Kabine 8 zurückfahren. Wir tankten vorher noch gierig von der Höhensonne.
 
Endlich fand alles in umgekehrter Richtung noch einmal statt. Es ging bergab, zurück ins lange Tal von Chamonix, in dem man 600 km beschilderte Wanderwege finden kann. So könnte man beispielsweise in 2,5 Stunden am Wasserfall des Dard vorbei auf die Station Plan de l’Aiguille hinaufwandern. Die Möglichkeiten sind beinahe unbegrenzt – allein oder als Seilschaft, mit oder ohne Seil. Man muss sich beschränken und auch im Hochgebirge nicht ein Seil durch ein Nadelöhr ziehen wollen, besonders in der späteren Lebensphase.
 
Hinweis auf die vorangegangenen Syvoyen-Blogs
06.08.2012: Savoyen 2: Chamonix – die vermasste, einst mondäne Welt
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