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BLOG vom 20.08.2012


Material- und Völkerwanderungen: Zünseln im Ungewissen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Unter dem Begriff Ökologie versteht man die Lehre von den wechselseitigen Beziehungen aller Arten von Lebewesen und ihrer Umwelt. Man weiss inzwischen, dass alle belebten und (vermeintlich) unbelebten Komponenten mit ihrer Umgebung verknüpft sind und sich daraus eine Funktionseinheit bildet, die sich immer wieder den neuen Gegebenheiten anpasst.
 
Im Rahmen des erdumspannenden Menschen-, Pflanzen-, Tier- und Güterverkehrs werden die Systeme arg durcheinander geschüttelt. Arten werden von einem Land und von einem Kontinent zu anderen verschleppt und müssen am neuen Ort eine ökologische Nische finden. Bei der wanderfreudigen Menschheit – vor allem sind es Kriege und davon ausgelöste Miseren wie Arbeitslosigkeit und Armut, die zur Flucht zwingen – ist es nicht anders.
 
Ursachen der Wanderbewegungen
Für Neuankömmlinge (Neophyten) müssen im Wesentlichen 2 Dinge vorhanden sein: Hinreichend Raum für den Nestbau und für die Vermehrung genügend Futter, das zum Beispiel durch einen skrupellosen Beutefang (Sammelklagen, Millionenstrafen, Bank-CD-Handel) beschafft werden kann. Menschen brauchen eine Wohnung und einen Arbeitsplatz, der ihnen das Einkommen für Futterzukäufe gewährleistet. Unter solchen Umständen kann es zu gravierenden Verteilungskämpfen kommen, wenn sich zu viele Individuen auf einen bestimmten, attraktiven Ort kaprizieren. Gegebenenfalls werden angestammte Einwohner verdrängt und gezwungen, sich anderweitig zu behaupten, was am neuen Ort wiederum für Unruhe zu sorgt. Ähnliche Abläufe ergeben sich auch im grossen Stil, zum Beispiel, wenn Staaten ihren Rohstoffhunger befriedigen wollen, wie etwa das schurkenhafte US-Amerika, das nicht davor zurückschreckt, zu diesem Zwecke verheerenden Kriege loszutreten.
 
Aggressive Mächte oder Individuen, die mehr Stärke in die Waagschale werfen können, sind vorerst im Vorteil, indem sie Konkurrenten vertreiben oder vernichten, bis sich neue vorläufige Gleichgewichte, die immer labil sind, eingestellt haben und die Aggressoren bedrängen. Im Verlaufe der Sukzession (= Aufeinanderfolge der sich an einem Ort ablösenden Individuen) entwickelt jedes Habitat (also der Wohnplatz oder Standort) zunehmend kompliziertere Strukturen, weil sich immer mehr und stärkere Individuen hinzugesellen. Und dazu kommen die Wechselwirkungen zwischen den sich bedrängenden und den einander verdrängenden Ökosystemen, woraus wieder neue Organisationsformen herauswachsen.
 
Buchsbaumzünsler-Einwanderung
Solche Gedanken stellen sich ein, wenn man eine Zeitungsmeldung wie diese liest: „Gebietsfremde Tiere richten grosse Schäden an“ („Aargauer Zeitung“ vom 24.07.2012). Darin war die Schreibe u. a. vom Asiatischen Marienkäfer und vom Buchsbaumzünsler, die grosse Veränderungen herbeiführen, die aus menschlicher Sicht als Schäden in Erscheinung treten. Auch wurde der Asiatische Laubholzbockkäfer erwähnt, der in vielen Farbvarianten mit Gespür für einen attraktiven Auftritt daher kommt, und der – um nur ein einziges Beispiel zu nennen – die Stadt Winterthur zwang, eine ganze Allee aus Bergahorn-Bäumen zu fällen.
 
Man erinnert sich bei solchen Gelegenheiten ungern an die Reblaus als verhängnisvoller Rebbauschädling. Diese Abwandlung unserer ansässigen und allgemein beliebten Blattlaus (wertvolles Marienkäfer-Futter) wurde in den1860er-Jahren aus der Ostküste der USA nach Europa eingeschleppt, wodurch einige Millionen Hektaren Rebfläche vernichtet wurden. Seither müssen widerstandsfähige Unterlagsreben eingesetzt werden, ein Riesenaufwand. Direktträger wären vorzuziehen (wie das etwa in Chile noch möglich ist, weil die klimatischen Bedingungen an den Anden verschiedenen Rebschädlingen unzuträglich sind; die Weine haben eine entsprechend hohe Qualität).
 
Viele invasive (hineinwuchernde) Pflanzen wurden durch geschäftstüchtige Gartencenters eingeschleppt. Man nennt deren Verkaufsschlager Neophyten (= neue Pflanzen). Zuerst einmal beleben sie den Garten durch auffällige Farben und Formen. Bald vermehren sie sich unkontrolliert und verdrängen einheimische, angepasste Pflanzen zusammen mit allen Tieren, die auf sie angewiesen wären. So wird eine Art ökologisches Desaster angerichtet. Manchmal werden die Samen auch auf anderen Wegen als über den Handel verschleppt, zum Beispiel durch den unbeabsichtigten Transport mit seinen globalen Dimensionen. Zu den Neophyten gehören der Riesenbärenklau (Heracleum giganteum), die Goldrute (Solidago canadensis), der Sommerflieder (Buddleja davidii) – ich habe in den vergangenen Wochen eine solche Pflanze am Rande meines Grundstücks ausgebuddelt – und das Berufskraut (Erigeron).
 
Gefrässige Raupen des Buchsbaumzünslers
Das momentane Paradestück sind aus meiner persönlichen Erfahrung heraus unsere Buchsbäumchen, deren Herkunft ich im Blog vom 17.02.2009 (Eppenberg SO: Die verträumte Rodungsinsel auf dem Podest) beschrieben habe. Wunderschön gezeichnete, leuchtend grüne Raupen des Buchsbaumzünslers, die auf der ganzen Länge mit schwarzen Doppelpunkten geschmückt sind und die wie Augenpaare in Reihen aussehen, kletterten auf unseren Buchsbäumen herum, wahrscheinlich ebenfalls ein Geschenk des internationalen Pflanzenhandels, der gern auch die entsprechenden Bekämpfungsmittel verkauft. Sollte es tatsächlich Importe von Buchsbaumpflanzen gegeben haben, würde mich schon interessieren, warum wir solche Jungpflanzen, die ja kinderleicht zu vermehren sind, aus Fernost herankarren müssen. Möglicherweise ist der Zünslers aber auch unbeabsichtigt verschleppt worden – oder auf beiden Wegen. Schlecht ernährte und damit geschwächte Sträucher sind anfälliger für den Raupenfrass – Buchsbäume sollten mit Kompost versorgt und damit genährt werden.
 
Der Buchsbaumzünsler, ein Falter, ist sehr beweglich und kann den Lebensraum seiner Nachkommenschaft sozusagen beliebig ausweiten. Natürliche Feinde hat der Eindringling bei uns nicht – er hat das Sagen. Vögeln wird es kotzübel, wenn sie sich irrtümlicherweise an solchen Raupen vergreifen, zumal das in der Buchsbaumrinde enthaltene Alkaloid Cyclobuxin Erbrechen und Durchfall auslösen kann. Ähnliche Erscheinungen können auch den Gartenfreund befallen, der Pyrethrum-haltige Spritzmittel (siehe unten) aus Versehen appliziert erhält.
 
Viele der Buchsbaumblättchen sind von den Raupen mit ihren messerscharfen Beisswerkzeugen bis aufs Gerippe entblösst, und die Pflanzen verfärben sich vom dunklen Grün zu einem Hellbraun bis Hellgrau, je nach Befallsintensität. Auch die grüne Rinde um die Zweige gehört zu den Lieblingsspeisen der gefrässigen Raupen. Die befallenen Pflanzenteile sind in ein wirres Gespinst wie in ein durchscheinendes Leichentuch eingewickelt, in dem auch helle Kotkrümel aufbewahrt sind. Am Ende sterben die derart malträtierten Pflanzen ab; sie haben diese Belästigungen satt.
 
Wir haben sie im eigenen Gärten abgesägt und verbrannt, einige zurückgeschnitten; das Holz ist sehr hart, wurde früher für Druckstöcke und anderes wie Drechslerarbeiten und Intarsien verwendet. Eine chemische Vergiftung kommt in meinem Garten nicht in Frage, weil sonst auch die Vögel betroffen würden. Ein Grenzfall sind die Pyrethrumextrakte, die im Idealfall aus Chrysanthemenblüten gewonnen werden und als Kontaktgifte allerdings gleich alle Insekten vernichten, auch jene, die wir zu den „Nützlingen“ einreihen, eine Folge unseres Gut-und-Böse-Denkens. Deshalb erstaunt mich, dass Pyrethrumextrakte für den biologischen Landbau zugelassen sind, weil ja dort, wie ich gemeint habe, Wert auf intakte Ökosysteme mit ihren Selbstregulationskräften gelegt wird. Die Lebens- und Wirkungsdauer ist unter Lichteinfluss kurz; Pyrethrum wird also bald einmal abgebaut.
 
Der bedrängte Buchsbaum
Der Buchsbaum (Buxus sempervirens) gilt dem lateinischen Namen nach als immerlebend. In Tat und Wahrheit können aber auch seine Tage gezählt sein. Für viele Gartengestalter, die daraus wunderschöne Broderien und plastische Figuren zurechtschnipselten, aber auch für die Bauerngärten mit den niedrigen Buchsumrahmungen in fantasiereichen geometrischen Figuren und Sichthecken-geschützte Hausbesitzer dürfte wegen des Buchsbaumzünslers eine kleine Welt zusammenbrechen. In Friedhöfen muss wohl für andere Symbole des ewigen Lebens Ausschau gehalten werden.
 
Das Herumschneiden erträgt der Buchs tapfer, auch wenn die Verletzungen einem Pilzbefall Vorschub leisten. Und auch diese Gefahr ist schon da: Die neue Pilzkrankheit Cylindrocladium buxicola hat es ebenfalls darauf abgesehen, den Gestaltungsklassiker zu dezimieren. Seine Sporen werden vom Winde verweht. Besonders wohl fühlt sich der Pilz bei Regenwetter, bei tagelanger Feuchte. Ein Unglück kommt selten allein, als ob Buchsbaumfloh und Buchsbaumgallmücke nicht schon genug des Elends wären. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass es überall Lebewesen gibt, die andere nicht in Frieden lassen können.
 
Buchs AG und Buchs ZH und die Römer
Eine der Nachbargemeinden von Aarau heisst Buchs. Laut der gemeindeeigenen Internetseite www.buchs-aargau.ch haben die Römer den Buchsbaum und damit den Gemeindenamen dorthin gebracht (im nahen Rupperswilerwald ist noch eine Römerstrasse auszumachen). Im Buchser Wappen ist allerdings kein Buchsbaum zu sehen, sondern eine ausgerissene Buche. Somit müssen die saftig grünen Blätter im Wappen wegen des Buchsbaumzünslers nicht gräulich eingefärbt werden. Selbst ohne handfeste Buchsbäume würde die Aarauer Vorortsgemeinde Buchs AG weiterbestehen. Eine Gefahr ergibt sich für sie eher aus den Aarauer Fusionsgelüsten. – Einen gepflegt oval geschnittenen Buchsbaum aber hat die Gemeinde Buchs ZH (im Furttal, Kanton Zürich. www.buchs-zh.ch) im Wappen – auch dorthin haben die Römer den Buchsstrauch angeblich verschleppt. (Man schiebt ja den alten Römern wirklich alles in die Sandalen.)
*
So ändern sich die Zeiten, wir und die Buchsbäume mit ihnen. Die globalen Verschiebungen, Wanderungen und mutwilligen Störungen haben heute eine noch nie gekannte Dimension erreicht. Alles, was die lebendige Natur umfasst, also auch die Menschen, wird von einem Schockzustand in den anderen versetzt. Nach wie vor stellen sich ständig neue ökologische Gleichgewichte ein. Sie sorgen wegen der Vernetzung anderswo für Beunruhigung, Unsicherheit und Hektik – die Globalisierung beschleunigt das. Ob uns die Resultate dann passen oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Das Zünseln (Spiel mit dem Feuer) geht weiter.
 
Der ewige Wunsch nach dem ewigen Leben hat einen weiteren Dämpfer erhalten.
 
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