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BLOG vom 04.09.2012


Besucher aus Bolivien erkennt seine Schweiz nicht mehr
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Obwohl an meinem Wohnort am Stadtrand von Zürich viele Mehrfamilienhäuser stehen, haftet ihm immer noch etwas Ländliches an. So wirkte er auf mich, als ich zur Zeit der Wohnungssuche hier erstmals ankam. Und so ist es geblieben.
 
Auch unsere Busstation „Rautihalde“ ist ein ruhiger Ort. Passanten gibt es keine. Es kommen nur Leute hierher, die mit dem Bus wegfahren wollen. Wer aber dort ankommt, grüsst die bereits Anwesenden, auch wenn wir uns nicht persönlich kennen. Und manchmal entsteht auch ein Gespräch.
 
Heute Morgen war ich die erste, die sich auf die Bank setzte. Bald danach kam ein Mann mittleren Alters an. Und dieser begann sofort zu reden. „Schlecht Wetter?“ war seine Frage. Es hatte geregnet. Ob es mich störe. Nein. Zur Natur gehöre doch ein normales Auf und Ab. „Nicht, wie wenn der Mann zu Hause ist?“ fragte er weiter. Ich hätte nichts zu beklagen. Später dachte ich über dieses Gespräch, dass der Mann den Puls fühlen wollte. Wie zufrieden die Menschen hier seien. Es stellte sich heraus, dass er vor 23 Jahren nach Bolivien ausgewandert und nun in seine Heimat zurückgekommen ist. Und jetzt gefällt sie ihm nicht mehr.
 
Er berichtete über seine Eindrücke aus Gesprächen mit jungen Menschen jetzt in Zürich. Dass hier der Egoismus weit verbreitet sei. Nur das persönliche Weiterkommen wichtig. Aus allem einen Gewinn ziehen. Mangelndes Mitgefühl. Dann beklagte er die Unordnung an allen Tram- und Busstationen. Dass die Zigaretten vor dem Einsteigen einfach fallen gelassen werden.
 
Ja, in dieser letzten Aussage stimmte ich zu. Auch mich stört das. Aber vor allem darum, weil Ertappte immer sagen, es existierten ja Reinigungsteams von ERZ (Entsorgung und Recycling Zürich), und diese würden entlöhnt. Für mich ist solches Verhalten frühkindlich. Als Kleinkind lässt man alles irgendwann fallen, weil der Ordnungssinn noch nicht entwickelt ist.
 
Als der Bus, den ich benützen wollte vorfuhr, rief er mir noch nach: „Ich gehe vermutlich wieder zurück.“
 
Das Gespräch hatte nicht lange dauern können. Jetzt würde ich ihn noch fragen, wie das Leben in Bolivien gewesen und warum er zurückgekehrt sei. Und was er denn hier erwartet habe. Seine Welt von damals? – 23 Jahre sind eine lange Zeit. Äusserer und innerer Wandel, gewiss auch in der Fremde enorm.
 
Ich kann mir vorstellen, dass Zürich nach 23 Jahren Abwesenheit vom Erscheinungsbild her als fremde Stadt wahrgenommen wird. Und wie die Reaktionen zeigen, hatte der Zurückgekehrte sofort auch einen inneren Wandel festgestellt. Und dieser scheint ihm nicht zu gefallen. Auch für uns war und ist er herausfordernd.
 
Noch immer ist uns eine saubere Stadt lieb, aber nicht alle hier Ansässigen sind bereit, ihren Beitrag dazu zu leisten.
 
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Situation von 1958, als ich mich für mein Stagiaire-Jahr in Paris vorbereitete. Ich wurde aufmerksam gemacht, dass in Frankreich manches nicht so ordentlich sei wie bei uns in der Schweiz. Mein Lehrmeister wies sogar daraufhin, dass die Züge aus Frankreich, wenn sie in Basel eingetroffen seien, abgespritzt, also gewaschen würden, bevor sie ins Landesinnere weiterreisten. Ich solle nur darauf achten, werde es erleben.
 
Solange wir in unseren Grenzen lebten und nicht viel reisen konnten, nicht viel über unsere Nachbarn wussten, wurde die schweizerische Ordnung als eine unserer grossen Stärken und eine Art Auszeichnung gepriesen. Wir waren damals entsprechend kontrolliert und wurden rasch zurechtgewiesen, wenn festgeschriebene Ordnungen nicht eingehalten wurden. Es gab überall „Tüpflischiisser“ (Pedanten), die einen zurechtwiesen. Aber sobald die 68er-Bewegung diese Überheblichkeit als Scheinheiligkeit entlarvte und mehr Lebensfreude aufbrechen konnte, entwickelte sich auch hier in der Schweiz mehr Légèreté (Leichtigkeit, Ungezwungenheit). Und die Einsicht wuchs, dass wir nicht besser sind als andere.
 
Interessant ist aber, dass die Schweiz, astrologisch gesehen, vom Tierkreiszeichen „Jungfrau“ beeinflusst ist*. Die Verfassung vom 12.09.1848, 11.12 h, Bern, als Grundlage für die heutige Bundesverfassung ist ihr Geburtstag. Unter diesem Einfluss stehen alle Einwohner der Schweiz.
 
Da sind die Qualitäten wie Ordnung, Reinlichkeit, Detailtreue, Präzision, Kontrolle, Sparsamkeit, Bescheidenheit, Vorsorge, Sicherheit, Versicherungen und auch Gesundheitsbewusstsein wichtige Bereiche, mit denen hier erfolgreich gearbeitet wird.
 
Kein Wunder, dass in den Primar- und Sekundarschulen von einst im Zeugnis auch „Ordnung und Reinlichkeit“ bewertet wurden. In meiner Herkunftsfamilie wurde diese Rubrik ebenso gewichtet wie die Noten für die einzelnen Fächer. Wie die Zeugnisse von heute aussehen, weiss ich nicht.
 
Und die Wandlungen, die wir in den letzten 23 Jahren durchgemacht haben? Wir können sie rückblickend gar nicht mehr exakt beschreiben. Sie vollzogen sich stetig, manchmal leise, öfters auch mit Paukenschlag. Und sie kümmerten sich nicht darum, ob sie uns passten oder nicht. Der Mann aus Bolivien aber, er erlebte bei seiner Rückkehr die Veränderungen unmittelbar.
 
*Quelle: Cortex Astrologischer Computer Service, Adliswil.
 
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