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BLOG vom 10.10.2012


BZ Gossau: Perfekte Organisation im Frischprodukte-Chaos
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Wer sich in einer Branche bewegt, die ihm wenig bekannt ist, muss zuerst einmal die Sprache erlernen. Im Lebensmittelhandel gibt es den Begriff Frischprodukt, der eigentlich alles sagt, aber doch recht schwierig abzugrenzen ist. Darunter werden Frischfrüchte, Frischkräuter und Frischgemüse, sodann Fruchtsäfte und tiefgekühlte Produkte verstanden. Eine angemessene Kühlung verlängert die Haltbarkeit. Und dann gibt es auch die Kolonialprodukte („Koli“); das wären also die übrigen Lebensmittel mit längerer Haltbarkeit wie (trockene) Teigwaren, Konserven, verarbeitete, steril gemachte Milch und Milchprodukte wie Käse, sodann Kaffee, Schokolade usf. verstanden, deren Haltbarkeit zwar auch begrenzt, aber doch wesentlich länger ist. Und endlich ist da noch das Nonfood-Sortiment, das also nicht für den Verzehr geeignet ist. Zahnpasta isst man nicht.
 
Bei Warenverteilern sind alle 3 Produkte-Kategorien zu kaufen. Doch ihre Handhabung ist derart unterschiedlich, dass sie in Grossbetrieben getrennt behandelt werden, wobei natürlich die Frischprodukte die anspruchsvollste Kategorie darstellen. Innerhalb des grossregional strukturierten Migros-Konzerns ist beispielsweise die Betriebszentrale (BZ) in Gossau SG für die Hochhaltung der Frische zuständig (vorher geschah dies in der BZ Winterthur, die geschlossen wurde). Die neue BZ in Gossau war eine Folge der 1999 erfolgten Fusion zwischen der Genossenschaft Migros St. Gallen und der Migros Winterthur/Schaffhausen zur Genossenschaft Migros Ostschweiz (GMOS). Ungefähr zu jener Zeit wurden aus den Betriebszentralen, die alles vertrieben, d. h. auch Koli und Nonfood, Frischeplattformen.
 
Von der BZ Gossau aus werden seither die rund 120 Filialen der GMOS, der drittgrössten von 10 Genossenschaften, mit Frischprodukten beliefert. Dazu gehören die Kantone St. Gallen, Zürich, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden, Thurgau, Graubünden sowie Schaffhausen. Innerhalb der M Ostschweiz sind rund 9000 Personen beschäftigt, wovon rund 1000 in der BZ Gossau.
 
Was diese Dienstleistung im Einzelnen bedeutet, konnten wir dank der Beziehungen des ehemaligen M-Geschäftsleitungsmitglieds Magnus Würth am 03.10.2012 auf unserem „Männerreisli“ erkunden. Geschäftsleiter Christian Biland aus Wettingen AG empfing uns ausgesprochen freundlich, und der Logistik-Leiter Charles Roth führte uns ins gekühlte Innenleben der kultivierten Frische.
 
Punktgenaue Frische
Diese Frische trat als uns als eine enorme Organisations- bzw. Managementaufgabe ins Bewusstsein, die sich weit über Gossau hinaus erstreckt. Sie ist derart komplex, dass sie im Wesentlichen nur noch von computergesteuerten Robotern zu bewerkstelligen ist, und etwa 50 Prozent der Vertriebskosten entfallen auf die Logistik. Dieses im Netz der globalisierten Welt aufblühende Wort Logistik umfasst die Gesamtheit aller Aktivitäten eines Unternehmens, welche „die Beschaffung, die Lagerung und den Transport von Materialien und Zwischenprodukten, die Auslieferung von Fertigprodukten, also den gesamten Fluss von Material, Energie und Produkt betreffen“ (laut Duden).
 
Die Logistik-Geschichte beginnt also bei der Beschaffung, etwa von Bio-Bananen aus Peru, die zum gegebenen Zeitpunkt noch im grünen Zustand geerntet werden müssen, auf dass sie die 14-tägige Schiffsreise überstehen und dann unter dem Einfluss von Äthylengas während 4 bis 5 Tagen nachreifen und die erwünschte Gelbfärbung annehmen können. Ähnlich verhält es sich mit den Fleischprodukten, die als ausgesprochene Frischwaren zum Teil ebenfalls einen Reifungsprozess innerhalb einer kontrollierten Atmosphäre durchmachen müssen, wobei hier die Hygiene eine weitere tragende Rolle spielt. Wir hatten deshalb Schuhüberzüge, einen Plastikmantel und eine Plastikkappe zum Abdecken unseren Frisuren oder Glatzen anziehen müssen. Wir sahen aus wie überdimensionierte, wandelnde und gefüllte Kondome im Härtetest.
 
In der BZ ist es das Fleisch, das zerlegt und beispielsweise zu Fleischkäse-Grosspackungen, St. Galler Bratwürsten usf. verarbeitet wird, aber auch Frischgebäck und vieles andere.
 
In der Regel ist die Aufenthaltsdauer der Frischprodukte in der BZ kurz; im Idealfall geht morgen weg, was heute hereingekommen ist. Das geht weniger einfach vonstatten als es tönt, da die Vielzahl der einzelnen Artikel in grossen Stückzahlen hereinkommen, und dann in Plastikgebinden in ganz verschiedenen Mischungen für die einzelnen Filialen zusammengestellt werden müssen – von Fall zu Fall ist das bestellte Sortiment unterschiedlich, was natürlich wieder Rückwirkungen auf die Lieferanten hat. Zudem muss die von den einzelnen Verkaufsstellen angeforderte Ware in der BZ so verpackt werden, dass sie mit der Präsentation im Laden übereinstimmt. Das heisst, dass zuoberst Früchte und Gemüse sein müssen, mit denen ja das Einkaufserlebnis in der Regel beginnt, und die weitere Reihenfolge richtet sich ebenfalls nach dem Sortimentsangebot auf den Regalen. Das spart Zeit beim Auffüllen der Gestelle, verkürzt einen allfälligen ganz kurzen Unterbruch in der Kühlkette.
 
Somit wird die grösste organisatorische Arbeit in der Betriebszentrale geleistet. Die ankommenden Artikel werden im geeigneten, dafür bestimmten (Kühl-)Raum zwischengelagert. Und zwar werden sie durch Roboter chaotisch irgendwo abgestellt oder eingeschoben. Und dennoch erübrigen sich aufwendige Suchaktionen, da ein Computer ganz genau registriert hat, in welchen Hochregalen sich was befindet. Roboterarme holen das Gewünschte heraus, versorgen es im richtigen Gebinde in der vorbestimmten Reihenfolge.
 
Das Trimmer-Unikat
Hinter einem schützenden, grobmaschigen Gitterhag arbeitete ein Trimmer, der von Charles Roth als Unikat bezeichnet wurde. Das nervöse Gerät stellt die Gebinde auf den Boden ab, wo gerade Platz ist, merkt sich aber den Lagerplatz genau und greift, sobald es nötig wird, zielsicher darauf zu, hebt das Gebinde an, dreht es in die richtige Position und stellt es am vorbestimmten Platz ab. Das Verb trimmen war mir bisher nur aus der Schiffssprache bekannt: In den Häfen werden die Schiffsladungen getrimmt, das heisst an Bord zweckmässig verteilt, verstaut. Es bezieht sich auch auf das Verteilen des Ballasts, wobei auch das Trimmruder mithilft. Doch ein Trimmer kann auch ein verstellbarer Drehkondensator (Trimmkondensator) sein, der häufige, sich wiederholende Bewegungen computergesteuert mit Schwung ausführt.
 
Abfall-Bewirtschaftung
In der BZ Gossau werden auch alle Abfälle aus den angeschlossenen M-Filialen gesammelt, sortiert, verwertet oder entsorgt, von elektronischen Geräten bis zu verdorbenen Lebensmitteln oder solchen, bei denen einfach das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, die aber durchaus noch konsumtauglich wären. Vorschriftgemäss. Hanspeter Setz ereiferte sich, als er am 3.10. eine 6er-Packung Berliner mit Ablaufdatum 3.10. im Abfall fand: „Diese Gesellschaft verblödet, vertublet total“. Er erntete lauter Zustimmung.
 
Die Frische-Regeln – die Datierung von Lebensmitteln – waren in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Pionierleistung der Migros – man möchte sie an sich nicht missen, doch müssten die lebensmittelrechtlichen Vorschriften so ausgestaltet sein, dass die Lebensmittelverschwendung dadurch nicht bis über jedes vernünftige Mass hinaus gefördert wird.
 
Energie-Bewirtschaftung
Die BZ Gossau ist extrem energiebewusst, hat schon bei der Planung des Gebäudes den Energieverbrauch optimiert. Das geschieht auf der Basis von transparenten, wöchentlichen Verbrauchsstatistiken der Gebäudetechnik-Anlagen, von Auswertungen des Energieverbrauchs der Kälte- und Wärmeerzeugung in Funktion zur Aussentemperatur. 65 500 Datenbankeinträge pro Woche, aus 170 Exportdatenpunkten wie den Anzeigen von Öl-, Gas-, Wärme- und Elektrozählern stammend, werden ermittelt, eingehend analysiert und grafisch dargestellt. Dieser Aufwand dient als Grundlage für weitere Optimierungen. Es zahlt sich aus: Allein der Elektrizitäts-Jahresverbrauch beläuft sich auf 14 GW.
 
Hoher Kasten und Appenzell
Nach der eindrücklichen Besichtigung einer Anlage, die sich auf der Höhe der Zeit befindet, war unsere gemeinsame Weiterfahrt in einem Kleinbus nach Brülisau AI nicht eben ein Musterbeispiel an Energieeinsparung. Wir stellten das Fahrzeug in der Nähe der Sebastianskirche, 1879/80 erbaut, die gerade renoviert wird, ab. Mit der Seilbahn liessen wir uns hinauf zum Drehrestaurant auf dem Hohen Kasten tragen, warfen unterwegs einen Blick zum stillen Sämtisersee im Alpstein-Massiv. Oben angekommen, sparten wir immerhin Muskelkraft: Nach der beschriebenen Wanderung durch die Betriebszentrale in Gossau, verbunden mit Treppensteigen, verzichteten wir auf einen Bergspaziergang. Wir warfen noch einen Blick ins St. Galler Rheintal, bevor uns eine Wolke einnebelte.
 
Es sei hier oben „huerechalt“ (sehr kalt), warf Hansruedi Dreier (82), Seniorchef der Dreier Transporte AG, Suhr AG, ein, und er verschwand in der schräg abwärts verlaufenden Schlucht zur Seilbahn-Bergstation. Leute mit Führungserfahrung wie er erwarten keinen Widerspruch. Ich kannte die Aussicht und verpasste nicht viel. Immerhin hatten wir dadurch Zeit für einen Bummel durch Appenzell gewonnen.
 
Wer sich auf dem Kasten allenfalls das Rheuma zugezogen hätte, brauchte deshalb nicht zu verzweifeln. In der Löwen-Drogerie mit den auf die Fassade gemalten Heilpflanzen könnte er die berühmte „Innerrhoder Gäss-Schmalz-Salbe“ (Ziegenbuttersalbe) kaufen.
 
Ablaufdatum der Salbe: 09.2017. Logistische Knacknüsse sind minim, stellen sich höchstens bei der Naturarzneien-Beschaffung. Die Salbe wird dort verkauft, wo das Geissenfett mit dem Eukalyptus, den Wacholderbeeren, den Kiefernadeln, dem Rosmarin, der Salbei und dem Thymian vermischt wurden.
 
 
Hinweis auf weitere Lebensmittel-Blogs
 
Hinweis auf ein Blog über den Hohen Kasten
15.08.2011. Der Hohe Kasten: Aussichtstribüne von Format im Alpstein
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