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BLOG vom 17.10.2012


Wanderung mit Überraschungen: Pilzeldorado, Hexenringe
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Am 11.10.2012 unternahmen wir eine Nachmittagswanderung in der Nähe von Steinen-Endenburg (Kreis Lörrach D). Diese Tour sollte uns einige Überraschungen bringen, mit denen wir nie im Leben gerechnet hatten.
 
Zu Dritt fuhren wir mit dem Auto von Steinen nach Endenburg und von dort zum Sanatorium Stalten. Hier begann unsere 2 Stunden 40 Minuten dauernde Wanderung durch den etwas herbstlich gefärbten Wald zur Rehhütte, die sich auf einer Lichtung befindet. Dann ging es den Stückbaumweg entlang zum Kreuzungspunkt Stühle. Nach einer kurzen Rast wanderten wir dem Oberen Stühlenweg entlang und unterhalb des Naturdenkmals Hohfelsen vorbei wieder an unseren Ausgangspunkt.
 
Vom Sanatorium Stalten auf 720 m Höhe hat man einen beeindruckenden Panoramablick zum etwa 150 km entfernten Berner Oberland mit seiner Alpenkette. An diesem Tag waren die Alpen jedoch nicht zu sehen, dafür die südlichen Schwarzwaldberge, die Erhebungen des Schweizer Juras, die Kirche von Hofen und die Ortschaft Weitenau. Was uns auffiel, war die reine, schadstoffarme Luft, die wir in grossen Zügen genossen. Im Umkreis von 10 km gibt es praktisch kein Verkehrsaufkommen und keine grösseren Ortschaften.
 
Auf gepflegten Waldwegen ging es von Stalten zur Rehhütte. Auf dem Weg dorthin entdeckte unser Pilzkenner Toni von Lörrach den ersten grösseren Pfifferling. Da der Pilz gut aussah, drehte er ihn heraus, packte diesen in ein Taschentuch und liess ihn in einer Anoraktasche verschwinden. Nun war unser Pilzsammlerinstinkt geweckt. Toni nahm die rechte Wegseite und Walter von Steinen und ich die linke Seite in Augenschein. Wir sahen zunächst nur ungeniessbare Pilze, später Stockschwämmchen, die als sehr gute Speisepilze gelten. Auch sahen wir viele Hallimaschpilze an bemoosten Baumstämmen. Wir liessen diese stehen, da unser Sammelinteresse eher Pfifferlingen und Steinpilzen galt. Wir rechneten nie damit, dass wir an diesem Herbsttag noch welche finden würden.
 
Als wir die Rehhütte hinter uns gelassen hatten und auf dem Stückbaumweg wanderten, erblickten wir weitere Pfifferlinge am Hang zur rechten und auf dem grasbedeckten Wegesrand zur linken Seite. Wir sahen dann so viele Pfifferlinge, dass wir aufpassen mussten, diese Pilze nicht zu zertreten. Kurz darauf kamen uns 2 ältere Damen mit Nordic-Walking-Stöcken entgegen und sie erzählten, dass sie auf dem Weg noch viele Pfifferlinge gesehen hätten. Das war dann auch so. Wir hatten keinen Leinensack dabei, so dass wir sämtliche Pilze in den Anoraktaschen verstauen mussten. Wir waren dann dicker als sonst.
 
Dann entdeckten wir eine schöne Fliegenpilzfamilie mit etwa 20 Einzelgewächsen in der Nähe eines moosbedeckten Stammes. Toni sah in dem Pilzareal 2 Steinpilze (einer davon war ein zusammengewachsener Doppelpilz), die ich nach meinen Fotoaktivitäten dann herausdrehte. Der Steinpilz (Herrenpilz, Braunkopp) ist übrigens ein sehr guter Speisepilz. Der Pilz war noch nicht von Schnecken angenagt, also in einem guten Zustand.
 
Zu Hause entdeckte ich auf dem Foto der Fliegenpilzfamilie noch einen kleinen Steinpilz. Den hatten wir tatsächlich übersehen. Kaum zu glauben, was man auf einem Digitalfoto alles erkennen kann. Heinrich Abraham aus Leifers (Südtirol, I) hat die Beobachtung gemacht, dass gute Speisepilze wie Steinplize oft in der Nähe von Fliegenpilzen wachsen.
 
Die Vermehrung: Pilze erzeugen Milliarden Sporen
Hier eine kurze Abschweifung. Während unserer Sammelaktion tauchte die Frage auf, wie sich Pilze eigentlich vermehren. Hier die Antwort:
 
Die Natur hat auch die niederen Pflanzen mit Fortpflanzungsmaterial verschwenderisch ausgestattet. Ein essbarer Pilz erzeugt viele Milliarden Sporen und kann pro Stunde bis zu 100 Millionen freisetzen. Die Stinkmorchel erzeugt die Sporen an der Aussenstelle in einem Schleimfilm. Der Schleim riecht nach Kot und Aas und lockt zahlreiche Fliegen an. Die Fliegen verzehren den Schleim und die Sporen. Diese passieren den Fliegendarm unbeschädigt und werden an anderen Stellen des Waldes ausgeschieden. Die Schnecken riechen die Delikatesse Stinkmorchelschleim bis zu einer Entfernung von 6,5 m, schlecken den Schleim genüsslich auf und tragen somit zur Verbreitung der Sporen bei. Die Stinkmorchel hat übrigens einen süsslichen Geruch, sobald sie ihres Schleims beraubt ist.
Aus den Sporen entwickelt sich dann das Pilzmycel (Hyphengeflecht), das die Nahrung aus dem Boden aufnimmt. Die oberirdischen „Pilze“ sind nur die sporenerzeugenden Fruchtkörper.
 
Hexenringe
Auf der linken Seite unseres Wegs sah ich auf einem bewaldeten Abhang Hexenringe, aber auch Pilzkörper, die in Längsrichtung oder in Halbkreisen angeordnet waren. Die „Pilzstrassen“ in dem Buchenwald waren 10 bis 20 Meter lang. Bei den Hexenringen oder Feenringen handelt es sich um kreisförmige Ansammlungen von Pilz-Fruchtkörpern. Sie entstehen dadurch, weil sich das Pilzmycel von einem Mittelpunkt kreisförmig ausbreitet. Der spärliche Wuchs des Grases (Hexenringe kommen auch in Grünflächen vor) im Inneren des Rings erklärt sich dadurch, dass das Mycel bei seiner Ausbreitung den Boden auslaugt. Diese Auslaugungen konnten wir nicht erkennen, da der Waldboden mit Laub bedeckt war.
 
Welche Pilze bilden Hexenringe? Es sind der Feldschwindling (Marasmius oreades), der Mönchskopf (Clitocybe geotropa), der Maipilz (Tricholoma georgii), Parasole bzw. Schirmlinge (Lepiota), Egerlinge (Psalliota) und andere. Bisher wurden in Europa 60 Arten mit so einer Ringbildung nachgewiesen. Die von uns angetroffenen  Pilzansammlungen identifizierte Heinrich Abraham als Nebelkappen (Lepista nebularis).
 
Beobachtet wurde von uns auch, dass sich 2 Ringe verschmelzen können. Dies geschieht nicht, wenn die Pilze verschiedenen Arten angehören. In der Regel haben die Hexenringe einen Durchmesser bis zu einigen Metern. Der grösste entdeckte Ring mass etwa 150 Meter im Durchmesser. Abraham hat auf Wiesen schon öferts Hexenringe mit einen Durchmesser von 25 m gefunden. Durch das ständige Wachstum der Mycelien vergrössert sich der Ring von Jahr zu Jahr. Dadurch sind genaue Altersschätzungen möglich.
 
Woher kommt die Bezeichnung Hexenring? Früher glaubte man, dass die runden Formen auf einen Versammlungsort von Hexen und Feen hinwiesen. Diese durften von anderen Personen nicht betreten werden. Andere meinten, die Hexenringe seien Zaubertanzfiguren der Hexen.
 
„Kalendersteine“ im Wald
Der Endenburger Wald, den wir durchquerten, hat eine Besonderheit zu bieten. Es gibt hier oben auf den Hohen Stückbäumen (939 m) eine Kalendersteinanlage aus der Megalithzeit (zirka 3000 bis 2000 v. u. Z.). Diese diente nach Meinung von Fachleuten als astronomischer Kalender, aber auch als eine religiöse Kultstätte. Da sich die Anlage weit oben unseres Wanderwegs befand, konnten wir diese nicht aufsuchen. Ein anderer Weg führt von Stalten aus innert 15 Minuten zu den Kalendersteinen. Ich kannte diese Stätte bereits. Vor einigen Jahren begab ich mich mit einem Bekannten dort hin.
 
Die Steine wurden von Menschenhand aufgeschichtet bzw. ausgerichtet. Eine mächtige „Diskusscheibe“ aus Granit mit einem Durchmesser von 6 Metern ist genau in Nord-Süd-Richtung platziert. In der Mitte befand sich ein Menhir mit 4 m Höhe, der vermutlich durch ein Erdbeben in 2 Teile zerbrochen ist. Dieser diente als Visurstein. Die Priester konnten mit Hilfe der Kalendersteine den jeweiligen Stand im Jahreslauf angeben. Manche Menschen schätzen solche besonderen Ruhe- und Kraftorte.
 
Nach dieser interessanten Wanderung stillten wir unseren Durst und Hunger im „Gasthaus Dorfstübli“ in Steinen-Weitenau (www.dorfstuebli.de). Die Portionen waren üppig. Die Speisen gut und der Pfirsich-Maracuja-Kuchen fantastisch.
 
Ich bin überzeugt, dass so mancher Pilzfreund in der Nacht von Pilzen träumte. Kein Wunder, eine so üppige Pilzpracht hatten wir bis anhin noch nie gesehen.
 
Internet
www.badische-zeitung.de („Ein Kalender aus megagrossen Felsbrocken“)
 
Literatur
Bastian, Hartmut (Herausgeber): „Ullstein Lexikon der Pflanzenwelt“, Frankfurt 1977.
Baumeister, Walter: „rororo Pflanzenlexikon“, Rowohlt Verlag, Hamburg 1977.
 
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