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BLOG vom 22.10.2012


Armstrong: Das Symbol für dekadente Zerfallserscheinungen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Was mich am Fall Lance Armstrong am meisten erschütterte, ist die grenzenlose Blödheit des internationalen Medienmainstreams, auch wenn diese Einsicht für mich nicht eben den Breaking-News-Stellenwert hat. Im heutigen Mediengewerbe tummelt sich, von ehrbaren Ausnahmen abgesehen, eine Horde von hirnlosen Nachplapperern, die sich weder um Sinn, Unsinn und Proportionen kümmert, keine Ahnung von Hintergründen und Zusammenhängen hat und sich auch nicht dafür zu interessieren scheint. Die Bedeutung und Glaubwürdigkeit der Medien schwindet, was besonders deutlich am Auflagerückgang der abonnierten Tageszeitungen zur Geltung kommt. Dass die Rettung nicht aus neuen Bezahlmodellen, sondern allein durch eine Anhebung der inhaltlichen Qualität bewerkstelligt werden könnte, scheint den Managern des Zeitgeists noch nicht in den Sinn gekommen zu sein.
 
Nur unter den Voraussetzungen von publizistischer Liederlichkeit und exzessiver Gutgläubigkeit war es möglich, einen Mythos wie jenen rund um den Pedaleur Lance Armstrong über 1 Jahrzehnt lang am Köcheln zu halten, obschon alle Anzeichen von Anfang auf einen ganz grossen Schwindel hindeuteten. Im meinem Blog Der mit Bush radelte: Der Mythos Armstrong ist im Eimer vom 25.08.2005 – das war also vor gut 7 Jahren – habe ich u. a. geschrieben:
 
„Zwischen 1999 und 2005 haben naivgläubige Medien jeweils ganze Tour-de-France-Monate lang den Mythos Lance Armstrong nach Leibeskräften aufgeblasen. Da zeigte ein wahrer Wundermann – ein Amerikaner! – der staunenden Welt, dass alles, aber auch gar alles möglich ist: Da besiegt einer die Krebserkrankung und gewinnt anschliessend eines der härtesten Radrennen in Serie. Und er fährt mit den grossartigsten Menschen dieser Erde, George W. Bush, zusammen Velo, auch wenn dieser immer wieder einmal auf die Nase fällt – beim Velofahren und bei seiner Kriegspolitik.“ Und ich fügte bei, ich hätte dem Superman Armstrong nicht einmal die Krebserkrankung (angeblich Hodenkrebs im fortgeschrittenen Stadium mit Ablegern in Lunge und Gehirn) geglaubt. Gleichzeitig habe ich Vermutung ausgesprochen, vielleicht habe man Armstrong tatsächlich gegen einen angeblichen, frei erfundenen Krebs behandelt, damit man in seinem Organismus neue Dopingmittel unterbringen konnte. Ich wurde die Vermutung bis heute nicht los.
 
Ein bisschen Nachdenken genügt: Wie kann denn einer, der angeblich so schwer an Krebs erkrankt war, dass er bloss 5 % Überlebenschance hatte, nach all den ruinösen Behandlungen mit Erythropoietin, Testosteron, Kortikoiden, Wachstumshormonen und Bluttransfusionen zur sportlichen Höchstform auflaufen? In Amerika ist das möglich ... In Amerika. Dopingmittel wurden zu Krebsheilmitteln. Sportjournalist Sepp Renggli in der „Weltwoche“ 2012-42: „Denn dass die weltweit schwerste Sportprüfung mit Müesli, Ovomaltine und Rezepten aus dem ,Grossen Kräuterbuch' von Pfarrer Johann Künzle gewonnen werden kann, glaubt nicht einmal der jeden Dopingverdacht entrüstet von sich weisende 93-jährige Ferdy Kübler.“
 
Kritik am allmächtigen Texaner Armstrong war dennoch gefährlich: Die Londoner „Sunday Times“ musste zum Beispiel im Jahr 2004 rund eine Million Dollar bezahlen, nachdem sie Armstrong Doping unterstellt hatte. Die Zeitung fordert nun das Bussgeld zurück. Auch die Radsportindustrie tat alles, um zu vertuschen, was nicht sein durfte: 2006 wurde das radelnde Glanzlicht vom Weltverband UCI freigesprochen, da die erneuten Tests der Urinproben nicht nach wissenschaftlichem Standard durchgeführt worden seien. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA nannte den UCI-Bericht „fast schon lächerlich“. Das Adjektiv „lächerlich“ hätte genügt.
 
Im August 2012 flog der Schwindel dann endlich auf: Die amerikanische Antidopingbehörde Usada belegte Armstrong mit einer lebenslangen Sperre, und zudem entzog sie ihm alle die legendären 7 Tour-de-France-Siege. Die Usada gab nunmehr die Dokumente heraus, die der Bestrafung zugrunde liegen: Sie umfassen über 1000 Seiten. Die NZZ vom 11.10.2012 berichtete dazu: „Die Essenz der Unterlagen liefern indes nicht die Zeugenaussagen allein. Laut dem Chef der Usada, Travis Tygart, beweisen auch Bankauszüge, E-Mails, wissenschaftliche Atteste und Labortests, dass Lance Armstrong Doping benützt und verteilt habe. ,Die Belege zeigen ohne jeden Zweifel, dass das US-Postal-Team (Armstrongs Profi-Team) das höchst entwickelte, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm betrieb, das der Sport je gesehen hat’, sagt Tygart.“
 
Wahrscheinlich wird das Team noch den Medizin-Nobelpreis für seine hochprofessionelle Doping-Tarnung erhalten. Armstrong dopte nicht einfach zum eigenen Vergnügen still vor sich hin. Das amerikanische Aushängeschild für die Alles-Machbarkeit (eine Art Barack-Obama-Vorläufer, eine Geistesverwandtschaft) betrieb laut einem Bericht der US-Anti-Doping-Agentur nicht nur jahrelang systematisches Doping, sondern Armstrong handelte zudem mit verbotenen Substanzen und zwang gleich auch noch seine Teamkollegen zum Dopen. Die Usada: „Die Dopingverschwörung war professionell entworfen, um die Athleten unter Druck zu setzen, gefährliche Dopingmittel zu nutzen (...) und einen unfairen Wettbewerbsvorteil zu gewinnen.“
 
Der begründete Schlussbericht ist unter http://d3epuodzu3wuis.cloudfront.net/ReasonedDecision.pdf
aufzurufen.
 
Erst jetzt laufen Armstrong (41) die Sponsoren davon: der Sportartikel-Konzern Nike, die Brauerei Anheuser-Busch, Velohersteller Trek usf. Den Vorsitz seiner Krebsstiftung „Livestrong“, Teil des Systems, gab Armstrong in seiner Schwächephase ab.
 
Wenn die Lügengebäude das Gütesiegel USA tragen, ist es fast unmöglich, sie zum Einsturz zu bringen. Sie haben, mögen sie noch so angefault sein, Vorbildfunktion. Dabei war die Durchschaubarkeit jederzeit gegeben. Und ich habe denn auch das Lob, das ich beim Auffliegen des Armstrong-Mythos am 11.10.2012 per E-Mail von einem nahestehenden Bekannten erhielt, relativiert. Es lautete:
 
Ich bin beeindruckt, wie Du das schon vor vielen Jahren ganz klar gewusst hast! Du hast schon ganz starke, besondere Eigenschaften, das Weltgeschehen kritisch und vernetzt zu beobachten! Bravo.“
 
Meine Antwort: „Zuviel der Ehre. Dass die Amerikaner vor keinem Gift zur Leistungssteigerung zurückschrecken, war schon immer so. Auf ihre Untergebenen können sie sich verlassen: Viele Länder wollten oder konnten nichts Illegales finden. Die meisten Medien drückten alle Augen zu.“
 
Tröstlich: Irgendwann brechen Lügengebäude zusammen. Auch die Tage von Schurken und Schurkenstaaten sind gezählt. Israel sperrte einen Journalisten ein, der vom geheimen Atombombenbau erzählte.
 
Das desolate System
Im Prinzip interessiert mich Armstrong ebenso wenig wie ein x-beliebiger Krimineller. Er nützt die Schwächen eines überdrehten, ausser Kontrolle geratenen Systems, das die Grösse und den Rekord mit Erfolg gleichsetzt: Immer schneller. Immer mehr. Stagnation oder gar Rückgang sind bedrohlich. Jedermann, der eine Spur von Denkfähigkeit über die Verdummungsrunden bringen konnte, kann abschätzen, dass es unmöglich ist, die Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers ad absurdum zu steigern. Irgendwo sind die natürlichen Grenzen erreicht, die nur noch mit Aufputschmitteln durchbrochen werden können. Die Selbstregulationskräfte werden ausser Betrieb gesetzt, was im Sport zwar offiziell verboten ist und zur Ruhigstellung der bezahlenden Massen denn auch lautstark verkündet wird. Doch jedermann weiss, dass hinter dem schönen Schein trickreich versucht wird, mit allen und damit auch verbotenen Mitteln zum Sieg, zu Geld und zu Ruhm zu kommen.
 
Diese Tricksereien verdammen die Selbstregulierungskräfte zur Wirkungslosigkeit. Im immer grösseren Stil werden sie auch in der sogenannt Freien Marktwirtschaft mit ihrem Wettbewerbsprinzip („checks and balances“) angewandt, um die Auswirkungen von Misswirtschaften, Manipulationen und, damit verbunden, Strukturzerstörungen, abzufedern. Milliarden an frisch gedruckten oder einfach digital kreiertem Geld, vorerst rein buchhalterisch auffallende Beträge, werden in die Komapatienten gepumpt, um den Tod noch etwas hinauszuzögern, womit grössere, kommende Desaster vorbereitet werden. Irgendwann, wenn die Konten real ausgeglichen werden müssen, fliegt der Schwindel auf: das Armstrong-Syndrom.
 
Die Zerstörung der Selbstregulation und der Selbstheilungskräfte ist eine inzwischen üblich gewordene Begleiterscheinung des Krankheitsgewerbes im medizinischen Sektor innerhalb eines Gewirrs von staatlichen Regulierungen, die oft auch der Pharmaindustrie dienen. Dort herrscht ein offensichtliches, gnadenlos werdendes Wettbewerbsprinzip auf Kosten des Patientenguts. Dennoch steigen die Krankheitskosten ununterbrochen, einmal etwas langsamer (wie 2012 in der Schweiz), dann wieder schneller, eigentlich ein Paradoxon. Weil die Kosten grösstenteils kollektiv bezahlt werden, spielt der Preise eine geringe Rolle.
 
Die Natur ist auf die Herstellung von Gleichgewichten ausgerichtet. Zwar sind dieses immer in einem labilen Zustand und Störungen ausgesetzt, die aber aufgefangen und ausbalanciert werden können. Sind die Störungen aber massiv, brechen die bestehenden Strukturen auseinander, gigantische Werte werden vernichtet, und es müssen neue Strukturen entstehen, die als Chance schöngeredet werden. Dabei kann alles eine Chance sein, auch ein intaktes Werk, nicht nur ein Trümmerfeld.
 
Unsere Systeme sind dermassen gestört, dass die Labilität ihr kennzeichnendes Merkmal ist. Sie ist das geeignete Biotop für Schlaumeier, die sich wie räuberische Aaskäfer auf Kadavern ihre Leckerbissen sichern. Nichts stinkt so sehr, dass es keine Liebhaber anzuziehen vermöchte.
 
Der Spitzen- und Spritzensport, Manipulationen in ausgewählten Sektoren von Finanz und Wirtschaft, Vorrang für Geschäfte im Krankheitswesen und weitere dekadente Zerfallserscheinungen blühen weiter. Armstrong, medial gefeiert, ist nur eine unbedeutende Speiche in einem gigantischen Räderwerk. Ein Sinnbild für den momentanen Zustand des menschlichen Denkens, Handelns und Hereinfallens.
 
Hinweis auf das frühere Armstrong-Blog
25.08.2005: Der mit Bush radelte: Der Mythos Armstrong ist im Eimer
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