Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     26. September 2018, 02:59 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 27.10.2012


Kloakologie: Durch die Gülle sterben oder daran verdienen
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
In der hiesigen Zeitung gab es dieser Tage eine Meldung, dass in der Güllegrube auf dem Gelände eines Bauerhofes ein Toter gefunden wurde. Man vermutet die Selbsttötung des allein lebenden Landwirts im Kreis Viersen D.
 
Was ist eine Güllegrube? Es gibt Toiletten, die an keine Kanalisation angeschlossen sind. Der Kot sammelt sich in einem Tank, der darunter oder daneben eingegraben ist. Ähnlich ist eine Güllegrube. Es stinkt nur etwas anders.
 
Das Wort „Fäkalien“ (lat. Faeces, verwandt mit Kot) bedeutet tierische Ausscheidungen, die als Dünger verwendet werden. „Gülle“ (mittelhochdeutsch „gulle“) ist vielleicht mit mittelniederdeutsch „gole“, was Sumpf bedeutet, verwandt. „Kot“ heisst übrigens ursprünglich „feuchte Erdmasse“, bei Martin Luther heisst es: „... spütete der auf die Erde und machte einen Kot aus dem Speichel.“ Wir denken an ein bestimmtes Wort ohne den Buchstaben „m“ bei „schmeissen“, wenn wir lesen „das Kind hat in das Bett geschmissen“. Dies war zuerst ein derber Ausdruck für „werfen“; eine andere Erklärung ist, dass das Wort von althochdeutsch „scizan“, ursprünglich lateinisch „scindere“, was „scheiden“ heisst, abgeleitet wird. (Albert Waag; „Bedeutungsentwicklung unseres Wortschatzes – ein Blick in das Seelenleben der Wörter“; Lahr i.B., 1921; Ernst Wasserzieher: „Woher? Ableitendes Wörterbuch der deutschen Sprache“, Bonn 1974, 18. Aufl.).
 
Unfälle und Mordfälle durch und mit Gülle gab es schon öfters. Gibt man bei Google die Suchbegriffe „Tod Gülle“ ein, erhält man eine Vielzahl von Websites mit Überschriften wie:
 
„Mordprozess: Qualvoller Tod in der Güllegrube (Keine schöne Vorstellung der Landwirt hat noch gelebt, als er in der Güllegrube landete…).“
„Zwei Männer tot in Güllegrube gefunden.“
„Vermisste Person in Güllegrube …Tot! (Zu einem tragischen Unglückfall kam es …).“
„Unfall beim Auspumpen einer Güllegrube (74-jähriger getötet …).“
„Feuerwehr rettet trächtige Kuh aus der Güllegrube.“
„Mit vereinten Kräften haben die Feuerwehrkräfte aus Egglham und Bad Birnbach ein Pferd vor dem sicheren Tod in einer Güllegrube bewahrt.“
„Vermutlich Verbrechen: Tod in der Güllegrube.“
„’Seppl’ und ‚Scampi’ in der Güllegrube.“ (Es geht um die Rettung zweier Pferde).
 
Auf Videos kann man Rettungsaktionen betrachten:
Kirchberg: Feuerwehr rettet 4 Rinder aus Güllegrube ...“
„Kopfüber in Güllegrube: Schock für Stute Mary.“
„Bulle aus Güllegrube gerettet.“
„Blinde Kuh aus Güllegrube gerettet.“
 „Feuerwehr rettet Kalb aus Jauchegrube.“
„Lkw-Fahrer qualvoll in Gülle ertrunken.“
 
Der Tod durch sogenannte Kloakengase ist auf dem Land eine ständige Gefahr. Die Wirkung der Faulgase ist den Landwirten seit Generationen bekannt, die rasche Wirkung ebengalls. Ist diese Todesart deshalb bei Lebensmüden auf dem Lande eine erste Wahl? Unverständlich sind die oben erwähnten Unglücksfälle. Bei einer notwendigen Sicherung der Grube und der gebotenen Vorsicht hätten sie nicht passieren dürfen.
 
Was ist Gülle? Gülle ist vergorenes Kot-Harn-Gemisch landwirtschaftlicher Nutztiere, in der Regel von Rindern und Schweinen, also von verdauter pflanzlicher Nahrung. Als Synonym wird oft der Begriff „Jauche“ benutzt, obwohl diese auch Streu beinhalten kann. Bei Geflügel fällt Festmist an, der kommt nicht in die Grube. Hohe Gehalte an gebundenem Stickstoff, Phosphor, Kalium und anderen Nährstoffen machen Gülle zu einem wichtigen Dünger. Wenn Gülle verwendet werden kann, muss weniger Kunstdünger hinzugekauft werden.
 
Die Pflanzen auf den Feldern entziehen dem Boden Nährstoffe. Werden sie nicht ersetzt, wird die Ernte geringer.
 
Gülle wird vor allem bei Nieselwetter und bei niedrigen Temperaturen auf die Felder ausgebracht. Dadurch wird die Ammoniakverdunstung begrenzt und eine hohe Verwertung des Gülle-Stickstoffs erreicht. Vom 15.11. bis 31.01. gilt allerdings ein Aufbringungsverbot, später auch dann noch, wenn die Felder schneebedeckt sind.
 
Nicht immer halten sich die Landwirte daran, denn wohin mit der Gülle, wenn der Tank voll ist? Da wird auch schon mal frühmorgens oder nachts Gülle aufs Land verbracht, obwohl noch Schnee liegt.
 
An Gasen entstehen Ammoniak NH3, Kohlendioxyd CO2, Methan CH4 und Schwefelwasserstoff H2S. Ammoniak reizt Haut, Augen und Atemwege und kann zu Lungenschädigungen führen, ist aber noch das harmloseste der Gase. Kohlendioxyd verdrängt Sauerstoff, ein Mangel kann zum Ersticken führen. Methan kann, wenn nicht ordentlich gelüftet wird, zusammen mit Sauerstoff zu einer Explosion führen.
 
Wenn es nach faulen Eiern riecht, ist Schwefelwasserstoff im Spiel. In geschlossenen Räumen ist schon eine geringe Konzentration gefährlich. Wenn Gülle bewegt wird, wird mehr von diesem Gift freigesetzt. Schon ganz wenig davon (500 ppm und mehr) ist für den Menschen tödlich. Die eigentliche Giftwirkung beruht auf einer Zerstörung des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin und damit einer Lähmung der intrazellulären Atmung.
 
Kein Wunder, dass auch in Romanen und Spielfilmen Gülle oder Jauche eine Rolle spielt. Sehr bekannt sind „Grosse Geschichten“, Literaturverfilmungen der ARD mit dem Film „Jauche und Levkojen“ nach dem Roman von Christine Brückner. „Einsatz in Hamburg: Rot wie der Tod“ (2010) Der Film beginnt mit einer Fuhre Jauche.
 
Der umstrittene Carsten Maschmeyer vom Finanzdienstleister AWD (Riester-Rente!) wird im Internet häufig mit dieser Aussage zitiert: „Wenn sie duftende Rosen haben wollen, müssen sie im Herbst stinkende Jauche drauf kippen. Und das komische ist: je stärker das stinkt, umso schöner duftet das hinterher."
 
Man kann nicht nur durch Gülle sterben, sondern auch daran verdienen!
 
Heinweis auf weitere Blogs zur Gülle
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier