Textatelier
BLOG vom: 11.11.2012

Wo wir mit Menschen und Emotionen zusammentreffen

Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
In war noch allein im Wartzimmer, als ein Mann eintraf, seinen Rucksack auf einen Stuhl fallen liess und wieder hinausging – Hoppla! Ich erwachte sofort aus meinem dösenden Wartezustand. Wahrgenommen hatte ich nur die polternden Schritte. Die Person sah ich noch nicht. Ob da ein Mann aus den Bergen angekommen war?
 
Kurz danach kam er erneut ins Wartzimmer. In feines Tuch gekleidet und in schweren, offensichtlich massgeschneiderten Schuhen gehend, erschien mir da eine starke Persönlichkeit. Mit einem Auftritt wie auf einer Bühne. Er trug eine markante Corbusier-Brille, setzt offenbar überall auf saubere Form und Qualität. Er ging zur Fensterfront hin, kam zurück, sprach mich an. Ob er den Vorhang zur Seite schieben dürfe, ob das Licht meine Augen nicht störe. Er wolle die Sicht in die Weite prüfen. Ich hatte nichts dagegen, als er auch das Fenster öffnen wollte. Erst jetzt bemerkte ich, dass er keine normale Brille, sondern jenes metallene Brillengestell aus dem Untersuchungsapparat trug, das für den Aufbau eines Brillenrezeptes benützt wird. Für meinen Fall wickelte sich seinerzeit alles sitzend ab.
 
Dann sprach der Mann einerseits vor sich hin, aber auch zu mir, dass es ihm zu schaffen mache, dass er nun eine Brille benötige. Eine, die ihm zur klaren Sicht in die Weite verhelfe. Also eine, die er nun bis ans Lebensende immer tragen müsse. Nicht mehr nur eine Lesebrille. Er zeigte mir mit einer Geste den Raum, in dem er Geschriebenes noch lesen könne. Dann erzählte er mir, wie viele farbige Lesebrillen er besitze.
 
In diesem Mann erkannte ich ein Temperament, das ich sofort verstand. Ein ähnliches lebt auch in mir. Wenn Zwängen nicht ausgewichen werden kann, baut sich im Innern ein beängstigender Druck auf, den ich in diesem Augenblick mitfühlte. Es verjagte ihn beinahe, empfand ich. Ich konnte aber nichts mehr dazu sagen, denn die Ärztin stand unter der Tür und rief: Frau Lorenzetti!
 
Am Abend berichtete ich beim Essen von diesem Erlebnis. Ich schilderte den Mann, den ich weiter nicht kannte und verglich ihn mit einem Kunden, für den Primo vor etwa 30 Jahren ein exklusives Möbel herstellen durfte.
 
Hin und wieder dachte ich noch an ihn, besonders in jenem Augenblick, als bei mir ein zu hoher Augendruck festgestellt wurde und für mich plötzlich auch Zwänge anstanden. Da habe ich mich ähnlich verhalten und Widerstand markiert. Und bin dann später doch der Vernunft gefolgt.
 
Nach ein paar Monaten sass ich mit Primo in einem Gasthaus, als ein Mann in Begleitung anderer hier eintrat und entfernt von uns Platz nahm. Primo sass mit dem Rücken zu ihm, sah ihn nicht. Kurz musterte ich ihn und er auch mich. Beide mögen sich in diesem Augenblick gefragt haben: Wer ist das? Die oder den kenne ich doch. Könnte es jener Mann aus dem Wartzimmer sein, fragte ich mich. Eigenartig, wie in solchen Situationen eine Art Lampe im eigenen Inneren aufleuchtet und die Frage erhellt.
 
Als wir gegessen hatten und bevor wir das Lokal verliessen, schauten wir einander nochmals an und dann sagte er unverhofft zu Primo: Sali!
 
Und in diesem Augenblick waren alle Fragen beantwortet. Er war derjenige, mit dem er verglichen worden war.
 
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