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BLOG vom 02.12.2012


Der Sankt Nikolaus in Zürich und Saint Nicolas in Paris
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Vor vielen Jahren, als wir mit den Kindern einmal ein Weihnachtsspiel besuchten, erklärte ihnen Primo, dass die Figuren hier aus der Geschichte herauskommen und am Ende des Spiels wieder in sie zurückkehren. Wenn ich daran denke, „sehe“ ich noch heute ein grosses, offenes Buch, aus dem die Darsteller heraustreten ‒ wie auch am Ende Stücks, wo die verkörperten Worte vom Buch wieder eingezogen werden.
 
Im Theater begegnen wir auch Figuren, die etwas darstellen, die es draussen in der realen Welt so nicht oder nicht mehr gibt. Dem Ur-Nikolaus zum Beispiel bin ich noch nie begegnet, wohl aber grundgütigen Menschen. Bischof Nikolaus von Myra gilt als ein solches Vorbild. Jahr für Jahr wird dieser heiligmässige Mann am 6. Dezember gefeiert und dargestellt, soweit es uns überhaupt möglich ist. Was würde er wohl sagen, wenn er sich dazu äussern könnte? Was haben wir aus ihm gemacht?
 
Wenn Sankt Nikolaus – hier nennen wir ihn Samichlaus – in Zürich eintrifft, stehen wir in der festlich erleuchteten Bahnhofstrasse und tauchen in Szenen ein, die uns mit dem Umzug vorgeführt werden. Sein kleines Haus im Wald zieht vorüber, sein Büro mit dem Telefon, das andauernd klingelt, weil er für Hausbesuche gefragt ist. Es wird die Backstube gezeigt, in der Zwerge Teig kneten und Lebkuchen backen. Es scheint, dass alles gelingt, wenn Zwerge dabei sind. Sie tragen rote Zipfelmützen, und die Brust steckt im ledernen Wams. Sie ziehen sogar einen Wagen. Engel spielen Flöte. Die Heilige Familie mit ihrem Neugeborenen fährt auch schon vorbei. Ebenso das erleuchtete Grossmünster und Petrus, der mit seinem grossen Schlüssel das Himmelstor bewacht. Es herrscht dann eine feierliche Stimmung, und Fotos halten fest, wie Kinder staunen und sich Erwachsene freuen.
 
In Paris erscheint Saint Nicolas auch, jeweils an seinem Namenstag*. Er wird von Zwergen, den Lutins, begleitet. Unsere Enkelin Mena gehört in die Gruppe dieser kleinen Helfer. Sie sind Saint Nicolas Gefolge. Aufgabe der Lutins, alles Mädchen, sei es, ihn beim Einzug ins Quartier und weiteren Umzügen zu begleiten. Die grösseren Lutins dürfen Bonbons verteilen. Dieser Pariser Samichlaus wandelt sich anschliessend zum Père Noël, der bis zu Weihnachten auf der Place des Abbesses anzutreffen ist. Teilweise im Häuschen, wo ihn die Kinder ansprechen können, dann auch als kollegiales Gespann zusammen mit dem Drehorgelmann. An diesem Ort steht eine grosse Tanne, von weit her sichtbar. Letztes Jahr war sie mit Papierengeln geschmückt, alle von Schulkindern gestaltet.
 
Ich freue mich, dass unsere Enkelkinder vom Zauber der Vorweihnachtszeit erfasst werden. Sie sind stolz, zu den Lutins zu gehören. In ihren roten Kapuzenmänteln mit den weissen, flauschigen Schärpen sind sie als Heinzel- oder Wichtelmännchen gut erkennbar. Begeistert spielen sie ihre Rolle.
 
Innerhalb einer Foto, bei der Ankunft von Saint Nicolas im Vorjahr entstanden, ist mir eine Gruppe Trommler in Soldatenuniformen von Napoleons Infanteristen aufgefallen. Sie begleitete ihn auf der Ausfahrt mit Pferd und Wagen. Dazu wurde mir ihre Geschichte erzählt. Man nenne sie Les P’tits Poulbots nach dem Familiennamen des berühmten Plakatmalers Francisque Poulbot 1879‒1946. Dieser Künstler hatte ein grosses Herz und Charisma. Die damalige Misere der armen, desillusionierten Jugendlichen bewegte ihn. Er wollte sie aus den Gossen von Montmartre befreien. Er fand eine Hütte als Treffpunkt für sie. Dort traf er einmal auf einen Trommler, und gleichzeitig flammte in ihm eine Idee auf: Eine Tambourengruppe mit diesen Burschen! Er verwirklichte sie. Sie besteht bis heute. Fotos im Internet zeigen, wie sie auftreten.
 
Mir ist aufgefallen, dass beide Auftritte – in Paris und Zürich – von Hilfsbereitschaft motiviert sind. Einerseits erinnern die Poulbots, die den Père Noël begleiten, an den Wohltäter und Gründer ihrer Truppe, und andererseits wird von den Zürcher Samichläusen und seinen Helfern viel Arbeit geleistet. Diese kommt notleidenden Familien, Alleinerziehenden und benachteiligten Kindern unserer Stadt und Menschen aus der Bergbevölkerung zugute. Gegen 40 Samichläuse mit je einem Schmutzli (Helfer) besuchen in den Tagen nach dem Einzug in Zürich Familien, Heime, Schulen und Organisationen. Ungefähr 1000 Anmeldungen liegen jeweils vor. Verständlich, dass darum der Festtag des Heiligen Nikolaus auf 12 Tage ausgedehnt werden muss, um allen Anfragen nachzukommen. Mit dem Erlös dieser Besuche kann die St. Nikolausgesellschaft die erwähnte Hilfe leisten.
*
*Aus Paris sind gerade rechtzeitig noch die Daten des Auftritts von Père Noël eingetroffen. Am 9. Dezember 2012 weilt er in den Quartierstrassen von Lepic Abbesses, am 16. Dezember findet die grosse Ausfahrt mit Pferd und Wagen statt.
 
Französisch tönt es vornehmer: Le 9 Décembre Passage du Père Noël dans les rues du quartier Lepic Abbesses. Le 16 Décembre Grand Défilé du Père Noël dans sa carriole.
 
 
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