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BLOG vom 03.12.2012


Museen und menschliche Bedürfnisse – kein Widerspruch
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Der Ort Museum suggeriert zuerst einmal, dass dort Kunst zu sehen ist. Ein unmittelbares Bedürfnis, ein Museum zu besuchen, ist nicht erkennbar. Es gibt sicher Menschen, die nie in ihrem Leben ein Museum betreten. Der Bereich Kunst fällt nicht unter die Kategorie menschliche Bedürfnisse, die der US-Psychologie Abraham Maslow in den 1940er- und 1950er-Jahren aufgestellt hat, es sei denn, er werde unter „Selbstverwirklichung“ angesiedelt, möglich wäre auch „soziale Wertschätzung“. Zu den „körperlichen Existenzbedürfnissen“ zählt die Kunst bei Maslow jedenfalls nicht.
 
Viele assoziieren das Museum mit Gemälden und Skulpturen, hergestellt von Künstlern, die noch leben oder gelebt haben. Es gibt heutzutage aber Museen aller Art, auch solche, die mit Existenzbedürfnissen direkt zu tun haben.
 
So kann man Museen Themengebieten zuordnen, ja es ist sogar möglich, sich Museen, die man besuchen will, danach auszusuchen. Das klingt fremd und sonderbar. Aber ist das nicht das Ziel von Museen, Aufmerksamkeit zu erzeugen, indem Objekte präsentiert werden, die menschliche Bedürfnisse ansprechen?
 
Es gibt Museen der verschiedensten Art. Ich zeige Ihnen Museen, die einen direkten Bezug zu den menschlichen Bedürfnissen haben und die nicht alltäglich sind. Unter alltäglich verstehe ich die schon erwähnten Museen der alten und modernen Künste.
 
Die wichtigsten Bedürfnissen rechnet Maslow der „körperlichen Existenz“ zu. Das sind die Ernährung, die Gesundheit, der Schlaf, Sexualität und Wohnraum.
 
Die Ernährung ist ein Grundbedürfnis und hat etwas mit der Beschaffung, Produktion und Zubereitung von Essen und Trinken und dessen Genuss zu tun.
 
Brot ist ein wichtiges Nahrungsmittel. In Ulm gibt es im Salzstadel, einem Gebäude aus dem Jahre 1592, das „Museum der Brotkultur“. 1955 war es das erste dieser Art weltweit und belegt laut einem der Gründer, „dass die Geschichte des Brotes ein Stück Menschheitsgeschichte ist“ (Hermann Eiselen). Die Geschichte der Brotherstellung, aber auch die Kultur- und Sozialgeschichte des Brotes, sind Themen dieses Museums.
 
Gleich 4 Museen auf einem Fleck, nämlich in Nieheim, Kreis Höxter/Nordrhein-Westfalen, widmen sich der Ernährung im „Westfalen Culinarum“, das Deutsche Käsemuseum, das Westfälische Brotmuseum (speziell Pumpernickel), das Westfälische Schinkenmuseum und das Westfälische Bier- und Schnapsmuseum. Auf insgesamt 3000 m² Ausstellungsfläche werden Geschichte, Herstellung, kulturelle Hintergründe und kulinarische Besonderheiten der 5 westfälischen Grundnahrungsmittel Brot, Käse, Schinken, Bier und Schnaps anschaulich präsentiert.
 
Es gibt mehrere Museen rund um die Kartoffel, den Spargel und die Wurst und weitere zu Bier und Wein, sogar zu Rum und Schnaps. Das „ Deutsche Currywurst Museum“ in Berlin zeigt nicht nur alles zur Currywurst, sondern auch, dass sie ein fester Bestandteil in  Kriminalfilmen der Reihe „Tatort“ ist, die in Köln gedreht werden. Die beiden Kommissare sind oft an einer Currywurst-Bude, direkt am Rhein gelegen, zu sehen, die übrigens zu jedem Dreh wieder dort hingestellt wird.
 
In Heichelheim in Thüringen ist das Klossmuseum zu finden. Es dreht sich darin alles um die Geschichte der Kartoffel und der Kartoffelklösse, letztere sollen am besten so gross wie ein Kindskopf sein.
 
In dem Buch „1000 Gründe in Deutschland zu reisen“ (Verlag Moewig, Hamburg, o. J.) wird „das schärfste Museum der Welt“ vorgestellt. Wir sind noch nicht beim Thema Sex, sondern immer noch bei der Ernährung, und gemeint ist Spicy’s Gewürzmuseum in Hamburg, 50 Original-Gewürze können angefasst, gerochen und probiert werden. Vor der Habanero-Schokolade wird gewarnt, sie enthält eine gute Portion Chili!
 
Die Aufnahme von Nahrungsmitteln führt unweigerlich auch zur Verdauung. Auch dazu gibt es Museen. Zum Zentrum für aussergewöhnliche Museen (ZAM) mitten in München gehört auch ein Nachttopfmuseum, und dort kann man erfahren, dass der Nachttopf oder das Nachtgeschirr in der Schweiz nur Topf, Nachthafen oder Hafen genannt wird und unter Studenten manchmal auch einfach „Schiff“ heisst, denn „schiffen gehen“ bedeutet nichts anderes als urinieren. Der „Stille Ort“, also die Toilette, ist nicht nur literarisch ein Thema, etwa im neuen Buch von Peter Handke („Versuch über den Stillen Ort“), sondern auch für Museen, nicht nur im Toilettenmuseum in Deutschland, etwa das in Gmunden oder in Wiesbaden, sondern auch in Japan in Kagawa und in Indien in New Delhi („Sulabh“).
 
Sie können nicht nur in Hotels schlafen, die wie ein Museum ausgestattet sind, z. B. im So de Quito in Ecuador, sondern auch Museen besuchen, die sich dem Thema Schlaf angenommen haben. Im niedersächsischen Alfeld gibt es ein Schnarchmuseum. Darin werden Instrumente gezeigt, die das Schnarchen verhindern sollen: Lederriemen, Kanonenkugeln, die Soldaten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf den Rücken geschnallt worden sind, Kerzen für die Ohren und elektrische Vorrichtungen, die Stromschläge austeilten. Ein Bettenhaus in Freiberg in Sachsen hat ein Schlafmuseum eingerichtet, das sich der Schlafkultur widmet. Ein Ausstellungsstück ist eine Kopfstütze der Achanti in Afrika.
 
Zum weiteren Grundbedürfnis des Menschen, dem Geschlechtsverkehr, kurz Sex, gibt es einige Museen zu besichtigen. Mitten in Amsterdam, direkt gegenüber des Bahnhofs, findet man das Sexmuseum. Die vielen Bilder und Gegenstände rund um den Sex sind auf 3 Stockwerken in verschiedenen Zimmern verteilt. Die Zimmer haben Namen: Mata Hari, Marquis de Sade, Rudolf Valentino, Oscar Wilde, Marquise de Pompadour und so weiter. In den Räumen sind die unterschiedlichsten Geräusche zu hören. In Berlin findet man das Beate-Uhse-Erotic-Museum. 
 
Von der Gesundheit zur Medizin ist es nicht weit. Denn googelt man „Gesundheit und Museum", bekommt man Hinweise auf medizinhistorische Museen, z. B. in Hamburg, Zürich und in Berlin. In Berlin ist das „Zyklopenbaby“ zu sehen, ein konservierter Babykörper, der Kopf mit einem Auge mitten auf der Stirn und fehlender Nase, und ausserdem sind viele Präparate mit anderen Missbildungen ausgestellt. Es ist wie auf einem Gang durchs medizinische Gruselkabinett.
 
Für Menschen, die sich mit dem menschlichen Sehen beschäftigen, sei „Het Brilmuseum“ in Amsterdam empfohlen. Ein Besucher schrieb: „Und wenn Sie keine Brille tragen, werden Sie sich nach Ihrem Besuch im Brillenmuseum wünschen, Sie hätten eine“. Originell zur Vorbereitung auf den Besuch ist die Website http://www.brilmuseumamsterdam.nl/brilmuseumnl.htm.
 
Das Horst-Stoeckel-Museum in Bonn beschäftigt sich mit der Anästhesie. Hier kann man etwas über die „Bostoner Glaskugel“, ein Inhalationsbehältnis, Vorläufer der Äther-Tropfnarkosen-Maske, und über eine „Sauerstoff-Bombe“, wie das Dosiersystem genannt wurde, erfahren und eine „eiserne Lunge“ besichtigen. Eine solche befindet sich auch im Zürcher Medizinhistorischen Museum.
 
Im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln wird beim Thema „Lebensräume-Lebensformen: Wohnen“ die Frage gestellt: „Wie wohnen Menschen?“  Es werden Wohnformen aus der Türkei, Kanada, Niger und West-Guinea gezeigt. Zur Wohnkultur gibt es viele Museen. Ein Beispiel ist das der Technischen Universität in der Pinakothek im München, das sich vor allem dem Architekten widmet.
 
Sich zu kleiden ist, zumindest in unseren Breiten, ebenfalls ein menschliches Grundbedürfnis. Und so beende ich diesen kleinen Ausflug in Museen zur Grundexistenz des Menschen mit der Kleidung. In Augsburg in Bayern ist im Textilviertel das „Staatliche Textil- und Industriemuseum“ angesiedelt. Es geht um die Herstellung von Kleidung. Das Museumskonzept basiert auf den Fixpunkten Mensch, Maschine, Muster und Mode, die in der Textilindustrie breiten Raum einnehmen. Sie wollten schon immer mal stricken, weben oder Textilien bedrucken? Hier können Sie es lernen!
 
Wie zu sehen ist, gibt es unzählige Museen zu allen Bereichen der menschlichen Existenz. Es muss nicht nur Kunst sein. Wissen aller Art, Staunenswertes und Interessantes ist zu entdecken. Sie haben ein Hobby, ein Gebiet, das Sie immer schon erkunden wollten? Beginnen Sie mit den Websites
 
de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutscher_Museen_nach_Themen   oder
und schon kann es losgehen!
 
Hinweise auf weitere Blogs zu besonderen Museen
24.08.2007: Museum: Riesenstrausse, Mördermuscheln, Quagga und Dodo
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