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BLOG vom 15.12.2012


Anarchismus: Das Wachbleiben gegenüber den Mächtigen
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D 
 
Anarchismus. Welche Gedanken steigen in uns auf, wenn wir diesen Begriff hören oder lesen? Es könnten Chaos, Herrschaftslosigkeit, Willkür, das Recht des Stärkeren, Mord und Totschlag sein. Möglich wäre aber auch, an die Abwesenheit von politischer und wirtschaftlicher Macht zu denken, an ein selbstbestimmtes Leben, an Solidarität, das Infragestellen heutiger Machtverhältnisse und Strukturen, soziale Gleichheit und Gerechtigkeit. Michail Bakunin war ein Verfechter des Anarchismus. In den 1920er-Jahren wurde die Idee weltweit diskutiert und angestrebt. Sie ist nicht tot.
 
Peter Lilienthal, geboren am 27.11.1929 in Berlin, ist ein bedeutender Regisseur. Er wurde am 09.12.2012 mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichnet. Ein Film von ihm ist z. B. „Camilo, der lange Weg zum Ungehorsam“. Er erzählt darin die Geschichte eines Militärfreiwilligen, der sich nach dem Urlaub beim Kriegseinsatz gegen den Irak weigert, dorthin zurück zu gehen und desertiert. Der Film wirft mehrere Fragen auf: warum junge Menschen freiwillig in den Krieg ziehen, warum Eltern dies zulassen, ob Kriege legitimiert sind. Lilienthal sucht die Opfer auf beiden Seiten. Er beleuchtet die Frage der Macht, die auch einfache Soldaten ausüben können, die Macht, als Feinde bezeichnete Menschen zu quälen oder zu töten.
 
Lilienthal bekennt sich zu einem Anarchismus als eine Philosophie der friedlichen Auseinandersetzung und Ideen. Er betont, dass der Begriff ständig missbraucht worden ist und schreibt: „Ich habe durch die grossen philosophischen Gedanken von einem Mann wie Malatesta, die pazifistisch waren, die überzeugen wollten, erkannt, wie wichtig es ist, sich einer Autorität des Staates zu verweigern, um eigene Wege zu gehen, um jeden Tag zu wählen, um die Bedeutung der Entscheidungen des Kollektivs im kleinsten Rahmen zu erkennen usw. Das hat mich begleitet und ist in irgendeiner Form Teil meiner Auseinandersetzungen mit anderen politischen Ideen, weil gerade so eine Utopie immer ein Licht wirft auf die Dressur einer politischen Idee, der die Menschen unterworfen werden.“
 
Errico Malatesta, ein italienischer Anarchist, lebte von 1853 bis 1932. Vielleicht meint Lilienthal ja Texte wie diese von Malatesta: „Der professionelle Historiker alter Schule mag als Gegenstand seiner Forschungen und Berichte die aufsehenerregenden Geschehnisse, die grossen Konflikte unter Völkern und unter Klassen, die Kriege, die Revolutionen, das Ränkespiel der Diplomaten und Verschwörer vorziehen, das eigentlich Wichtige, ja das Wichtigste sind jedoch die unzähligen alltäglichen Beziehungen der Menschen und Gruppen untereinander, die die wahre Substanz des gesellschaftlichen Lebens darstellen. Und wenn man das, was tief innen im ständigen Leben der menschlichen Gemeinschaften geschieht, betrachtet, dann findet man zwar den Kampf für die Sicherung der Lebensbedingungen, Herrschsucht, Rivalität, Neid und alle schlechten Eigenschaften, die die Menschen miteinander in Konflikt geraten lassen, aber man findet ebenfalls fruchtbare Arbeit, gegenseitige Hilfe, ständigen Austausch kostenloser Dienste, Zuneigung, Freundschaft, Liebe und alles, was die Menschen einander näher bringt und sie verbrüdert. Und die menschlichen Gemeinschaften gedeihen oder gehen zugrunde, leben oder sterben, je nachdem, ob Solidarität und Liebe oder Hass und Kampf vorherrschen: ja, das Bestehen irgendeiner Gemeinschaft wäre sogar unmöglich, wenn die gesellschaftlichen Instinkte, die ich als gute Leidenschaften bezeichnen möchte, nicht die schlechten Eigenschaften, die niedrigen egoistischen Instinkte überwiegen würden.“
 
Auch Malatesta meint, dass nur eine Gewalt ablehnende Einstellung geeignet ist, eine Gemeinschaft zu schaffen, die nicht Gewalt ausübt. „Diese ,Moral’ ist veränderbar und relativ; sie variiert von Epoche zu Epoche, von Volk zu Volk, von Klasse zu Klasse, von Individuum zu Individuum und wird von jedem im eigenen Interesse und dem der Familie, der Klasse, des Landes angewandt. Hat man die offizielle Moral erst einmal all dessen entkleidet, was dazu dient, die Privilegien und die Gewalt der Herrschenden zu schützen, so bleibt doch stets ein Rest an Vorstellungen, die den allgemeinen Interessen entsprechen und Errungenschaft der gesamten Menschheit ohne Unterschied der Klassen oder Rassen sind.“
 
Es gilt, wach zu bleiben gegenüber staatlicher und wirtschaftlicher Gewalt, gerade in Zeiten, in denen Parteien meinen, alles regulieren zu müssen. Es gilt, wach zu bleiben gegenüber Macht.
 
„Macht … bedeutet, dass Regeln in festen Formen und Institutionen festgeklopft werden, dass Einfluss und Entscheidungskompetenzen klar verteilt und in Hierarchien installiert sind. Wer Macht hat, kann über andere bestimmen, ‚ohne sich mit deren Freiheit und deren Begehren auseinandersetzen zu müssen’… Die Logik der Macht tendiert dazu, wirkliche Politik zu verhindern und zu verunmöglichen, weil der Erhalt (oder das Erringen) von Macht wichtiger wird als die politischen Inhalte selbst ...“ Dieser Auszug ist dem Aufsatz „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ von Antje Schrupp entnommen.
 
Da ist es legitim, Alternativen zu diskutieren. Ich beobachte z. Zt. die Entwicklung der PIRATEN-Partei in Deutschland genau. Es ist zu spüren, dass dort „der Geist des Anarchismus“ wach ist, festzuhalten etwa an den Bemühungen auf dem Parteitag, allen Meinungen Gehör zu verschaffen. Das Internet als Medium, dessen Entwicklung sich diese Partei nicht zuletzt auch auf die Fahnen geschrieben hat, zeigt diesen „Geist“. In den Medien wird die Partei als „Chaotenpartei“ tituliert. Sie steht ganz am Anfang ihrer Entwicklung, hat eine offene Struktur und viel Diskussionsbedarf im Hinblick auf die zukünftige Ausrichtung. Ich bin gespannt, welche Regeln sich die Partei gibt und wie sie mit dem Problem der Macht umgeht. Momentan scheint es noch so zu sein, wie Antje Schrupp es sich wünscht, dass die politischen Inhalte wichtiger sind als ein Machterhalt. Wenn es der Partei gelingt, wider den Stachel zu löcken und damit Machtverhältnisse in Frage zu stellen, hätte sie viel erreicht.
 
Eine Zeitung zur Idee des Anarchismus habe ich soeben entdeckt, die „graswurzel revolution“. Aus der neusten Ausgabe Nr. 374 vom Dezember 2012 stammt der oben zitierte Auszug von Antje Schrupp. Ein anderer Aufsatz hat die Überschrift: „Anarchie ist Ordnung, nicht Chaos“.
 
Die Zeitung besteht seit 30 Jahren. Ihr Ziel: „Wir streben an, dass Hierarchie und Kapitalismus durch eine selbstorganisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine föderalistische, basisdemokratische Gesellschaft ersetzt werden …“
 
Ich bin der Meinung, dass wir solche Zeitungen brauchen!
 
 
Hinweis auf weitere Textatelier.com-Arbeiten mit Bezug zur Anarchie
 
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