Textatelier
BLOG vom: 30.01.2013

Der Anstand steht an – und er wartet noch immer …

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Als Titel dieses Essays habe ich einen meiner Aphorismen gewählt. Ich frage mich, wieweit gute Manieren heute noch etwas gelten.
 
Der Knigge gibt ausführlich Auskunft über gesellschaftliche Umgangsformen am Esstisch und anderswo, zur Kleidung und anderen Gepflogenheiten. Das ist alles gut und recht, aber ist bloss die Etikette oder das Dekorum, die wir unserem Benehmen aufkleben.
 
Das Handy und der PC-Zauber, mit allen damit verbunden „Gadgets“, grassieren wie eine Seuche in der Öffentlichkeit. Mir scheint, dass heute die Mehrzahl der Leute dauernd mit ihrem Handy verbunden sind. Sie schwatzen ohne Unterlass und quälen damit unsere Ohren.
 
Ins Gespräch verwickelt, überqueren sie wie betäubt die Strassen und plaudern pausenlos in den öffentlichen Verkehrsmitteln und in den Restaurants. Das ist schlimmer als das endlose Musikgerinnsel in den Lifts und Einkaufszentren. Der Mangel an Manieren ist eklatant. Die Raucher werden überall verbannt … Vorderhand werden Konzert- und Kinobesucher angehalten, ihre Handys auszuschalten. Es geht nicht an, diesen elektronischen Verkehr mit Verbotstafeln zu sperren. Ein Leitfaden könnte vielleicht ausreichen, um die Benützer der Handys zu ermahnen, dass es auch diesbezüglich gewisse Anstandsregeln zu beachten gilt.
 
Der Anstand reicht viel tiefer. Er beginnt im Elternhaus und erstreckt sich über die Erziehung in der Schule – und bildet sich an Vorbildern. Leider besteht heute ein akuter Mangel an Vorbildern. Pop-Stars, Fussballspieler und andere Celebs wiegen vor und beeinflussen das Verhalten der Leute.
 
Egoisten drängen sich überall anstandslos vor, sei es als Autofahrer oder als Passagiere im Bus, in der Bahn oder U-Bahn. Im Geschäftsleben wollen sie rücksichtslos ihre Vorteile ergattern. Der verschärfte Konkurrenzkampf verhunzt die Lebensqualität weit und breit.
 
Hinzu gesellen sich die Neider, die sich hinter Masken verschanzen. Neid ist wie Rost und frisst sich ins Gemüt ein. Damit richten sie sich selbst. Man meide sie mit Anstand und Abstand.
 
Anstand kostet nichts und bewährt sich im Alltag. Aber alles hat seine Grenzen, wo der Anstand fehl am Platz ist. Der aufgestaute Ärger braucht manchmal ein Sicherheitsventil. Die so genannten „Cold calls“, die uns telefonisch mit Angeboten überfallen, besonders um die Essenszeiten, schränke ich mit dem Hinweis ein, dass ich diese Calls grundsätzlich nicht beantworte und den Hörer auflege.
 
Auch sonst reisst mir der Geduldsfaden öfter als mir lieb ist. Zum Glück gibt es Ausgangstüren, besonders, wenn das Verkaufspersonal gelangweilt herumsteht und sich keinen Deut um Kunden kümmert.
 
Auf den Punkt gebracht
Abschliessend einige aphoristische Nachsätze rund ums Thema:
 
Höflichkeit bezwingt; ein Lächeln besticht.
*
Wer etwas durch die Blume sagen will, darf keine zu heikle wählen, sonst verwelkt sie, ehe es gesagt ist.
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Auf dem Weg zum Erfolg herrscht viel Stoss- und Gegenverkehr.
*
Hemmungen werden in der Wechselstube der guten Gesellschaft zu Rücksichten.
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Nachahmenswerte Vorbilder findet der Mensch im Tiergarten.
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Wer einem Dummkopf übers Maul fährt, entgleist.
*
Gäbe es nicht solche, die etwas leisten, hätten viele nichts zu lästern.
 
 
Hinweis
 
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