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BLOG vom 02.03.2013


Indien: Wo der Schulbesuch eine begehrte Attraktion ist
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit in Rajasthan (Indien) 
 
In Indien, wie auch in allen anderen nicht- oder wenig industrialisierten Ländern, tummeln sich viele NGOs; die meisten dieser Nichtregierungsorganisationen gelten als Non-Profit-Organisationen. Viele davon kommen aus dem Ausland und machen einen guten Job, sammeln Geld für Entwicklungsprojekte, bauen mit der heimischen Bevölkerung zusammen Häuser, machen Aufklärungsarbeit bei Projekten rund um die Gesundheit, usw. Um Spenden zu bekommen, müssen sie auf sich aufmerksam machen. Sie alle haben Internetauftritte, machen Medienarbeit aller Art.
 
Ich war bereits mehrmals in Indien und habe Institutionen besucht, die ebenfalls gemeinnützig sind, in denen sich Inder engagieren und einsetzen. Sie sind ebenfalls auf Spenden angewiesen, und sie sind sehr findig darin.
 
Da ist z. B. ein Institut, das blinde Kinder unterrichtet, und zwar in Bangalore und in 2 anderen Dörfern. Sie bekochen ihre Schüler auch. So schreibt der Leiter und Zenmeister Sri Rakum einfach draussen an die Tafel, was er für seine 3 Schulen benötigt, und die heimische Bevölkerung kauft die Lebensmittel und bringt sie zur Schule. Das funktioniert Jahr für Jahr.
 
Manche haben es aber nicht so leicht, besonders wenn ein Projekt begonnen wird, das von einer neuen, ungewohnten Idee getragen ist.
 
Ein junger Mann mit Namen Deepak Viswanathan arbeitete als Lehrer in einem staatlichen Projekt, das nach einiger Zeit auslief. Er fand keine neue Anstellung. Seine Frau Amita bekam einen Job als Lehrerin. Er fuhr sie täglich zur Schule, bis sie sagte: „Warum unterrichtest du nicht einfach, auch ohne Geld, dann brauchst du nicht immer hin und her zu fahren!“ Während dieser Zeit las Deepak einen Artikel über Rajasthan, ein Teilstaat von Indien im Norden, mehr als 2500 km weg von dem Ort, wo er zu der Zeit wohnte. Im Artikel wurde erläutert, dass es in Rajasthan viele Kinder in ländlichen Gebieten gibt, die keine Chance und keine Möglichkeit haben, eine Schule zu besuchen.
 
So besuchte das Ehepaar viele Dorfschulen in Rajasthan direkt neben der Wüste Thar und begann in einem kleinen Dorf ausserhalb von Bikaner, einer 600 000-Einwohner-Stadt mit vielen Schulen, in welche diese Kinder nicht gehen können, zu unterrichten. Die Kinder können sich die Fahrt zur Schule nicht leisten; sie sind oft schon älter, bevor sie in die Schule gehen wollen. Es gibt auch verheiratete Mädchen darunter. Die Eltern zahlen etwas Schulgeld. Nach einiger Zeit kamen immer mehr Schüler dazu, zum Beispiel der Sohn eines Schäfers, der unbedingt Lesen und Schreiben lernen wollte. Das Lehrerehepaar überzeugte die muslimischen Eltern, ihre Töchter nicht zu verheiraten, sondern in die Schule zu schicken, wenn diese das wollten.
 
So wuchs die Zahl so an, dass ein grösseres Gebäude erforderlich wurde. Zusammen mit einem Gönner wurde eine Schule gebaut und Ifsar School genannt, auf einem kleinen Stück Land direkt neben einer Moschee. Nach und nach wurden Lehrer eingestellt. 2 Brüder und eine Mutter mit ihrer Tochter sind engagierte Lehrpersonen, mit dem Willen, den Kindern etwas beizubringen, was in staatlichen Schulen oft nicht der Fall ist.
 
Egal, welches Alter die Kinder haben, wenn erforderlich, fangen alle im ersten Schuljahr an. Wenn sie sehr gut lernen, können sie einfach Klassen überspringen. Die Kinder akzeptieren, dass sie unterschiedlich alt in einem Raum sitzen. Sie sitzen auf einem dünnen Teppich auf dem Boden. Es gibt inzwischen auch eine Vorschulklasse, auch dort nicht nur jüngere Kinder.
 
Inzwischen werden u. a. Hindu, Sanskrit, Mathematik, Englisch, Technik unterrichtet. Die Kinder lernen freiwillig.
 
Das Dorf war dafür bekannt, dass sehr viel Einbrüche und Diebstähle stattfinden. Deepak fand eine gute Lösung für das Problem: Er übergab den Schlüssel für die Schule einem der Kinder, das damit einverstanden war, eine halbe Stunde vor Beginn in der Schule dort zu sein. Es fühlt sich verantwortlich für die Zeit seines Amtes, es wird nichts gestohlen. Mit den Schülern wurde darüber gesprochen, dass sie sich beim Diebstahl nur selbst schaden, denn dann fehlt das Material im Unterricht.
 
So hat er noch mehr unkonventionelle Ideen. Deepak sprach mit den Kindern über das Abschreiben und Abgucken bei Tests und warum das sinnlos sei, denn die Kinder können sich dann nicht mehr ehrlich selbst einschätzen. Das zeigte Wirkung, keiner guckt mehr vom anderen ab. Deepak und Amita bringen Eltern und Kinder zum logischen Denken über sich und ihr Leben, auf ethischer Grundlage.
 
Die Eltern werden zum Nachdenken darüber gebracht, ob es für das Kind gut sei, früh verheiratet zu werden, oder etwa, ob es einen Sinn habe, noch mehr Kinder anzuschaffen. Es erfolgt kein Zwang, sondern es werden nur Denkanstösse weitergegeben.
 
Die staatlichen Stellen geben kein Geld; die Schule läuft über das geringe Schulgeld und Spenden. Deepak will sich auch nicht an eine Partei oder an eine Religionsgemeinschaft binden; denn das würde Verpflichtungen mit sich bringen.
 
Das indische Schulsystem ist korrupt. So werden qualifizierte Lehrer auf den Listen der Schulen geführt, aber intern durch billigere, wenig qualifizierte Personen ersetzt. Häufig fällt der Unterricht aus. Oft lernen die Schüler bis zum Ende der Schulzeit kaum etwas.
 
Deepaks Schule ist auf Spenden angewiesen, egal ob Sachspenden oder Geld. Der Schulleiter möchte Computer anschaffen und mit einem Projektor Unterricht mit Internet-Materialien machen. Es wurde eine gemeinnützige Organisation gegründet, die auch im Internet auftritt. Hier werden Schulaktivitäten gezeigt und anderes. Für die Zukunft möchte Deepak, dass die Kinder dazu kommen, die Schule selbst zu organisieren. Ob ihm das gelingt, ist noch offen, aber er arbeitet mit Energie daran.
 
Ein Zeitungsartikel zum 10-Jahre-Bestehen der Schule im „Hindu“, einer führenden Zeitung in Indien, beschreibt, wie sich Deepak ganz bescheiden im Hintergrund hält. Die Kinder und die Schule sind wichtig, für sie will er sich einsetzen.
 
Given the geo-physical location of the terrain, people live in the harshest conditions here. I conceptualise, design, develop and implement programmes that reinforce primary education. I focus on women and adolescents and particularly physically challenged and girl children who are most vulnerable. Discriminated for food, nutrition, education, they take care of most chores. I try to address some fundamental issues faced by this deprived section and implement socially just, innovative and sustainable interventions and solutions,” he talks passionately.
 
Deepak würde sich über weltweites Interesse an seinem Engagement sehr freuen. Ich habe die Schule besucht. Die Kinder sitzen, wie in Indien üblich, auf dem Fussboden im Lotussitz auf einem dünnen Teppich. Sie sind alle begeistert; man merkt ihnen an, dass sie etwas lernen wollen.
 
Ich habe eine Woche lang mit ihnen gearbeitet. Die Älteren haben Grundkenntnisse in Deutsch erworben, die Jüngeren versuchten sich mit Englisch. Es war schön, zu erleben, mit wie viel Freude und Einsatz sie die Vokabeln und Sätze lernten. Es gab keinerlei Disziplinprobleme. In kurzen Zwischenpausen zwischen den verschiedenen Inhalten sah man den Gesichtern an, wie gespannt sie auf den kommenden Lernstoff warteten. Am Ende des Tages wurden die Älteren gefragt, ob sie mit dem Deutschunterricht weitermachen wollen. Fast alle haben „ja“ gesagt. Das ist erstaunlich, denn verwenden können sie es wahrscheinlich nie. Aber es erweitert den Horizont. Und das haben die Kinder intuitiv erkannt.
 
In dieser Schule herrscht ein gutes Klima; Streitigkeiten kommen selten vor. Die Lehrpersonen werden geachtet. Die jüngeren Lehrer praktizieren manchmal eine Disziplinierungsmassnahme: wenn es einen Grund dafür gibt, die Kinder zur Vernunft zu bringen, werden sie auf den Schulhof geschickt und müssen dort 5 oder 10 Minuten mit nach oben ausgestreckten Armen stehen. In Indien sind Schläge üblich, hier an der Schule aber nicht. Die Kinder kommen vertrauensvoll zum Schulleiter, wenn sie Probleme haben. Nach Schulschluss gehen sie eher unwillig nach Haus. Man merkt, sie verweilen hier gern.
 
Hier wird Wissen vermittelt, das die Kinder weiterbringt!
 
Die angesprochenen Internetadressen
 
 
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
 
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