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BLOG vom 21.03.2013


Kinderarbeit in Indien: Missbraucht, um Kindheit beraubt
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit in Rajasthan
 
In Indien ist Kinderarbeit verboten, so steht es im Gesetz. Es kann viel in Gesetze gefasst werden. Wenn es kaum oder wenig Kontrollen gibt und die Kontrolleure wegen Unterbezahlung auch einmal gern die Hand aufhalten, bedeuten Gesetze wenig.
 
Das soll und kann nicht heissen, dass die Behördenvertreter alle so handeln. Viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind jedoch davon überzeugt, dass Politiker und Beamte korrupt sind.
 
Die Zeitungsmeldung in der Indian Sunday Times vom 10.03.2013 berichtet, dass es auch anders geht und staatliche Stellen schnell und effektiv reagieren können. Unter der Überschrift „Child trafficking: 168 kids rescued form train“ geht es um Kinderhandel, und es wird beschrieben, wie die „Government railway police“, also die staatliche Eisenbahnpolizei in Jaipur, der Hauptstadt von Rajasthan, diese 168 Kinder im Alter von 5 bis 12 Jahren aus einem Abteil eines Expresszuges herausgeholt hat. Sie mussten im Zug unter den Sitzen schlafen, waren in der Toilette eingepfercht und hatten nichts zu trinken. Sie waren auf dem Weg von Jaipur nach Kalkutta; sie sollten dort als Arbeitssklaven in Fabriken arbeiten. Ausserdem nahm die Polizei ein Dutzend Personen fest, die in dieses Verbrechen verwickelt waren.
 
In dem Artikel wird beschrieben, dass diese Kinder in die Obhut einer NGO gelangen, also einer nichtstaatlichen Hilfsorganisation, die sich um Waisen- und weggelaufene Kinder kümmert. In Zusammenarbeit mit der Polizei finden sie auch heraus, wer die Eltern sind. Aber: „Sobald wir diese Kinder den Eltern wieder ausgehändigt haben, werden sie diese erneut an einen Agenten verkaufen. Es ist ein Teufelskreis“, so die Aussage eines leitenden Polizeioffiziers. Der Polizei zufolge kommen die Kinder aus den ärmsten nördlichen Teilstaaten Indiens, wie Uttar Pradesh, Bihar, Jharkhand und Bengal.
 
Die eigenen Kinder in die Arbeitssklaverei zu verkaufen, kann aus meinem Verständnis nur aus äusserster Not heraus geschehen, wenn die Eltern nicht mehr weiter wissen, wie sie sie ernähren können. Ich sehe täglich, wie besorgt und liebevoll sich Eltern in Indien um ihre Kleinen kümmern. Dieses Weggeben erinnert ein wenig an die Märchen der Gebrüder Grimm, in dem die Eltern die Kinder in den Wald geschickt oder auch verkauft haben. Da diese Märchen nicht zuletzt auch einen wahren Hintergrund haben, ist das Phänomen wahrscheinlich so alt wie die Menschheit.
 
Das ist das eine Extrem, das andere ist jenes, dass die Kinder in der Familie verbleiben, aber für das Familieneinkommen arbeiten müssen.
 
Auf dem Drahtseil
Ich gehe in New Delhi die Strasse entlang. Direkt am Strassenrand haben Schausteller ein Hochseil gespannt, etwa einen Meter über der Strasse. Ein etwa 6-jähriges Mädchen in einem hübschen Kostüm balanciert darüber hinweg, mit einer Stange, auf einem Einrad, sitzend auf einer Schüssel, mit einem goldenen Krug auf dem Kopf. Ohne Pause, mindestens eine halbe Stunde lang hin und her. Es erinnerte mich an ein dressiertes Äffchen; doch es ist ein menschliches, kleines, kindliches Wesen. Ich weiss nicht, wie oft und wie lange das Mädchen diesen Akt auf dem Seil täglich zu leisten hat, aber damit verdient es das Geld für wahrscheinlich eine ganze Familie. Das ist schwerste Kinderarbeit, zwar verboten, aber nicht aus der Welt geschafft.
 
Der Chai-Verkäufer
Der Basar in der Altstadt von Jodhpur in Rajasthan besteht aus einem Gewirr von kleinen Strässchen, in dem es Hunderte von Läden aller Art gibt, Bekleidung aller Art und Qualität, Schuhe, Schmuck, kleine Kioske mit Süsswaren, Antiquitäten, Spielzeug meistens chinesischer Herkunft, Bücherläden oder solche, die in Leder gebundene, unbedruckte Bücher anbieten, Imbisse für Thali oder kleinere Happen wie Samosa, auch einmal ein Spirituosenladen und Buden oder Karren, die Chai, der manchmal nur Tee, manchmal Massala-Tee genannt wird, verkaufen. Man kann sich schnell verlaufen, wenn man abbiegt und nicht mehr den belebten Strassen folgt. Ich setze mich auf eine kleine Bank vor einem Chai-Laden. Hier sind keine Touristen mehr zu sehen, nur Einheimische.
 
Der Chai-Verkäufer nimmt meine Bestellung entgegen. Neben ihm steht ein 10-jähriger Junge. Ich werde – wie immer – gefragt, aus welchem Land ich komme. Zwischendurch nimmt der Chai-Verkäufer per Handy Bestellungen entgegen, die der Junge dann in die benachbarten Läden und Häuser bringt. Der Verkäufer spricht gutes Englisch, was hier in Rajasthan durchaus nicht normal ist. Er habe eine Schule besucht, 2 Kinder, die ebenfalls in die Schule gingen und fleissig lernten. Ich frage, ob der Junge sein Sohn sei, was verneint wird. Es sei ein Moslem-Junge, kein Hindu wie er. Seine Eltern erlaubten es ihm nicht, in die Schule zu gehen. Sie seien selber Analphabeten. Bei Moslems sei das normal, sie sähen nicht ein, dass eine gute Schulbildung in der heutigen Zeit für Kinder wichtig sei. Auch seine Geschwister gingen nicht zur Schule, die Mädchen schon gar nicht, sie seien niemals allein ausserhalb der familiären Behausung zu sehen. Der Junge schaut mich mit grossen Augen an. Er sei nicht dumm, meint der Chai-Verkäufer. Dann schickt er ihn wieder mit 2 Bechern Chai weg. Bald kommt er wieder und hat 2 runde Chips in der Hand, das seien „Token“ erklärt er mir. Der Verkäufer erläutert, es sei eine Art Ersatzwährung, da es immer zu wenig Münzen und kleine Scheine gäbe. Ob er ihm nicht etwas beibringen könne, frage ich den Chai-Verkäufer. Er habe wenig Zeit, weicht dieser aus, ab und zu schon. Der Junge habe schon viel gelernt. Der Chai entspricht 5 Rupien, umgerechnet 8 Eurocent.
 
In dieser Basarstrasse, aber auch woanders in Indien, stehen Kinder vor den Geschäften. Sie haben Kunden anzulocken, damit sie sich die angebotenen Waren im Laden ansehen und dann auch etwas kaufen. Sie stehen dort den ganzen Tag oder laufen ein wenig vor dem Laden hin- und her. Die Kinder sind zwischen 8 und 12 Jahre alt.
 
Kinder bieten sich mir auch oft an, meine Schuhe gegen ein geringes Entgelt zu putzen. Vor wenigen Tagen sah ich auf einem Markt ein kleines Mädchen, sitzend auf der Strasse, kleine Körbe zu flechten. Sie hatte an dem Tag schon einige fertiggestellt, und man sah, dass sie diese Arbeit oft erledigte, so routiniert arbeitete sie. Ein noch jüngeres Kind lag neben einigen fertigen Körben und schlief.
 
Kinder erledigen oft Reinigungsarbeiten, sie spülen Geschirr, fegen, putzen. Sie helfen in gastronomischen Betrieben, bringen die Speisen an die Tische und säubern diese. Sie schleppen Säcke mit Waren hin und her und anderes, manchmal auch auf dem Kopf, so wie häufig Frauen zu sehen sind, die etwa auf dem Bau arbeiten.
 
Kein Ende der Kinderausbeutung?
Ab und zu rütteln Skandale in den westlichen Medien die Menschen auf. Da werden billige Bekleidungsstücke, die in den einschlägigen Läden und Ketten verkauft werden, durch Kinderarbeit in China, Indien oder anderen Ländern gefertigt. Das wird von Journalisten und Organisationen, die sich den Kinderschutz auf die Fahne geschrieben haben, bewiesen. Die Geschäfte dementieren oder zeigen auf, wie sie diesen Missstand behoben haben, etwa indem sie den Herstellungsbetrieb wechseln. Die Bevölkerung kann die Textilien wieder beruhigt kaufen.
 
Heisst das jetzt, dass dadurch Kinderarbeit beseitigt wird? Ich glaube nicht. Die Kinder haben zum Lebensunterhalt ganzer Familien zumindest beigetragen, wenn nicht sogar ganz dafür gesorgt. Das wird weitergehen, also werden die Kinder weiter schuften, sie werden Steine schleppen, Waren austragen, betteln gehen, usw. Die Reihe lässt sich endlos fortsetzen, bis hin zur sexuellen Ausbeutung.
 
Noch vor etwas mehr als 100 Jahren war das in Europa nicht anders. Kinder waren kleine Erwachsene, die schnell für das Familieneinkommen mit sorgen mussten. Man kann nachlesen, wie Kinder in der Kohlengrube durch die engen Gänge kriechen und auf dem Hof schuften mussten. Das unbeschwerte Kinderleben zu Hause oder in Krippen, im Kindergarten und in der Schule gibt es noch gar nicht so lange.
 
Ich glaube nicht an ein Ende von Kinderarbeit. Armut, Arbeitslosigkeit und vieles andere machen es für viele Familien zur Notwendigkeit, ihre Kinder arbeiten gehen zu lassen. Erst ein höherer Bildungsstandard, der auch eine Veränderung bei der Akzeptanz von Kinderzahlbeschränkung und Geburtenkontrolle mit sich bringt und eine feste, ausreichend bezahlte Arbeit mindestens eines erwachsenen Familienmitgliedes könnte langsam eine Änderung bringen. Auf Politiker kann man nach der Ansicht vieler Inder nicht bauen. Es wird noch lange dauern, bis sich etwas grundlegend ändert, auch wenn es Zeichen für eine Verbesserung gibt.
 
An der Strasse in Indien stehen Schilder gegen das zu schnelle Fahren: „Time is money, life is precious!“ Zeit ist Geld, das Leben ist kostbar. Haben das die Familien nicht auch erkannt, die ihre Kinder für ein paar Tausend Rupien verkauft haben? Oder haben sie den Spruch nur anders ausgelegt, sollten sie ihn überhaupt wahrgenommen haben?
 
Ist es zynisch, zu bedenken, dass es oft besser wäre, diese Kinder würden erst gar nicht geboren? Ich bin für Empfängnisverhütung aller Art und gegen Abtreibung. Weibliche Föten werden in Indien immer noch häufiger abgetrieben als Jungen, weil das Verheiraten der Töchter Familien in den finanziellen Ruin treiben kann. Der Anteil der männlichen Föten ist aber auch nicht gering. Erspart das diesen Kindern oft nicht auch ein menschenunwürdiges Leben?
 
Quellen
 
SUNDAY TIMES OF INDIA, Jaipur, March, 10, 2013, TIMES CITY, page 2.
  
 
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
 
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