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BLOG vom 01.05.2013


Gefühlsleben in London: Warum ich Politiker nicht mag
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
In Grossbritannien werden demnächst Lokalwahlen abgehalten. Schon seit Wochen werden im Fernsehen „Party Election Broadcasts“ präsentiert. Ich schalte ab. Das Geleier der Politiker entbehrt der Substanz und entartet zum leeren Wortgeschwafel. Die Parteien bekämpfen einander. Das ist dem Land abträglich.
 
Viele Kinder kriegen keine Schulmahlzeiten mehr; viele Familien sind auf „Food Banks“ angewiesen. Bereits ab dem kargen Einkommen von £ 10 000 wird die Einkommenssteuer erhoben. Neue Steuerfinten gesellen sich zu den alten, die das Familienbudget belasten. Kurzum, mit £ 10 000 im Jahr kann heute keine Familie mehr auskommen. Die Energiepreise klettern in die Höhe, und die Tarife sind undurchsichtig. Betagte Leute starben während des harten Winters 2012/2013 in ihren Wohnungen. Statistiken werden frisiert: Die Zahl der Arbeitslosen senke sich, wird gemeldet. Die Börse steigt, wenn Grossfirmen rationalisieren, d. h. Stellen abbauen. Einer tragfähigen industriellen Basis beraubt, müssen viele Güter mit dem entwerteten Pfund importiert werden. Leute, vorneweg Jugendliche, werden aufgefordert, als Volontäre zu arbeiten.
 
Die englischen Politiker nehmen die USA zum Vorbild. Das ist verständlich, denn ihre Fremdsprachenkenntnisse sind bestenfalls fragmentär. So entgeht ihnen, wie Nationen auf der anderen, östlichen Seite des Ärmelkanals die wirtschaftlichen und sozialen Probleme angehen. Ein Gedankenaustausch findet nicht statt. Eine Verbesserung des Bruttoinlandsprodukts im 1. Quartal von 0.3 % wird hochgejubelt. Damit entkam das Land knapp der gefürchteten „Triple-Dip Recession“. Die Staatsverschuldung der Nation erhöhte sich nach wie vor (plus 7.4 % auf £ 1185 Milliarden / englisch Billions, wenn Schulden auf Schulden gestapelt werden).
 
Laut dem „UK Peace Index“, vom Institut for Economics and Peace erstellt, soll die Kriminalität innerhalb der letzten 10 Jahre um 11 % gesunken sein. Das tönt erfreulich. Doch London und Strathclyde schneiden national am schlechtesten ab, gemessen an der Anzahl der Messerstechereien zwischen Jugendlichen, Attentaten mit Schusswaffen und Raubdiebstählen sowie anderen strafbaren Vergehen. Folgende Stadtbezirke haben die höchste Kriminalität: Lewisham, Lambeth, Hackney, Newham und Tower Hamlet. Extreme Armut treibe Verbrechen an, meldet das Institut. Drogen- und Alkoholmissbrauch sind in diesem Zusammenhang ebenfalls zu nennen. Bange Frage: Wird es dieses Jahr wiederum zu verheerenden Krawallen kommen?
 
Neid frisst sich wie Rost ins Eisen. Die sozialen Kontraste sind unüberbrückbar geworden. Die Politiker tragen, so scheint mir, Scheuklappen und wollen davon nichts wissen, sind von Egomanie und Machthunger getrieben. Die einstigen Grammar Schools, die Kindern aus bescheidenen Verhältnisse eine gute Ausbildung sicherten, sind bis auf wenige ausgestorben. Der freie Universitätszugang ist bedürftigen Leuten versperrt (Eintrittspreis: £ 9000!).
 
Wie wird man zum Politiker der gehobenen Klasse? Die Arroganz und Hochmut wird in Eton, Oxford und Cambridge hochgezüchtet. Sie bezeichnen sich vorwiegend als Christen und stellen sich damit ihr eigenes Armutszeugnis aus. Eine Redensart aus der Bibel heisst: „Hochmut kommt vor den Fall“. (Ich warte darauf.) Für die Politiker ist die Partei eine Party – mit allen Vorteilen des Amts beschickt.
 
Gibt es einen Ausweg? Leute mit nachweislich vertieftem Wissen und Kenntnissen – auf Lebenserfahrung abgestützt – sollten in der Politik die Posten bekleiden. Das dürfte schale Debatten begrenzen und das angeschlagene Ansehen der Regierung aufwerten.
 
 
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