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BLOG vom 16.06.2013


Heile Welt, wo Trinkwasser und Wein im Wurstduft fliessen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Man stelle sich bitte eine kleine Gemeinde an einer sonnigen Südlage vor, die vom Glück ständig begleitet ist. Sie ist unabhängig (also in keinem fusionierten Verbund gefesselt). Ihre Finanzen sind dermassen gut, dass beim Anblick der Gemeinderechnungen der Gemeinderat und die Finanzkommission zuerst nur ungläubig den Kopf schüttelten: Fr. 971 269.32 Ertragsüberschuss. So viel! Und das weckt nicht einmal Begehrlichkeiten – höchstens eine Signaltafel „Tempo 30“ auf der Kirchbergstrasse wurde angeregt, die man sich aber auch einsparen will. Immerhin leistete man sich im Berichtsjahr 2012 einen neuen automatischen Brieföffner fürs Wahlbüro, weil der alte den Geist aufgegeben hatte (1700 CHF) und den Ersatz der Frankiermaschine (3100 CHF). Man konnte das im letzten Moment noch unter Dach und Fach bringen, bevor der digitale Verkehr das letzte Couvert aus handgreiflichem Papier alt aussehen lässt.
 
Man stelle sich bitte dieselbe Gemeinde vor, in welcher der Gemeindeammann und bekannte Architekt Peter Frei zu einem grösseren Verbrauch vom des besten Trinkwassers aus Juraquellen und -wasserkammern aufruft. Wasser gibt es hier in Fülle, aber die verbrauchsabhängige Wasserrechnung müsste verbessert werden (Defizit 2012: CHF 23 001.05). Lecke Gemeindeleitungen bringen nichts. Ihre vollkommen sinnlose Wassersparsamkeit wird die Gemeindebewohner teurer zu stehen kommen: Eine Wasserpreiserhöhung steht bevor. Ein Wermutstropfen. Demgegenüber blüht das Abwassergeschäft, das ebenfalls eigenwirtschaftlich betrieben wird: CHF 103 002.05 Ertragsüberschuss (ich gebe hier die Zahlen auf Franken und Rappen genau bekannt, um darzutun, wie hier auch der Rappen geehrt wird). Jedenfalls müssen wir uns Bewohner nicht moralisch verpflichtet fühlen, uns bei der Abwasserproduktion mehr anzustrengen.
 
Wie man sieht, gibt es innerhalb der Gemeindeverwaltung eigene Kassen mit individuellen Abrechnungen. Und was sonst in der globalisierten Welt die Banken über SWIFT unter US-Kontrolle tun, wird in der glücklichen Gemeinde innerhalb der verschiedenen Kassen erledigt. Wetten, die Amerikaner wissen nicht genau, welche Transaktionen innerhalb unseres Gemeindehauses vonstatten gehen. Übervolle Spezialkassen leihen Geld an hilfsbedürftige Kassen aus, wobei das geliehene Geld intern mit einem relativ hochtrabenden Zinsfuss von 2.75 Prozent verzinst wird – es bleibt ja in der Familie und entspricht laut Gemeindeschreiber Stefan Kopp den kantonalen Vorschriften. Einer der 67 (von 1118) Stimmberechtigen, die an der Gemeindeversammlung teilnahmen, stellte die Frage in den Turnhallenraum, ob auch er sein Erspartes bei der Gemeinde zu diesem für heutige Verhältnisse höchst attraktiven Zinsfuss ablegen dürfe. Aber irgendwo hat das gemeindeautonome Bankwesen sein Ende.
 
Während anderweitig der Volkszorn durch Demonstrationsschlachten im Tränengasnebel abreagiert wird, forderte in der beschriebenen friedlichen Gemeinde der Ammann Frei sein Volk auf, doch bitte kritische Fragen zu stellen. Bei solchen Schlagabtauschen blüht er jeweils richtig auf, ist er als Eingeborener doch mit allen Wassern gewaschen, die ja am Sonnenhang in so verschwenderischer Fülle vorhanden sind. Doch angriffige, kritische Fragen blieben aus; die unbändige Volkszufriedenheit ist kein Nährboden dafür. So wurde denn die Versammlung nach weniger als einer halben Stunde geschlossen.
 
Die 67 Versammlungsteilnehmer wurden nach getaner direktdemokratischer Arbeit gebeten, vom Schulhaus, dessen Vergrösserung bereits begonnen hat und somit von einer Baustelle mit allen Attributen umgeben ist, zur nahen Biobadi hinüber zu wechseln. Dort halfen unter freiem Himmel alle nach Leibeskräften vorbeugend mit, durch den Konsum von Grill-Bratwürsten und -Cervelats plus Senf sowie Wein und Orangensaft den Gemeinderechnungsüberschuss 2013 in Grenzen zu halten – nahe der Aare und im Wissen darum, was Ausuferungen bedeuten können.
 
So war es in Biberstein, Bezirk Aarau, Kanton Aargau. Ein Zuzüger sagte mir, es sei schon etwas Herrliches, in so einer Gemeinde zu leben. Ich nickte kräftig. Eine schwach nach Muskatblüten und Majoran duftende Bratwurst mit einer bräunlichen Maserierung kann die Erhabenheit noch betonen.
 
 
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