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BLOG vom 22.06.2013


Die Tränchen des Peer Steinbrück – einige Erkenntnisse
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Ursprünglich plante ich, etwas über die Dummheit zu schreiben. Die Forschungsergebnisse von Prof. Siegfried Streufert zu diesem Thema fand ich spannend. Dann erinnerte ich mich ans Peter-Prinzip. Während ich noch darüber grübelte, wurde in den Medien ausführlich gezeigt und dargestellt, wie Peer Steinbrück, der Kanzlerkandidat der SPD, nach der Rede seiner Frau auf einem Parteitag ein paar Tränen herausdrückte und einen Augenblick vor Rührung mit der Entgegnung dieser Rede innehalten musste. Das führte mich zur Frage, ob das Zeigen von Gefühlen Wählerstimmen bringt und weiter zum Einfluss der Rolle von „Emotionaler Intelligenz“ bei beruflichen und politischen Aufstiegsplänen. Dann fiel mir das Buch von Erving GoffmanWir alle spielen Theater – Die Selbstdarstellung im Alltag“ in die Hände. Was nun? Mein nächster Gedanke war, dass alle diese Themen „Schnittpunkte“ haben, sich also irgendwo treffen. Ich dachte, das könne ja interessant werden!
 
„Die Dummheit ist jetzt überall“ (Esther Vilar, Der betörende Glanz der Dummheit, S.193).
 
Das schreibt Streufert über Dummheit in der Presse: „Ich habe etwas herausgefunden, was unzählige Menschen erleichtern wird: Dummheit hat Zukunft.“
 
Mein erster Gedanke war, nicht nur Zukunft, sondern auch Vergangenheit und Gegenwart! Der „führende“ Intelligenzforscher, übrigens aus Deutschland stammend und vorher Universitätsprofessor in Bielefeld, hat Mitglieder der US-Army untersucht und kam zu folgenden Ergebnissen:
 
-- Es gibt unter ihren hohen Offizieren zu viele Dummköpfe.
-- In den alleruntersten Karrierestufen, etwa bis zum Oberleutnant, werden die Intelligenten ausgeschieden.
-- Jene, die nichts hören und nichts sehen, steigen stur und unbeirrt bis in die höchsten Kommandostellen über Leben und Tod empor.
 
Überrascht hat mich das Ergebnis nicht. Wer jahrelang nur stur getan hat, was ein Spiess ihm befohlen hat und nicht resigniert oder nicht versucht, so schnell wie möglich aus dem Drill auszuscheiden, bevor er oder auch sie in ein Land geschickt wird, um die Vormachtstellung der USA im Sinne der Politiker zu sichern, kann nicht unbedingt zu den Intelligentesten gehören.
 
Die weiteren Forschungsergebnisse haben mich da schon nachdenklicher gemacht:
-- Die Universität ist ein Hort der Dummheit.
-- An der Universität muss gedacht werden. Gerade im Denken aber ist der Dumme dem Gescheiten gegenüber weit im Vorteil. Im Kopf des Dummen ist alles viel klarer. Im Kopf des Dummen führen wenig, dafür kräftige und saubere Linien des Denkens zu den festen Knoten sicherer Schlussfolgerungen und rechtzeitiger Entscheidungen.
 
Albert Einstein sei zwar nie untersucht worden, er habe „so wirr gedacht wie ein Hund“, und das passe nicht zur Karriere eines Universitätsprofessors; dieser grabe sein ganzes Leben lang immerzu nur an einer Stelle. Dafür aber meistens gleich an der richtigen. Weil er dumm ist, grabe er nämlich dort, wo ein anderer, intelligenterer bereits vorgegraben hat.
 
Übrigens, diejenigen, die es auf der Karriereleiter weit hinauf gebracht haben, seien teilweise viel gesünder, also: „Die Dummen sind eindeutig gesünder als die Intelligenten. Das gilt, wie ich inzwischen herausgefunden habe, nicht nur für Herz und Herzkranzgefässe, sondern auch für Magen und Darm."
 
Soweit die Forschungsergebnisse. Ich warne davor, sie auf die eigene Person zu münzen, dafür sind es Ergebnisse eines Forschungsgebiets, das meines Erachtens nicht immer den strengen wissenschaftlichen Regularien entspricht, z. B. bei der Reliabilität (Zuverlässigkeit) und Validität (Gültigkeit). So könnten neue Forschungen z. B. in Europa ganz andere Ergebnisse zeitigen. Denn jede wissenschaftliche Erkenntnis hält solange, bis ihr widersprochen wird.
 
Dennoch: das Lesen dieser Befunde führten mich zum Peter-Prinzip. Dieses Prinzip ist eine These von Laurence J. Peter: Sie sagt aus, dass jedes Mitglied einer ausreichend komplexen Hierarchie so lange befördert wird, bis es das Mass seiner absoluten Unfähigkeit erreicht hat, was in der Regel das persönliche Maximum der Karriereleiter markiert und weitere Beförderungen ausbleiben lässt. „Nach einer gewissen Zeit wird jede Position von einem Mitarbeiter besetzt, der unfähig ist, seine Aufgabe zu erfüllen.“
 
Auch dieser These fehlt die strenge wissenschaftliche Genauigkeit. Aber: Ganz ehrlich? Haben Sie und ich das nicht schon öfters gedacht, bei unseren Chefs, bei den Fehlern des Wirtschaft- und Finanzmanagements, die öffentlich werden? Oder bei dem, was sich die Politiker so leisten?
 
Dann stiess ich auf eine These, die zur Frage führte, was wichtiger sei, intellektuelle Intelligenz oder Emotionale Intelligenz (EI).
 
Den Begriff „EI“ als Terminus gibt es erst seit 1990, aber er beruht auf früheren Forschungen zur „Theorie multipler Intelligenzen“, die auch „soziale Intelligenzen“ genannt wurden. Der Kerngedanke besagt, dass ein Vorgesetzter, der zwar etwas von seinem Beruf versteht, aber in sozialer und emotionaler Hinsicht Defizite aufweist, scheitern könnte (oder möglicherweise weiter aufsteigt?). Zu EI gehören die Wahrnehmung, die Nutzung, das Verstehen, die Beeinflussung aller Arten von Emotionen und der Umgang damit, Empathie und der Umgang in Beziehungen.
 
Der erste Bereich Wahrnehmung von Emotionen umfasst die Fähigkeit, Emotionen in Mimik, Gestik, Körperhaltung und Stimme anderer Personen wahrzunehmen. Der zweite Bereich der Nutzung von Emotionen zur Unterstützung umfasst Wissen über die Zusammenhänge zwischen (eigenen und fremden) Emotionen und Gedanken, welches z. B. zum Problemlösen eingesetzt wird. Das Verstehen von Emotionen spiegelt die Fähigkeit wider, Emotionen zu analysieren, die Veränderbarkeit von Emotionen einzuschätzen und die Konsequenzen derselben zu verstehen. Die Beeinflussung von Emotionen erfolgt auf Basis der Ziele, des Selbstbilds und des sozialen Bewusstseins des Individuums und umfasst z. B. die Fähigkeiten, Gefühle zu vermeiden oder gefühlsmässige Bewertungen zu korrigieren. Der Begriff „Intelligenz“ ist in diesem Zusammenhang umstritten. Ich würde die Inhalte eher „soziale Kompetenzen“ nennen.
 
Der letztgenannte Aspekt ist hinsichtlich der Selbstdarstellung von Peer Steinbrück interessant. Die Umfrageergebnisse zu seiner Person und zu den Chancen der Partei, die notwendige Mehrheit für einen Regierungswechsel zu erreichen, sahen nicht besonders gut aus. Da kommen Emotionen in der Öffentlichkeit gerade zum richtigen Zeitpunkt. Die Ehepartner der Politiker, die zeigen, dass sie zum Kandidaten stehen, seine Arbeit würdigen und ihn unterstützen, suggerieren ein positives Gesamtbild in der Öffentlichkeit. Da Wählerstimmen nur teilweise aufgrund rationeller Überlegungen gewonnen werden, sondern häufig auch die Folge eines sympathischen Auftretens des Kandidaten sind, ist es ebenso wichtig, negative gefühlsmässige Bewertungen zu korrigieren. Der als agile und in geschäftlicher Hinsicht als „aalglatter“ Politiker eingeschätzte Peer Steinbrück erhält durch die herausgepressten Tränen „eine menschliche Note“. Er ist also doch nicht so kalt und berechnend, sondern hat Gefühle, die sein Handeln mitbestimmen. Auf einmal zeigt er, dass er „mit Herzblut“ bei der Sache ist. Also kann seine Politik nicht so schlecht sein!
 
In diesem Zusammenhang ist das Buch von Erving Goffman „Wir alle spielen Theater“ mit dem Untertitel „Die Selbstdarstellung im Alltag“ bemerkenswert.
 
In unserer Gesellschaft werden die Rolle, die man spielt, und das Selbst, das man ist, in einer Weise gleichgesetzt, und diese Selbst-als-Rolle wird meist als etwas gesehen, das im Körper des Besitzers zu Hause ist, besonders in den oberen Teilen desselben, also sozusagen als ein Knoten in der Psychobiologie der Persönlichkeit“ (S. 230).
 
Goffman stellt fest, dass die Rolle, die gespielt wird, in der Gesellschaft als „wahr“ angesehen wird, nicht als Rolle, sondern als Ausdruck der Persönlichkeit.
 
„Eine richtig inszenierte und gespielte Szene veranlasst das Publikum, der dargestellten Rolle ein Selbst zuzuschreiben, aber dieses zugeschriebene Selbst ist ein Produkt einer erfolgreichen Szene, und nicht ihre Ursache.“
 
Dazu passt genau die Meldung von RP-Online vom 18.06.2013:
 
Gertrud Steinbrück ist der neue SPD-Liebling
Neues im sozialdemokratischen Wahlkampf: Die Strategen planen einen Auftritt des Kanzlerkandidaten, und hinterher sagen alle, die Aktion sei gelungen. Die Überraschung verdankt Peer Steinbrück seiner Frau. Bringt sie die Wende? Auf den Fluren der Parteizentrale ist man froh, dass am Sonntag, 16.06.2013, ein anderes Bild des Kanzlerkandidaten in der Öffentlichkeit präsentiert wurde als in den vergangenen Monaten. Es war auch das erste Mal im Wahlkampf, dass ein Auftritt exakt die Wirkung hatte, die sich die Strategen versprochen hatten.“
 
Ich fasse meine Ausführungen zusammen:
1. Ein Intelligenzforscher stellt fest, dass Dummheit Zukunft hat und überwiegend Dumme Spitzenpositionen erreichen.
2. In einer komplexen Hierarchie werden Mitglieder so lange befördert, bis sie die absolute Unfähigkeit erreicht haben.
3. Emotionale Intelligenz wird dafür eingesetzt, gefühlsmässige Bewertungen durch andere zu beeinflussen.
4. Ein gut inszeniertes Rollenspiel, strategisch gut platziert, kann der Karriere dienliches gewünschtes Verhalten Dritter positiv beeinflussen.
 
Aufschlussreich, nicht wahr?
 
Quellen
Erving Goffman: „Wir alle spielen Theater“, Serie Piper, München, Zürich 1991, 7. Aufl.
 
Hinweis auf weitere Blogs über Peer Steinbrück
 
 
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