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BLOG vom 22.03.2005


Die Schulmassaker, deren Vorbilder und die Indianer

Autor: Walter Hess

Die Schulen in den USA, bei denen seit langem Wachleute postiert sind, werden nach den ständigen Massakern wahrscheinlich allmählich zu Festungen mit strenger Zutrittskontrolle um- und ausgebaut und die Lehrer sowie Schüler mit kugelsicheren Kleidern ausgerüstet werden. Nach den Gründen solch bedenklicher Erscheinungen fragt niemand. Auch die Erwachsenen ergötzen sich ja mit Vorliebe an Schiessereien grossen Stils, an Mord und Totschlag auf allen Leinwänden und Bildschirmen.

Man müsste die Menschen zu anderen, zu den wirklichen Werten hinführen, falls man eine andere Gesellschaft haben wollte. Doch existiert eine mächtige Industrie, die von den empörenden Einzelfällen wie den Massenmorden in Schulhäusern und ähnlichen menschlichen Katastrophen sehr gut lebt. In seinen philosophischen Stenogrammen schrieb Günther Anders unter dem Titel „Übertreibungen in Richtung Wahrheit“ (1965): „Den empörenden Einzelfall benötigt das System ja sogar, um auch aus diesem wiederum Unterhaltungsware zu machen.“

An solcher Ware besteht keinerlei Mangel: Bereits 1999 war es in Columbine im US-Bundesstaat Colorado zu einem Schulmassaker gekommen, bei dem insgesamt 14 Schüler, darunter die beiden Täter, und eine Lehrkraft getötet wurden. 2002 erschoss in Minnesota ein Schüler 2 Klassenkameraden. Auch andere Teile der amerikanisierten Welt waren von solchen Gewalttaten betroffen. So erschoss 2002 in Erfurt (Deutschland) ein Schüler 13 Lehrer, 2 Schüler sowie einen Polizisten, und er tötete sich dann selbst.

Beim neuesten Amoklauf im US-Bundesstatt Minnesota hat ein Schüler am Montag, 21. März 2005, nicht weniger als 9 Menschen erschossen und sich dann selbst gerichtet. Dieser Fall ereignete sich in einem Indianerreservat, das von Ojibwa-Indianern (Anishinabe, Chippewa) bewohnt wird. Die indianische Kultur ist in den USA seit der Ankunft der rücksichtslosen weissen Einwanderer in einem erbärmlichen Zustand, wie ich aus eigener Anschauung weiss. Als ich einmal in einem Indianerladen in Florida eine Tabakpfeife kaufen wollte, fand ich neben Sexpostkarten und Plastikplunder nur noch ein simples Pfeifen-Modell aus Ecuador.

Alkohol und Spielcasinos wurden den Ureinwohnern zum Verhängnis, als sie vom weissen Mann nach Phasen der Verfolgung und Unterdrückung (nach dem Vorbild der europäischen Kolonisatoren), aus denen Elend und Stammesauflösungen resultierten, endlich in Ruhe gelassen wurden. Aber damals waren ihre Traditionen, die während wohl 10 000 Jahren herangereift waren, bereits zerstört. Auch in Red Lake, wo sich das jüngste Schulmassaker ereignete, leben heute viele halbzivilisierte Indianer in Armut und sind ohne Arbeit. Mit dem Anbau von Wildreis und Fischfang können sie noch einigermassen überleben.

Kaputte Gesellschaften produzieren ein kaputtes Verhalten. Mit Überwachungen, Polizeistaatlichkeit, Bodyguards und Armeeeinsätzen löst man die Sache nicht. Aber eben, wahrscheinlich will man sie auch gar nicht lösen.

Die Kinder, die in diesem Umfeld aufwachsen müssen, tun mir Leid. Diejenigen jungen Menschen, die sich trotz allem anständig verhalten, ebenso wie jene, die sich nicht mehr zurechtfinden und den Vorbildern, die mit denen sie aus allen Kanälen bombardiert werden, nacheifern.

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