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BLOG vom 14.08.2013


Energiewende: Die Freude an gewissen Risiken neu belebt
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Im Zeichen der Energiewende hat sich Wunderliches getan: Die Freude am Risiko hinsichtlich der erneuerbaren Energien ist erwacht. Jede Energieart berge ihre Risiken, eine hundertprozentige Sicherheit gebe es nicht, lautet die übereinstimmende Meinung. Da kann man halt nichts machen. Nur in Bezug auf die Kernenergie sind keine Risiken geduldet. Die Sicherheitsphilosophien mussten in jenem technischen Bereich so weit hochgeschraubt werden, bis sie sich selber im Wege standen. Wenn man zum Beispiel 6 Kühlpumpen, jede zur Absicherung der vorderen, hintereinander aufreiht, ist die Pannenwahrscheinlichkeit grösser als bei einer Beschränkung auf 3 Pumpen (die KKW-Sicherheit ist im Wesentlichen ein Kühlproblem). Selbst bei den heissen Köpfen.
 
Der Allgemeinplatz über die Risikokultur trifft zu – und zwar auf alle Äusserungen des Lebens. Gefahren lauern allüberall. Und nicht einmal die Natur macht eine Ausnahme: Erdbeben, Tsunami, Überschwemmungen, Blitz und Donner, Hangrutschungen, Bergstürze usw. Wer einen gewissen Risiko-Restbestand einräumt, hat sich wenigstens verbal abgesichert, komme, was da kommen möge. Und viele Menschen sehnen das Risiko gar herbei, so etwa die Betreiber von Risikosportarten. In der Möglichkeit, auf spektakuläre Weise tödlich zu verunfallen, finden sie den ultimativen Kick, so etwa beim Base-Jumping, wo aufgrund der niedrigen Absprunghöhen auf einen Reservefallschirm verzichtet wird, da die Zeit für dessen rechtzeitige Aktivierung bei einer Störung des Hauptschirms ohnehin nicht ausreichen würde. Hier ist eine zusätzliche Sicherheit zugunsten des erhöhten Risikos bewusst ausgeschaltet.
 
Unsympathische und sympathische Risiken
Der Gegensatz „Erneuerbare Energien“ (beliebt) – Kernkraft (unbeliebt) lehrt, dass das Risiko entweder dämonisiert oder aber heruntergespielt bzw. verniedlich wird, je nachdem eine Zuneigung oder Abneigung gegen eine Aktivität vorhanden ist. Es ist genau wie in der Politik, wo in gute Staaten (dürfen alles) einerseits und in Schurkenstaaten (werden bestraft, wenn möglich kaputt gemacht) anderseits eingeteilt wird. Wobei meine persönliche Einschätzung in vielen Fälle allerdings nicht mit der offiziellen übereinstimmt.
 
Der eingetrichterte manichäische Dualismus hat dazu geführt, dass die Heerscharen, die von einer massiven Propaganda zu AKW-Gegnern umerzogen wurden, bereit sind, alle die Risiken und Lebensraum-Beeinträchtigungen hinzunehmen, wenn die Alternativenergien bloss eine Spur mithelfen, die verpönte Kernenergie zu kompensieren. Stromimporte aus Braunkohlekraftwerk-Dreckschleudern nimmt man gelassen hin; früher haben sich die Umweltschutzorganisationen noch vehement dagegen gewehrt. An den Erdöl-Verschleiss und die damit verbundenen Schäden hat man sich ohnehin gewöhnt. Die von den Amerikanern veranstaltete Ölpest im Golf von Mexiko (Beginn: 20.04.2010) wurde medial weichgespült. 11 Ölarbeiter kamen ums Leben. Das Bohrloch der im Meer versunkenen Plattform „Deepwater Horizon“ konnte lange nicht geschlossen werden, so dass in 1500 m Tiefe Rohöl in rauen Mengen ausströmte – täglich 72 000 Tonnen. Die produktivsten Fischgründe und Krustentiervorkommen wurden zerstört; der Golf gehörte zuvor zu den wichtigsten Aufzuchtgebieten von Fischen. Der Schwarze Tod, wie die Erdölkatastrophen genannt werden, stellt sich immer wieder ein: 1978: Öltanker „Amoco Cadiz“ (Bretagne); 1989: „Exxon Valdez“ (vor Alaska), 1996: „Sea Empress“ (vor Südwales), um nur die folgenschwersten Ereignisse zu nennen. Ein Vorschlag, aus dem Erdöl auszusteigen, gab es noch nie ...
 
Auch vor den hässlichen, ganze Landschaftsbilder beunruhigenden und Vögel wie ganze Störche zu Hackfleisch verarbeitenden, immer grösseren Windkraftwerken drückt man sämtliche Augen zu. Damit die Solarenergie mit ihren hässlichen, funkelnden riesigen Flächen, die anfällt, wenn die Sonne brennt und nicht wenn man sie braucht, überhaupt im grösseren Stil anwendbar ist, nimmt man ganze Länder durchquerende Übertragungsleitungen in Kauf. Muss halt sein.
 
Wenn im Zusammenhang mit Geothermie-Bohrungen Erdbeben ausgelöst oder ganze Dörfer (wie Staufen D) nach der Perforation der Erdkruste durch aufquellende Mineralsalze (Anhydrit im Kristallsystem) in die Höhe gehoben werden, dann regt sich, mit Ausnahme einiger Betroffener, niemand darüber auf. Bohrungen seien immer mit Risiken behaftet, und gerade von solchen technisch erzeugten Erdbeben könne man doch so viel lernen und lehren – die Nachfrage nach Erfahrungswerten sei gross, tröstet man die Ungläubigen.
 
Wettbewerbsverzerrungen sind tabu
Die zeitweilig im Überfluss anfallende und dann wieder ausbleibende Elektrizität stört das Marktgefüge, verzerrt den Wettbewerb; das Gewerbe, das Millionenbussen eintreibt, steht Gewehr bei Fuss. Die Wasserkraft wirft wegen der subventionierten Alternativen keinen Gewinn mehr ab, so dass kein Knochen mehr daran denkt, diese Stromquelle, insbesondere die unbedingt nötigen Speicherwerke/-seen auf einen höheren Stand zu bringen, zu perfektionieren, weil es sich einfach nicht mehr rechnet. Der einzige Trost: Wenn wenigstens die letzten Bach- und Flussstrecken, in denen das Wasser noch frei fliessen und als belebter und belebender Lebensraum dienen kann, vor der Nutzung verschont bleiben, ist das zu begrüssen. Doch im Interesse des Anti-AKW-Kampfs würde man auch diese Zerstörung hinnehmen, wenn sie finanziell attraktiv wäre.
 
Marktverzerrungen durch Subventionen zugunsten der Alternativen müssen ebenso sein wie exorbitante Elektrizitätspreiserhöhungen und Staatssubventionen, die über Steuern beglichen werden müssen, damit die von Doris Leuthard in eigener Kompetenz übers Knie gebrochene Energiewende, zu der das Volk nichts zu sagen hatte, nicht schon zusammenfällt, bevor sie den Kinderschuhen entwachsen ist. Verzerrungen sind bereits vorhanden und mindern die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft herab. Auch die Möglichkeit astronomisch steigender Preise gehört zu den ach so beliebten Risikospielen, wie sie vom Medienmainstream (ausserhalb der KKW) so inbrünstig propagiert werden. Das ist relativ einfach zu bewerkstelligen, sind wir doch zu jedem Risiko bereit, von dem wir glauben, es erhöhe unsere Sicherheit, selbst wenn dieser Glaube auf Fehleinschätzungen beruht.
 
Die in der Schweiz geplante Verdreifachung der Stromsteuer KEV (http://www.kev-referendum.ch/fileadmin/user_upload/kevreferendum_d.pdf) würde die Elektrizitätskonsumenten etwa 600 Mio. CHF pro Jahr kosten, falls die Änderung des Energiegesetzes (EnG) durchkommen sollte. Zum Glück wurde von Christian Riesen, Bornstrasse 86, CH-4612 Wangen bei Olten, dagegen das Referendum ergriffen! Bei ihm kann man Unterschriftenbögen beziehen (www.kev.referendum.ch).
 
Jenseits des Vernünftigen
Die beschriebene, erwachte Lust am Risiko und offenbar auch an tieferen Griffen in den Geldbeutel wäre schwer zu erklären, würden sich die veröffentlichte und öffentliche Meinung rational verhalten. Das ist bei der heutigen Desinformation nicht zu erwarten.
 
In der Wirtschaftstheorie bedeutet das aus dem Italienischen stammende Wort „Risiko“ (rischio) die Möglichkeit eines unerwünschten Ausgangs oder eines ökonomischen Misserfolgs einer wirtschaftlichen Aktivität. Dabei wird von risk (englisch = Ungewissheit) gesprochen, wenn sich die Chancen eines Misserfolgs wahrscheinlichkeitstheoretisch quantifizieren lassen, und von uncertainty (= Unsicherheit) ist die Rede, wenn keinerlei Anhaltspunkte und Informationen über den zu erwartenden Ausgang verfügbar und aufzutreiben sind.
 
Im Zusammenhang mit den Risiken der Alternativenergien besteht die höchstmögliche Unsicherheit, da der Entscheid für die Wende als Nacht-und-Nebel-Aktion getroffen wurde, was natürlich keine Risiko-Beurteilung erlaubte. Das war ein gigantischer, unverantwortlicher politischer Pfusch. Es ist, als ob ein todesmutiger Fallschirmspringer einfach am Gurtzeug den erstbesten Container ergriffen und ihn an seinem Rücken montiert hätte, ohne sich zu vergewissern, ob alles Zubehör verpackt und sich die Reissleine am richtigen Ort befinde. Ein durch nichts zu rechtfertigendes, liederliches Tun, dem noch der Umstand die Krone aufsetzt, dass einiges nicht simuliert werden kann, sondern erst die Arbeit im Felde kann die Fülle der Schwierigkeiten komplett aufdecken. Dann ist es zu spät; der Zug ist abgefahren. Der Schirm war verklemmt.
 
Bemerkenswert ist der Umstand, dass die sich häufenden Störungen und Unglücke auf dem Schweizer Eisenbahnnetz risikophilosophisch ganz anders angegangen werden, obschon dort die Ursachen gewissermassen auf der Hand liegen. Sie sind nicht die Folge von Unterlassungssünden, sondern die Belastung des SBB-Netzes wuchs schneller als der Ausbau der Sicherheitsmassnahmen. Die Schienenstränge wurden zunehmend überlastet, die Züge immer schneller. Und ausgerechnet hier, beim Ausbau der Sicherheitseinrichtungen, die bis zu 2 Mia. CHF kosten könnten, will man nicht dreinschiessen, sondern sich alles gut überlegen und gründlich abklären. Dabei eilt es hier wirklich.
 
Anders war es bei der Energiewende: Ein Zwang zur Eile war dort nicht gegeben – im Gegenteil: Man hätte zuerst auf mehr Klarheit in den Köpfen warten müssen. Die verordnete Wende entstand aus dem aufgrund von Fukushima inszenierten politischen Aktivismus im Hinblick auf die Wahlen, auf dem vor allem linksorientierte Kreise ihre Süppchen kochten und sich und ihrer CVP Bundesrätin Doris Leuthard Stimmen aus dem linken Lager sichern wollte – was sich als Rohrkrepierer erwies. Doch noch ist die Energiewende nicht abgeschlossen, deren Schäden und Kosten sich von Tag zu Tag mehren. Die Grösse zum Eingeständnis, dass sie ein kapitaler Fehler war, und zum Abbruch der Wendezeit scheint niemand zu haben.
 
Wagnis, Gefahr
Im „Knaurs Herkunftswörterbuch“ wird der Begriff Risiko mit Wagnis, Gefahr definiert. Und im „Duden-Universalwörterbuch“ wird darauf hingewiesen, dass mit dem möglichen negativen Ausgang eines riskanten Vorgangs Nachteile, Verluste und Schäden verbunden seien. Genau dies trifft auf die Energiewende zu. Man kann das bereits aufgrund der Erfahrungen, die in kurzer Zeit anfielen, feststellen; das Debakel wurde von Woche zu Woche deutlicher sichtbar, nicht allein auf der Kostenseite, sondern auch in den Sektoren Ökologie und Landschaftsschutz. Wenn daraus in der Politik keine Konsequenzen gezogen wurden, so nur aus dem einen Grund: um dem Risiko, bei den nächsten Wahlen abgestraft zu werden, aus dem Wege zu gehen. Doch das Debakel wird für dessen Veranstalter denselben Effekt haben.
 
In diesem Ausnahmefall ist die Risikofreude bereits wieder verflogen, obschon das kollektive Risiko leichter zu ertragen als das persönliche. Allerdings ist das persönliche Risiko ein Bestandteil des kollektiven. Ökologische Schäden und Mehrkosten treffen jeden Einzelnen. Dass sie den Nachbarn und alle anderen auch behelligen, ist ein schwacher Trost.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs zur Risikokultur
14.03.2005: Mann und Risiko: Leben Paschas wirklich länger?
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