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BLOG vom 22.08.2013


Handwerk-Verrenkungen: Ersatz für gerissenes Storenband
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Nach 41 mehr oder weniger sonnigen Jahren riss das Band, das zum Bedienen des hölzernen, dunkel imprägnierten Lamellenstorens des Cheminéeraumfensters auf der Südseite unseres Hauses bisher tapfer seine Dienste geleistet hatte. Der Storen rasselte hinunter zum Fenstersims, verhinderte den Lichteinfall. Meine Frau besorgte im Storenfachgeschäft Schenker in Schönenwerd SO ein neues Band, das ich bloss noch zu montieren hatte. Zum Glück ahnte ich nicht, was damit auf mich zukam: Dass daraus eine fast tagesfüllende, stressende, handwerkliche Übung werden würde, hätte ich nie gedacht.
 
Ich machte mich voller Zuversicht an die Arbeit, räumte zuerst einmal 72 Bände der antiquarischen „Meyers Klassiker-Ausgaben“ aus dem Bibliographischen Institut in Leipzig mit dem schwungvollen Jugenstil-Dekor vom Brett über dem Fenster. In diesem literarischen Schatz befindet sich das im 13. Jahrhundert entstandene Lied der Nibelunge (Nibelungenlied), welches damals den Durst der Reisenden, insbesondere der Händler, nach Neuigkeiten in lyrischer Form mit viel Dramatik stillte. Die Strophen wurden von fahrenden Sängern vorgetragen. Ich aber hätte eher eine prosaische Gebrauchsanleitung zum Storenband-Ersatz benötigt. Als Klassiker-Ausgabe gibt es diese aber nicht, so dass ich sie hier selber schreiben muss. Ein Original, mit Garantie.
 
Frohgemut besorgte ich mir in meiner Werkstatt den Schraubenzieher der Grösse 4 und machte mich auf einer kleinen Leiter daran, das lange Brett, das zur Rollladenabdeckung dient, loszuschrauben. Die mit weisser Farbe (wie das Brett) übermalten Flachschraubenköpfe – etwa 18 an der Zahl – widerstanden meiner kraftvollen Linksdrehung zwar nicht, zeigten aber auch keinerlei Lust, aus dem Brett herauszutreten, und mochte ich auch noch so lange drehen. Sie mussten nach dem Lösen trickreich mit einer Beisszange herausgezogen werden, waren aber kaum zu fassen. Ich überlegte mir, einen erfahrenen Zahnarzt beizuziehen. Die Schrauben mussten unter ihrem Kopf mit dünnen Spachteln nach vorne gewuchtet werden.
 
Diese Arbeit brachte mich der Verzweiflung nahe, und ich suchte Beruhigung im Nibelungenlied (Strophe 872):
 
„Der König sprach: ,Lasst fahren den mordlichen Zorn!’“.
 
Wohl eine halbe Stunde murkste ich, den aufkeimenden Zorn über die Kapriolen der Schraubenkonstrukteure niederringend. Ich stellte dann fest, dass die Holzschrauben in kurzen Dübeln aus Kunststoff gefasst waren, die sich vor lauter Altersschwäche jetzt mit den Schrauben drehten. Mit Hilfe von Schraubenziehern, Spachteln und einer Flachzange gelang mir das Kunststück, die Schrauben herauszuziehen.
 
Der Holzstoren ist auf ein Metallrohr aufgewickelt, an dessen rechtem Ende ein tief eingekerbtes Metallrad für die Führung und Aufnahme des Storens montiert ist. Aus der Innenseite der Einkerbung ist ein länglicher Dorn zur Storenbandbefestigung aus dem Metallrad herausgebogen. Man muss also mitten ins Band einen Schlitz einschneiden und diesen über den Dorn ziehen. Was gelang. Doch stellte ich fest, dass sich der Storen nicht komplett hochziehen und im Kasten versorgen liess. Nach einer Phase längeren Nachdenkens kam mir endlich die Erleuchtung, dass das 4 Meter lange Band zuerst von vorne und oben um eine Umdrehung ums erwähnte Rad gezogen werden muss und erst dann am Dorn befestigt werden darf. Nur so kann das Hochziehen bis an den Anschlag funktionieren.
 
Die Prozedur des Bandeinziehens in der Enge des Storenkastens erwies sich als recht knifflig, da eine kräftige Männerhand wie die meine in den Zwischenräumen nicht genügend Platz findet. Durch ein sattes Eindrehen gab ich dem Band eine Vordrehung, also eine Eindrehung (Torsion), die ihm mitteilen sollte, welche Richtung es während des Schiebens über das Rad mit den emporstehenden Seitenwänden einzuschlagen hatte. Natürlich war diese Arbeit bei aufgezogenem Storen zu erledigen. Um ihn zum Verharren in jener Höhenlage zu bringen und die Schwerkraft zu überlisten, musste ich eine Holzlatte zuschneiden und unterstellen, abgestellt auf den Fenstersims.
 
Mit allerhand Greifwerkzeugen wie einer länglichen Flachzange gelang mir das Kunststück, das Band unter dem Rad zu fassen, in den Griff zu bekommen und über den Dorn zu stülpen. Ich atmete tief durch.
 
Inzwischen war es Zeit zum Mittagessen. Beim Weiher hatte Eva Mischgemüse mit Gurke, Tomaten, angedünstetem Knoblauch, Gartenkräutern, Kurkuma und dazu Trockenreis aufgetragen. Als ich ihr meine bisherigen Erfahrungen beim Reparieren erzählt hatte, äusserte sie Zweifel an der Belastbarkeit älterer Männer, was mir gerade noch gefehlt hatte.
 
Ich nahm Zuflucht zum Nibelungenvers 873:
 
„Nicht doch“, sprach da Hagen, „da dürft ihr ruhig sein.
Wir leiten in der Stille alles sorglich ein.“
 
In der solchermassen beruhigten Atmosphäre legte ich die Gabel nieder, wollte nun gleich die Storen-Geschichte definitiv hinter mich bringen. Es ging jetzt um die Länge des neuen Bands und den unteren Aufwickelmechanismus. Die Bandlänge wagte ich abzuschätzen, fügte aber noch eine Reserve von etwa 10 cm hinzu. Diese Band muss nahe beim Ende mit einem Loch versehen werden – zum Glück bin ich ein stolzer Besitzer einer Lochzange. Die ausgestanzte, runde Öffnung dient zur Befestigung des Bands am unteren Aufwickelrad, zu dessen Innereien eine Feder gehört, einem aufziehbaren Uhrwerk alter Schule ähnlich.
 
Wiederum schaltete ich alle grauen Hirnzellen aus der Abteilung Handwerkskunst ein. Denn es stellten sich 2 Probleme: Von welcher Seite (vorne, hinten, oben, unten?) ist das Band zu befestigen? Die Lösung: Das Band ist von oben vorne aufs Rad zu führen – und zwar durch die richtige seitliche Öffnung; ich liess mich von der Konstruktion in unserem Schlafzimmer inspirieren. Also befestigte ich es in gleicher Weise, fand aber sogleich heraus, dass ich einen lahmen Storen vor mir hatte. Natürlich musste zuerst musste die Feder aufgezogen werden.
 
Wohl oder übel demontierte ich das Storenschräubchen wieder, als sich an den beiden Händen ein fürchterlicher Muskelkrampf einstellte – ein zusätzliches, behinderndes Übel. Mutmassliche Ursache: Magnesiummangel, eventuell in Verbindung mit einem Wasserdefizit im Körper. Ich löste eine Magnesium-Brausetablette in einem grossen Glas Wasser auf und schüttete die Lösung hinunter. Ohne Erfolg. Immerhin kam mir dank meines orthomolekularen Wissens in den Sinn, dass Muskelkrämpfe, in meinem Fall ausgelöst durch eine starke Belastung der Muskeln der Hand (der Finger), zum Beispiel auch die Folge eines Kalziummangels (eventuell auch eines Kaliummangels) sein können. Ich fand in unserer Hausapotheke zum Glück eine Sandoz-Kautablette „Calcium D3“ (500/440) und kaute pflichtbewusst. So wurde der Mineralstoffmangel an jenem heissen Sommertag in Ordnung gebracht. Der Krampf verschwand, wie er gekommen war, und ich konnte weiterarbeiten.
 
Ich hielt das untere Band-Befestigungsgestänge mit der einen, wieder beweglichen Hand fest und drehte mit der anderen am Rad, bis die innewohnende Feder vollständig aufgezogen, gespannt war. Jetzt nur nicht loslassen! Band befestigen. Nun musste das vorgespannte Rad, das am Storenband stark zog, in die Öffnung im unteren Teil des Fensterrahmens geschoben und die Halteleiste mit Schrauben befestigt werden. Als ich glaubte, einen Schritt weitergekommen zu sein, fiel mir auf, dass ich unten vergessen hatte, die Abdeckung des Bandaufwickelkastens zu montieren. Ausbauen. Band vom Rad lösen, durch beide seitlichen Schlitze (auch jenem in der Abdeckung) richtig einführen, Schräubchen schon wieder befestigen, Bandhalterung an der Fenstereinfassung festschrauben. Fertig.
 
Ich war ebenfalls fertig. Der Storen aber funktioniert seither wunderbar. Wie neu.
 
Ich beende diesen Reparaturvortrag mit dem Schluss des 38. Abenteuers des Nibelungenlieds:
 
„Das ist aller Freuden mir der letzte Tag.
O weh, dass vor Leide niemand doch ersterben mag.“
 
Ich stimme dem zu, bin am Storenband-Leide nicht gestorben, bat Eva aber inständig, die Storen in Zukunft möglichst wenig (nur in Notfällen) zu bewegen, um Band-Abnützungserscheinungen bis hin zum Riss zu vermeiden.
 
Ihre Antwort: „Das nächste Mal bieten wir einen richtigen Handwerker auf.“
 
Das Nibelungenlied dazu (2332):
 
„So leid geschah auf Erden niemandem je.
Ihr gedachtet wenig an mein und Euer Weh.“
 
Doch machte der funktionierende Storen jeden Verdruss wett.
 
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